Mit ihrem spitzen weißen Glockenturm überragt die Mariä-Himmelfahrt-Kathedrale das Stadtzentrum von Charkow. Von hier aus geht der Blick weit über die zweitgrößte Stadt der Ukraine. Endlos erstreckt sich die Metropole mit ihren etwa 1,5 Millionen Einwohnern. Doch die wenigen Sehenswürdigkeiten finden sich alle in der Stadtmitte.
Gleich neben der Kathedrale findet sich das hübsche Pokrowski-Kloster. "Jede Woche komme ich hierher, um zu beten", erzählt die Studentin Jelena, die eben die kleine Kirche auf dem Gelände verlässt. "Der Glaube hilft uns", sagt auch Rentnerin Irina. Gemeinsam stärken sich die Frauen an einer Imbissbude vor der Kathedrale. Dort verkaufen Klostermitarbeiterinnen selbstgebackenes Brot und traditionelle Piroggen, mit Kraut oder Fleisch gefüllte Teigtaschen.
Kunstmuseum
Vor allem für Regentage bietet die Stadt mehrere Museen - über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist das Kunstmuseum. Hier findet sich auch eine Kopie des in der Ukraine berühmten Gemäldes "Die Saporoger Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief".
Doch Charkow gilt vor allem als die am meisten sowjetisch geprägte Stadt der Ukraine. Offensichtlich wird dies auf dem gigantischen, zugigen Freiheitsplatz. Mit etwa 112.000 Quadratmetern ist er einer der größten Plätze Europas, eingerahmt vom Haus der Staatlichen Industrie und einem großen Denkmal für Sowjetrevolutionär Wladimir Lenin. Hier soll zur EM die Fan-Meile entstehen.
Gleich daneben lädt der Schewtschenko-Park zum Bummeln und Erholen ein. In den heißen Sommermonaten finden die Charkower hier Schatten. Für Kinder gibt es einen kleinen Zoo, Cafés und Kioske bieten Erfrischungen an. Zurück führt der Weg über die Klochkowskaja-Straße, die neben einem Theater im neoklassizistischen Stil auch viele Restaurants zu bieten hat.
Bekannt ist die Stadt auch für ihre zahlreichen Bildungseinrichtungen - nicht weniger als 42 Hochschulen gibt es. Doch bekannt ist Charkow vor allem als Industriezentrum. Von der Nadel bis zum Flugzeug werde hier alles hergestellt, heißt es in der Ukraine. Doch ein echtes Touristen-Ziel ist die Stadt nicht. Dass Charkow als Spielort der Fußball-Europameisterschaft den Vorzug etwa vor der malerischen Schwarzmeerstadt Odessa erhielt, schreiben viele Ukrainer auch dem Einfluss des Milliardärs Alexander Jaroslawski zu, der zugleich Präsident des lokalen Fußballvereins Metalist ist.
Keine Ausschildung auf Englisch
Größtes Problem für Touristen dürfte sein, dass es so gut wie keine Ausschilderungen auf Englisch gibt. In der Metro, die weite Teile der Stadt abdeckt, sind alle Schilder in Kyrillisch geschrieben. Durchsagen gibt es nur auf Ukrainisch, der Amtssprache."Ich weiß gar nicht, ob sich das bis zur EM noch ändert", sagt Metro-Mitarbeiter Pjotr. "Daran habe ich selbst noch gar nicht gedacht."
Wer Russisch kann, ist klar im Vorteil. Für die meisten Charkower ist Russisch die Muttersprache. Die Banden zum nahen Nachbarn Russland sind enger als zu den Landsleuten im Westen. Ukrainisch verstehen sie kaum.
Die Metro fährt häufig und ist dank ihrer unterschiedlichen farblichen Markierungen relativ einfach zu benutzen. Die Station Sportiwnaja entlässt die Passagiere direkt vor dem Metalist-Stadion, in dem Deutschland gegen die Niederlande spielt. Die Arena ist ein Schmuckkästchen für 35.000 Zuschauer, das Clubchef Jaroslawski persönlich finanziert hat.
Fraglich ist, wo die Besucher übernachten sollen. Hotels sind rar. "Wir sind nun mal keine Touristenstadt", klagt Metalist-Sprecher Sergej Radionow. "Nach der EM brauchen wir keine Hotels mehr."







