Klotzen, nicht kleckern. Marseille ist auf dem Sprung zur Top-Kulturmetropole - trotz Finanzkrise und zweifelhaftem Ruf. Die südfranzösische Mittelmeerstadt unterzieht sich einem Rundum-Facelifting. Fantastische und einzigartige Bauten entstehen wie das über 30.000 Quadratmeter große Museum für Zivilisationen Europas und des Mittelmeers (Mucem) oder das Kulturzentrum Cerem, das einem riesigen 16-Meter Sprungbrett ins Meer gleicht. Knapp die Hälfte des Gebäudes liegt mit 18 Metern unter dem Wasser: ein 400 Plätze umfassendes Auditorium mit Bullaugen.

Der Countdown läuft: Am 12. Januar 2013 wird der Startschuss für das Programm der Europäischen Kulturhauptstadt Marseille-Provence fallen. Noch knapp zwölf Monate, in denen die Stadt am Mittelmeer und die Region, die sich von Toulon, Arles bis Aix-en-Provence erstreckt, noch kräftig Hand anlegen muss. Statt futuristischem Kulturzentrum, in das man theoretisch mit dem Schlauchboot fahren könnte, sind noch überall Kräne, Bauzäune und Baulöcher zu sehen.

Marseille 2013. Den Titel brauchte Frankreichs zweitgrößte und älteste Stadt dringend. Denn viele der Megaprojekte waren schon vor der Krönung zur Kulturhauptstadt Europas 2013 im Gang. Nur waren sie ins Stottern geraten. Stararchitekt Rudy Ricciotti wartet bereits seit 2003 auf die Vollendung seines 15 000 Quadratmeter großen Mucem-Neubaus, der mit dem Hauptgebäude in der Festung Saint-Jean durch einen mehrere Meter über dem Meer liegenden Laufsteg verbunden ist. Der insgesamt 30 000 Quadratmeter große, direkt am Hafen liegende Komplex ist weltweit das erste Museum, das den Zivilisationen Europas und des Mittelmeers gewidmet ist.

Auftrieb erhielt auch das Kulturzentrum Cerem, ein Prestigeprojekt, mit dem sich der sozialistische Senator und Präsident der Region Provence-Alpes-Côte dAzur, Michel Vauzelle, ein Denkmal gesetzt hat. Das 10 000 Quadratmeter große Sprungbrett - davon dienen knapp 1300 als Ausstellungsfläche und 1550 als Unter-Wasser-Auditorium - hat soviel gekostet wie das spektakuläre Centre Pompidou-Metz.

Die Metamorphose der Stadt ist nicht mehr aufzuhalten. Seit Marseille dank dem Schnellzug TGV nur noch drei Fahrtstunden von Paris entfernt ist, kaufen immer mehr Pariser schicke Villen an der Uferstraße. Das Panier-Viertel, der einstige Kern von Marseille, ist längst renoviert, ebenso vier weitere Stadtviertel, die in Hafennähe liegen.

Für sieben Milliarden Euro

Dafür, dass das 480 Hektar große Hafengebiet völlig umgekrempelt wird, sorgt das 1995 aus der Taufe gehobene "Euroméditerranée" - das größte urbane Stadtrenovierungsprojekt Europas. Für rund 7 Milliarden Euro werden unter anderem Wolkenkratzer von Stararchitekten aus dem Boden gestampft.

Der von der Irakerin Zaha Hadid entworfene Glasturm wurde im vergangenen September eingeweiht. Aus den Docks ist mittlerweile eine schicke Einkaufs- und Büromeile geworden und in den ehemaligen Getreidesilos finden seit September 2011 Rockkonzerte statt. Hehres Ziel Marseilles: Ein zweites Barcelona zu werden.

Marseille hofft mit dem neuen Titel vom Image als Ganovenstadt loszukommen. Erst vor wenigen Monaten war sie wieder Schauplatz brutaler Revierkämpfe von Drogenhändlern. "Das ist eine andere Kriminalität. In Marseille gibt es an Silvester keine brennenden Autos oder Viertel, in denen sich Polizei und ausländische Jugendliche bekämpfen wie in Paris", sagt Ulrich Fuchs, stellvertretender Leiter von "Marseille Provence 2013". Fuchs wohnt seit zwei Jahren in der größten Hafenstadt Frankreichs, die auf der Liste der gefährlichsten Städte Frankreichs weit vorne steht.

"Kulturhauptstadt ist keine Auszeichnung, sondern ein Stipendium", erklärt Fuchs, der 2009 mitgeholfen hat, Linz als Kulturhauptstadt aus der Wiege zu heben. Dass Marseille gegen Lyon, Bordeaux und Toulouse - seine Mitstreiter um den begehrten Titel - gewonnen habe, sei eine gute Entscheidung gewesen. Dabei zitiert der Kulturmanager Glasgow, das ehemalige "schwarze Loch Europas", für das 1990 der Zuschlag als Kulturhauptstadt Europas der Wendepunkt war.

600 Millionen Euro wurden in Marseille als neue Kulturkulisse am Mittelmeer investiert, nicht zu vergessen die 91 Millionen Euro für das 400 Events umfassende Programm. Die Zahlen schüren auch Befürchtungen, denn die alte Stadt ist bettelarm. Rund die Hälfte der 800 000 Einwohner zahlt keine Steuern. Doch Marseille ist attraktiv und hat viele Trümpfe. Nun heißt es, sie richtig auszuspielen.

 
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