„Schneewittchensarg“ nannten Presse und Publikum den extravaganten Shooting Brake mit der einzigartig großen gläsernen Heckklappe ohne Rahmen, aber auffällig platziertem Chromgriff. Ab der B-Säule bestimmte lichte Glasarchitektur das gestreckte und flache Kombiheck, das den vielseitigen Volvo schon im Stand schnell aussehen ließ, zumal die scheinbar endlos lange Motorhaube einen Sportmotor mit viel Leistung versprach.

Ein Versprechen, das der Shooting Brake nur teilweise einlösen konnte. So entwickelte der 2,0-Liter-Vierzylinder-Benziner 91 kW/124 PS und damit immerhin fast so viel Kraft wie damals ein Porsche 911 T.  Andererseits erinnerte der etwas raue Motorlauf des betagten nordischen Einspritzers mit untenliegender Nockenwelle eher an einen rustikalen Lastenkombi als an einen sportiven Lifestyletransporter, zumal die Höchstgeschwindigkeit von 185 km/h deutlich unter der damals noch imageträchtigen 200-km/h-Schallmauer lag.

Auch technisch war der Volvo kein Überflieger, basiert er doch komplett auf dem Vorgängermodell 1800. Im Jahr 1972 sollte ein spektakuläres „Backlift“ dem Nordmann ein zweites Leben einhauchen. Was damals noch niemand ahnte: Das gläserne Heck bescherte dem Schneewittchensarg einen bis heute wirkenden märchenhaften Mythos unter den nordischen Meilensteinen. Der Volvo 1800 ES wurde Vorbild vieler Kombi-Coupés und gilt als bedeutendster Urvater moderner Shooting Brakes.

Erkennungszeichen des 2+2-sitzigen 1800 ES war die rahmenlose Heckscheibe, die bis weit unter die Gürtellinie reichte und freie Sicht auf das Gepäck zuließ. Das heute übliche Gepäckrollo gab es nicht einmal gegen Aufpreis. Den Erfolg des 1800 ES konnten solche Kleinigkeiten ebenso wenig einbremsen wie extrem hohe Verkaufspreise, die im Vergleich damals sogar einen Porsche 911 T als  Sonderangebot darstellten. Über 26.000 Mark verlangte Volvo zuletzt für den 1800 ES, fast 3.000 Mark mehr als Porsche den 911-Käufern in Rechnung stellte. Dennoch konnten über 8.000 Kombi-Coupés verkauft werden, die meisten nach Amerika. Beerdigt wurde der Schneewittchensarg nach nur zwei Sommern, neue US-Sicherheitsvorschriften forderten 1973 hohe Nachrüstinvestitionen.

Wie zukunftsweisend der 1800 ES für Volvo war, zeigte zwölf Jahre später der 480 ES. Dieser erste Volvo-Fronttriebler revitalisierte die Idee des Sportkombis - und blieb erheblich näher am Vorbild als der neue V40, bei dem sich Volvo abermals auf die Historie beruft. Märchenpreise erzielt jedoch nur der 1800 ES: Bis zu 35.000 Euro zahlen Fans heute für den Klassiker.

Der Volvo 1800 ES wurde Vorbild vieler Kombi-Coupés und gilt als bedeutendster Urvater moderner Shooting Brakes. Trotzdem wurden nur wenige tausend Autos gebaut.

 
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