Bei uns daheim existiert eine einfache Regel: Wer zehn Schleimpunkte gesammelt hat, darf abends computerspielen. Schleimpunkte gibt es für den, der sich an diesem Tag draußen bewegt hat, der seine Hausaufgaben erledigt hat, der sein Zimmer aufgeräumt hat.

"Wir haben zehn Schleimpunkte", schreien mein sechs- und mein zehnjähriger Sohn, als ich vor ein paar Tagen abends nach Haus komme. "Wir wollen mit Dir FIFA spielen". Der Bundesligastart kommende Woche hat sie wohl infiziert. Gut, ich starte die Playstation, verteile die Controller, lege FIFA 12 ein, konfiguriere ein Turnier so, dass es der letzten Europameisterschaft entspricht, "wir nehmen Deutschland", rufen beide.



Das erste Spiel gegen Portugal: eine Katastrophe. Keiner der beiden bringt einen vernünftigen Pass an. Später bolzen sie die Bälle blind hinten raus. Irgendwann finden es beide lustig, absichtlich im Abseits zu stehen. Das Geschrei ist groß, als ich die Konsole ausschalte.

"Das darfst Du nicht, wir haben zehn Schleimpunkte", argumentiert der Zehnjährige. Er hat leider Recht. Aber wie motiviere ich die Jungs, vernünftigen Digitalfußball zu spielen? Da fällt mir eine ältere Version der FIFA-Reihe ein: FIFA 2010 South Africa, eine spezielle Ausgabe zur damaligen Weltmeisterschaft. Eine mit dem einmaligen Modus Mannschaftskapitän, bei dem sich jeder einen Fußballavatar schafft, der es im Laufe der WM-Qualifikation in die Nationalmannschaft schaffen will (Das aktuelle Addon zum Spiel UEFA Euro 2012 liefert diese Option leider nicht. Es ist ein ohnehin lausiger Zusatz, wie das Fachblatt Gamestar konstatiert). Ob er das erreicht, das entscheiden seine Leistungen in den Testspielen. Für jeden erfolgreichen Pass, jedes sinnvolle Dribbling, jedes präzises Stellungsspiel vergibt der digitale Nationaltrainer Punkte. Diese wirken sich auf die Castingliste des Bundestrainers aus - wer gut spielt, rückt im Rang nach oben, überholt die Ersatzspieler - und wird vielleicht irgendwann Jogis absolute Nummer eins.

Das erste Spiel, ein Freundschaftskick gegen Kroatien. Mein jüngster Sohn führt seine destruktive Spielweise fort - prompt wechselt ihn Jogi Löw in der 60. Minute aus. Wir lachen, er ist beleidigt. Das Spiel endet 1:0, weil der Mittlere kurz vor Schluss das Tor erzielt. Auf Jogis Zettel rutscht er so von Platz 35 auf Rang 30. "Ich fahre zur WM", jubelt er.

Später, die Jungs sind im Bett, denke ich nach. FIFA 10 South Africa und ich funktionieren nach demselben Prinzip: Wir belohnen gewünschtes Verhalten mit Punkten. Und das motiviert. Schließlich will jedes Kind zur Weltmeisterschaft. Und jeder Erwachsene Kinder an der frischen Luft und Ordnung daheim. Manchmal kann Erziehung so einfach sein.

 
© PC-WELT / Maximilian Gaub