Hertha BSC legte einen Tag nach den skandalösen Fan-Tumulten im Relegations-Rückspiel (2:2) beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) Einspruch gegen die Wertung der Partie ein. Nach Angaben von Hertha-Anwalt Christoph Schickhardt strebt der Club ein Wiederholungsspiel an. Der DFB-Kontrollausschuss leitete gegen beide Vereine Ermittlungen ein - wie auch gegen vier Hertha-Profis und Fortuna-Kapitän Andreas Lambertz.

«Ein regulärer Spielbetrieb war für uns nicht mehr möglich», begründete Manager Michael Preetz am Mittwoch in Berlin den Protest des Clubs, «mit einem sportlichen Geschehen hatte dies nichts mehr zu tun.» Es gehe darum, dass die «irregulär zustande gekommene Spielwertung» aufgehoben werde. Die Partie war am Dienstag unter unwürdigen Umständen zu Ende gegangen. Weil Fortuna-Anhänger schon vor dem Abpfiff den Rasen stürmten, musste Schiedsrichter Wolfgang Stark das Spiel für 21 Minuten unterbrechen.

Über den Einspruch und damit auch den Aufstieg der Düsseldorfer entscheidet nun das DFB-Sportgericht, die Verhandlung beginnt an diesem Freitag um 13.30 Uhr in der Frankfurter Verbandszentrale. «Wir können bestätigen, dass Hertha BSC Einspruch gegen die Spielwertung eingelegt hat», sagte Mediendirektor Ralf Köttker. Gegen eine Entscheidung des Sportgerichts können beide Vereine Einspruch einlegen, das Verfahren würde dann vor das DFB-Bundesgericht gehen.

Schickhardt rechnet mit einer zeitnahen Entscheidung und wertet die Chancen des Einspruchs als «absolut groß. Das DFB-Sportgericht wendet die eigene Satzung an und da steht drin, dass ein Spiel, das unter solchen Umständen stattfindet, nicht gewertet wird.» Fortuna- Manager Wolf Werner war zuvor anderer Ansicht. «Ich sehe keinen Handlungsbedarf für einen Protest und gehe fest davon aus, dass wir aufgestiegen sind», sagte er.

Doch auch den Berlinern droht Ärger: Der DFB-Kontrollausschuss ermittelt nicht nur gegen beide Clubs, sondern auch gegen die Hertha-Spieler Lewan Kobiaschwili, Thomas Kraft, Christian Lell und André Mijatovic. Kobiaschwili wird vergeworfen, Schiedsrichter Stark nach Spielende in den Nacken geschlagen zu haben. Seine Teamkollegen sollen den Referee nach Abpfiff beleidigt haben. Zudem laufen Untersuchungen gegen Düsseldorfs Lambertz. Er soll im Anschluss an die Partie ein «Bengalisches Feuer» im Innenraum gehalten haben.

Bereits nach dem 2:1 in der 59. Minute musste Referee Stark die Partie erstmals unterbrechen, weil aus dem Hertha-Block Feuerwerkskörper auf den Rasen geworfen wurden. Richtiges Chaos brach jedoch in der Nachspielzeit beim Stande von 2:2 durch Raffael (85.) aus. Sieben Minuten Verlängerung hatte der Linienrichter angezeigt, doch schon nach knapp sechs stürmten Hunderte Fortuna-Anhänger in den Innenraum. «Ich weiß gar nicht, ob ich mich nach diesen Bildern am Schluss des Spiels freuen soll», sagte Düsseldorfs Vorstandsvorsitzender Peter Frymuth zu den Krawallszenen in der Esprit-Arena.

«Die Fans sind nach einem geglaubten Abpfiff auf das Spielfeld gelaufen. Wir haben dann aber alles getan, um sie wieder aus dem Innenraum zu bringen», erklärte Werner. Da Stark dennoch nach langer Unterbrechung das Spiel fortsetzte, ist für ihn die Sachlage klar: «Damit ist die Spielwertung nicht gefährdet.»

Dafür bangte Hertha-Manager Preetz um das Leben seiner Profis. «Ich glaube, die Sicherheit für die Spieler war nicht mehr gewährleistet. Da ist es schwierig für sie, wieder aus der Kabine zu kommen», sagte Preetz. Stark musste die Berliner dazu bewegen, wieder aus den Katakomben zu kommen. Zuvor hatte er sich bei der Polizei versichert, ob eine gefahrlose Fortsetzung gewährleistet werden könnte.

«Der Schiedsrichter hat die Mannschaft nicht wegen des Fußballs auf den Platz zurückgeführt, sondern nur auf Bitten der Polizei, um eine Eskalation - man hat von einem Blutbad gesprochen - zu verhindern», behauptete Hertha-Anwalt Schickhardt im «Morgenmagazin» von ARD und ZDF. «Ich finde das total überzogen», entgegnete Werner ungehalten. Lob erhielt Stark vom Chef der DFB-Schiedsrichter für sein umsichtiges Handeln. «Aus unserer Sicht hat er das sauber bis zum Ende abgewickelt», erklärte Herbert Fandel.

Die Berliner hatten das Hinspiel mit 1:2 verloren und sind nach dem 2:2 - vorbehaltlich einer DFB-Entscheidung - zum sechsten Mal aus der Bundesliga abgestiegen. Die für Samstag geplante Aufstiegsfeier, für die Maximilian Beister mit seinem Führungstor nach 25 Sekunden den Grundstein gelegt hatte, sagten die Düsseldorfer allerdings ab. Nach dpa-Informationen reagierte der Verein damit auf den Einspruch von Hertha.

Für Manager Werner ist der Höhenflug - von 2002 bis 2004 spielte Fortuna noch in der viertklassigen Oberliga - kaum zu glauben: «Ich hatte vor Jahren eine Vision aufgezeigt, wie wir in den Profi-Fußball zurückkehren können. Da hat man mir gesagt, wer Visionen hat, gehört ins Krankenhaus.»

Für Otto Rehhagel fand seine mutmaßliche letzte Traineraufgabe ein erfolgloses Ende. «Jetzt können wir eine Nacht weinen, dann müssen die Augen nach vorne gerichtet und die Mannschaft verstärkt werden, um einen Neustart zu machen», sagte der 73-Jährige. Die Tumulte bezeichnete er als Katastrophe. «Ich habe so etwas noch nie erlebt.»

Die anhaltenden Vorfälle in deutschen Stadien könnten für deutsche Zuschauer einschneidende Konsequenzen haben. Bislang sei man immer für Stehplätze eingetreten und habe den Fans «viele andere Dinge» als Privileg zugestanden, sagte DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock im ARD-Brennpunkt. «Da darf es erlaubt sein, dass wir neben anderen Dingen, die wir zu betrachten haben, auch über die Privilegien der Fans - Stichwort Fankultur - nachzudenken haben.»

 
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