Schwarzer oder roter Holunder, Weißdorn oder Douglasie: Bernd Schneider kann alle Zweige, Äste, Pflanzen auseinanderhalten. Genauso bei den Vögeln: Stieglitz oder Dompfaff, Meisen oder Amseln - er kennt sie alle und weiß, was sie gerade mit ihrem Gezwitscher sagen wollen.

„Der Specht macht so einen Lärm, weil er sich ein Nest bauen will, wir ihn aber stören.“ Also geht es schnell weiter durch den Westerwald, Schneiders Heimat und Revier. Der Jäger, Förster, Besitzer von 50 Hektar Wald, Vater von zwei Kindern und Besitzer eines lauschigen Cafés ist Experte für den Westerwald. Wenn jemand Ahnung hat, dann der 45-jährige „Naturfreak“, wie er sich selbst beschreibt.

Strammen Schrittes führt er seine Gruppen, die ihn für eine mehrstündige Tour buchen, durch den Wald. Erstes Ziel dieser Route, die am Wiesensee begonnen hat und im Hofcafé Dapprich in Seck enden soll: die Holzbachschlucht. Dort kommt alles zusammen, was den Westerwald ausmacht, dessen Reize in einem Volkslied („O du schöner Westerwald“) oft besungen wurden: Basaltblöcke, bemooste Bäume, ein Wildbach, der sich mit großem Getöse den Weg ins Tal bahnt. Romantik und Natur pur. Darum ist die 1000 Meter lange Schlucht auch beliebtes Ausflugsziel. Wanderer machen sogar Picknick dort und genießen die wildromantische Atmosphäre.

Schneider erzählt von einer fast 80 Jahre alten Eiche und einer 50 Jahre alten Buche, die sich wie ein Liebespaar umklammern: Die Wurzeln beider Bäume haben sich verhakt, der Boden ist an- und wieder weggeschwemmt, Basaltsteine stützen die Wurzeln - und so sieht das Ensemble aus wie ein Mammutbaum aus vergangenen Zeiten.

„Und jetzt alle mal den Baum umarmen“, so ermuntert Schneider seine Gruppe an der nächsten Ecke. „Einmal umarmen, die Augen zu, dann wieder auf und ganz weit nach oben gucken - da ist der Himmel.“ Mit dieser Aktion, die er vor allem mit den Schulklassen macht, will er zeigen, dass die Bäume, der Wald, ein Teil des Lebens sind.

Der Experte und seine Gruppe haben noch einen Auftrag: „Vergesst mir die Birkenblätter nicht“ - diese Worte hat ihnen Annerose Wiederstein-Kexel beim Start der Wanderung zugerufen. Birkenblätter? Die braucht die Leiterin der Wellness-Abteilung im Lindner-Hotel am Wiesensee für verschiedene Beauty-Anwendungen wie Kräuterstempel oder Körpermassagen.

Salat mit Birkenblättern im Backteig

Aber auch der Koch Roland Friedrich benötigt die Blätter am Abend, um daraus Salat mit Birkenblättern im Backteig zu machen. Die Birke ist einer der wichtigsten Bäume im Westerwald. Sie war der Göttin Freya geweiht und gilt heute noch als Symbol für den Frühling - der Maibaum wird Jahr für Jahr in vielen Gemeinden aus einer Birke geschmückt. Generell gelten die Produkte aus der Birke als entschlackend, entgiftend und körperstraffend.

Schneider kommt langsam seinem Ziel näher: dem Hofcafé Dapprich. „Hier ist meine Heimat“, sagt er gar nicht so sehr pathetisch. Ein paar Meter weiter wartet das Café-Team schon mit Möhrenschnaps, Sauerrahmtorte und dem legendären Eier-Käse, den man im Westerwald mit Zimt und Zucker genießt.

Dort endet die Wandertour, die aber nur einen kleinen Ausschnitt aus dem großen Spektrum des Westerwaldes geben kann. Wer mag, unternimmt einen Ausflug in den 140 Hektar großen Stöffel-Park: In diesem Steinbruch wurden und werden die für die Gegend typischen Basaltsteine abgebaut. Drumherum ist ein interaktives Museum entstanden.

Dann gibt es eine Wildkräuter-Wanderroute, man kann auf dem Flugplatz Ailertchen Gleitfliegen oder Fallschirmspringen oder sich an verschiedenen Orten über das Projekt „Kräuterwind“ informieren: Der Zusammenschluss von unterschiedlichen Anbietern organisiert übers Jahr Kräuter-Workshops, Gartenpflege-Info-Abende oder lädt zur Genussrallye ein. Einzelne Manufakturen verkaufen Brot, Schnaps, Essig, Seife, Kürbisse, Senf, Tinte, Käse, Wurst oder Honig - alles vor Ort aus heimischen Produkten hergestellt.

Am Ende der Wanderung hat Bernd Schneider bei seiner Suche doch noch Erfolg. Er findet genügend frische Birkenblätter für die Kräuterstempel und den Salat. Seinen Fund liefert er in der Wellness-Abteilung und Küche des Hotels ab. 

 
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