Oben angekommen bannt der Kronplatz magnetisch die Blicke aller aussteigenden Neuankömmlinge. Wo gibt's das schon! Ein 2275 Meter hoch gelegenes, tief verschneites Plateau, auf das bequem fünf, sechs Fußballplätze passen? Mit Gipfelrestaurant im Bahnhofshallen-Format, Après-Ski-Hütten und einer drei Meter hohen Friedensglocke. Die läutet mittags kurz nach zwölf Uhr, und immer wenn irgendwo auf der Welt die Todesstrafe abgeschafft oder ein Krieg beendet wird.

"Dat is de Jipfel!", entweicht es Jupp aus Bergisch Gladbach angesichts der Szenerie. Er sieht aus wie ein Double von Hobbythek-Moderator Jean Pütz, ist – ausweislich seines dicht bedruckten Overalls – erstens "Chefboss" einer rheinischen Skitruppe namens "De Jecken" und hat zweitens mit dieser schon viele Skigebiete unsicher gemacht hat.

Einer Südtiroler Sage nach soll am Kronplatz Prinzessin Dolasilla gekrönt worden sein. Die heutigen Kronjuwelen des Skigebiets sind seine Pisten, deren Breite eine sechsspurige Autobahn übertrifft. "Hier jibbet nur Highways", sagt Jupp erfreut. In nahezu alle Himmelsrichtungen schwingen die Abfahrten vom Kronplatz hinunter. "Sylvester" und "Hernegg" etwa, zwei schwarze Pisten mit atemberaubendem Weitwinkel-Talblick nach Bruneck – die ideale Strecke für alle, die nach fünf Kilometern Steilwand-Carving an der Talstation ihre brennenden Oberschenkel spüren wollen, so wie die rheinischen Jecken.

Richtung Olang hingegen geht's auf blauen und roten Hängen gemächlicher runter. Unten im Ort dann die nächste Begegnung mit der dritten Art: Nicht Alpin-Ski, nicht Langläufer, sondern wieder so ein Sitz-Flitzer. Diesmal noch vorm Start, also nichts wie hin. Paul Sapelza strahlt, als er auf sein Sportgerät angesprochen wird: Aha, ein Kinderski also, hinten abgesägt, mit drauf geschraubtem Hocker und zwei Griffen am Sitz.

"Der Böckl", erklärt Paul, "ist das einheimische Wort für den Melkschemel." Und schon hockt der 49-Jährige drauf: "Vor 50, 60 Jahren hatten viele Bauern kein Geld für Ski und haben sich stattdessen die wendigen Böckl selbst gebastelt, um damit über verschneite Waldwege ins Tal zu fahren." Genau das tut Paul, der Bergführer, heute wieder: Bei seinen Schneeschuhtouren schnallt jeder Wanderer einen etwa zwei Kilo schweren Böckl auf den Rucksack und genießt nach schweißtreibendem Aufstieg die Abfahrt. "Zunächst mit zusammengekniffenen Lippen, dann mit unbeschwertem Kinderlachen im Gesicht", verrät Paul.

Er stapft in den Tiefschnee davon, mit einem verschmitzten "Servus" und dem Hinweis, Olang sei an diesem Wochenende so eine Art Bonsai-Kitzbühel für Böckl-Flitzer. Wegen des jährlichen Rennens, dem "Hahnenkamm für Hocker-Herminatoren". Knapp 300 Teilnehmer – Kinder und Jugendliche, Frauen und Männer – rasen da die Panorama-Piste runter. Anschließend steigt die große Böckl-Party, fast wie im Weltcup-Zirkus. Nur lustiger. Da ist etwa das Racing-Team Steinhäuser am Start: Arno mit selbst gebautem, komplett aus Carbon bestehenden Hightech-Bock. Oder Böckl mit Originalteilen einer Harley Davidson.

Wieder hoch ins weitläufige Skigebiet Kronplatz geht es in einer modernen Stehgondel, quasi das Hauptverkehrsmittel hier, weil sie große Massen von Skifahrern und Snowboardern flott bergwärts transportieren. Zeit für eine entspannte Mittagspause, bitte garantiert DJ-Ötzi-frei! Kein Problem in St. Vigil, dem ruhigsten Ort am Kronplatz. Auf der sonnenüberfluteten Terrasse der Hütte "Col dl'Ancona" spielt das "Quartetto Desueto" mal coolen Jazz, mal "Country Roads" quasi als akustische Sättigungsbeilage zu Spinatknödeln und Käsenocken. Diese gehaltvollen Köstlichkeiten sollten eigentlich ein länger anhaltendes mittägliches Koma auslösen, wäre da nicht eine Selbstversuchs-Idee: dieser unbändige Bock aufs Böckl. Einmal selbst auf so einem Sitz-Ski die Hänge runter zischen.

Markus macht's möglich: Der Skilehrer zeigt Turbo-Beschleunigung durch extreme Rücklage und die Stiefel-Sofortbremse Marke "Hacken-Schorsch". Nach fünf Minuten hat jeder bei Fahrlehrer Markus den Böckl-Führerschein und rasiert mit Kinderski-Kanten quietschvergnügt den "Glatzkopf", so der Spitzname von Einheimischen für den Kronplatz, diesen einmalig eiförmigen Sonnenberg unter den Skigebieten.

 
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