Die fünftgrößte Stadt der Niederlande passiert man für gewöhnlich auf dem Weg in die malerische Küstenregion Zeeland, wo sich Badeorte wie Domburg, Vlissingen oder Renesse einen Ruf als Touristenhochburgen erworben haben. Alternativ bietet sich der Eindhovener Flughafen als Ankunftsort an: Nicht nur die irische Großgesellschaft Ryanair zählt den Philips-Stammsitz zu ihren Destinationen.

Pendant zu Leverkusen

Apropos Philips: Nahezu parallel zum Aufstieg Leverkusens unter der Ägide des Bayer-Konzerns erfolgte das Wachstum Eindhovens mit dem 1891 gegründeten Elektronik-Riesen als Triebfeder. Wie Bayer schuf auch Philipps eigene Arbeitersiedlungen, die heute jedoch nur noch rudimentär vorhanden sind. Wie Bayer erkannte auch Philipps die Bedeutung des Fußballs als effiziente Ausgleichsfläche für seine Angestellten: 22 Jahre nach der Unternehmensgründung wurde der Philips‘ Sport Vereiniging (PSV) aus der Taufe gehoben und sollte in der Folgezeit allerdings größere Erfolge erzielen als sein deutsches Pendant.

Ähnlich wie Bayer 04 wurde die PSV zur Heimatstätte großer Fußballer – unter ihnen die brasilianischen Weltstars Romario und Ronaldo. Der bodenständige Werksklub huldigt vor seiner Arena jedoch anderen Idolen: In lebensgroßen bronzenen Abbildern finden sich dort Coen Dillen, der mit 43 Treffern den nationalen Torschützenrekord hält, und der PSV-Rekordspieler Willy van der Kuijlen.

Katholisches Zentrum in protestantischem Land

Van der Kuijlen erhielt 1964 den Taufnamen Wilhelmus Martinus Leonardus Johannes und verweist mit dieser klangvollen lateinischen Reminiszenz auf den Charakter Eindhovens als katholische Enklave der Niederlande. Denn unter den Katholiken der Stadt, die heute noch rund zwei Drittel der Einwohnerschaft stellen, wie im gesamten Land, dient die Vergabe lateinischer Taufnamen als Erkennungszeichen einer konfessionellen Minorität. 

Entsprechend sind nahezu sämtliche Sakralbauten der Stadt katholisch, unter ihnen die beiden Innenstadtpfarren St. Katharina und St. Joris. Architektonisch sind sie ausnahmslos im neogotischen Stil gehalten, mit ihren dunkelbraunen Backstein-Fassaden stellen sie sich in eine Reihe mit der auch im Rheinland üblichen Kirchenbauweise an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert.

Jene Epoche kann zweifellos als das goldene Zeitalter Eindhovens bezeichnet werden. Denn neben Philips trat ein weiteres mittlerweile global agierendes Unternehmen auf den Plan: 1928 wurde der nach seinem Gründer van Doorne benannte LKW-Produzent DAF (van Doorne Aanhanger Fabriek) aus der Taufe gehoben, der erst 1996 in US-amerikanische Hände überging. Heute erinnert das werkseigene Museum an die wechselvolle Firmenhistorie, die ihre Wurzeln in Schweißarbeiten für Philips hat.

 

Ein Picasso ist zu bestaunen

Doch nicht nur Industrie und Fußball fungieren als Kennzeichen der rund 215.000 Einwohner zählenden Stadt. Wie in den mittlerweile als Kultur- und Naherholungsgebieten geschätzten Ballungsgebieten des Ruhrgebiets hat sich auch Eindhoven diesem Wandel erfolgreich unterworfen.

Das unumstrittene Flaggschiff ist das bereits 1936 gegründete Van Abbe Museum, das seit 2003 durch den dekonstruktivistischen, an Gehry und Libeskind erinnernden Neubau und seine Werke von Kandinsky, Chagall, Beuys und Picasso eine Spitzenstellung in der Museumslandschaft unseres Nachbarlandes einnimmt. Aber auch das Jugendkulturzentrum Dynamo – einer der größten Metaller-Treffpunkte Westeuropas –, der pittoreske Pfad am Innenstadtfluss Dommel oder die prachtvollen Industriellen-Villen zeugen vom Charakter der Stadt als Geheimtipp der südlichen Niederlande.

Nicht zuletzt fällt das junge Erscheinungsbild Eindhovens auf, dessen wesentlicher Ursprung in der über 7500 Studenten zählenden Technischen Universität liegt. Doch ihr Ruf als Partyzentrum scheint sich in der gesamten Region etabliert zu haben. Nicht anders lässt sich der Umstand erklären, dass schätzungsweise jedes dritte Haus der Innenstadt eine Bar beherbergt. Weitaus höher liegt die Quote in der Partymeile zwischen dem Van Abbe Museum und der Katharinenkirche, dem legendären Stratumseind.
 

 

 
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