Ein ruhiger Dienstagmorgen in Cusano Milanino. Es ist der 10. März 1998, halb Neun. In der italienischen Kleinstadt bei Mailand macht sich Giovanni Trapattoni, 58, beim Frühstück ein paar Notizen. Am Nachmittag will der Trainerfuchs in München sein - und über die Lage beim kriselnden Deutschen Rekordmeister FC Bayern sprechen. Die Bayern haben in der Liga längst den Spitznamen "FC Hollywood". Doch damit nicht genug. Am 25. Spieltag hat Aufsteiger 1. FC Kaiserslautern an der Tabellenspitze sieben Zähler zwischen sich und die stolzen Münchner gebracht. Eine Demütigung - nicht nur für den Maestro.

Unterwegs nach München: Trap plant den Rundumschlag

Trapattoni fährt los. 550 Kilometer sind es bis nach München. Er hört Klassik. Die Schmähgesänge der Schalker Fans nach Bayerns 0:1-Niederlage im Sonntagsspiel im Parkstadion klingen ihm noch in den Ohren. Was kaum jemand weiß: Vor der Rückfahrt nach Italien hat er seinem Ärger schon im Essener Sheraton-Hotel, im Gespräch mit Manager Uli Hoeneß und Co-Trainer Egon Coordes, Luft gemacht. Der Gentleman hat geflucht wie ein Kesselflicker - und im Konferenzraum eine Flasche Rotwein umgestoßen. Flasche leer. Wie sehr sich dieses Stillleben beim italienischen Altmeister eingeprägt hat, wird man an diesem denkwürdigen Tag noch erfahren. In Trapattoni brodelt es. Er ruft seinen Freund Gerhard Gotsch an. Der besitzt die Marketingrechte für Trapattonis Ex-Vereine Juventus Turin und Inter Mailand im deutschsprachigen Raum. Gotsch gibt über Autotelefon einen kurzen Überblick zu dem, was die deutschen Zeitungen nach dem Schalke-Spiel so geschrieben haben. Und, dass drängende Fragen gestellt wurden: Spielt Bayern zu defensiv? Ist Trapattoni noch der Richtige? Auch erwähnt er, dass sich Mario Basler und Mehmet Scholl vor laufender Kamera beschwert hätten, dass sie in Gelsenkirchen nicht in der Startelf standen. Und dann war da noch Thomas Strunz, der "seine Auswechslung nicht nachvollziehen konnte." Aha.

Der Maestro überrascht alle

Trapattoni hat genug. "Ich muss jetzt Klartext reden", signalisiert er. Gotsch hält das für keine gute Idee: "Tu es nicht." In München ahnt Bayern-Pressechef Markus Hörwick noch nichts von dem, was sich auf der Salzburger Autobahn zusammenbraut. Er ruft Trapattoni routinemäßig im Auto an, kann jedoch keine Missstimmung beim Maestro erkennen. Auch Fausto hat keine Ahnung. Der Trapattoni-Freund hat seit 1986 im Münchner Süden ein italienisches Restaurant. "Und, Giovanni, was sagst Du zu Deinen Bayern?", scherzt er am Telefon. "Das wirst Du noch früh genug hören, mein Freund", entgegnet "Il Trap".

Trapattonis Zettel: Hörwick ahnt Böses

Am frühen Nachmittag parkt der Bayern-Coach seinen Dienstwagen vor der Geschäftsstelle. Auf dem Trainingsgelände ziehen sich die Spieler für die Nachmittagseinheit um. Auch Thomas Strunz, 29, der seine Auswechslung auf Schalke immer noch nicht nachvollziehen kann. Im Trainerzimmer bespricht sich Trap kurz mit Coordes und Hörwick. Mit Unbehagen blickt der Pressesprecher auf die Handzettel, die Trapattoni mitgebracht hat. Was hat er vor? In wenigen Minuten werden es Hörwick und der Rest der Fußballnation wissen. "Lass uns nicht warten", sagt der Trainer kurz vor 15 Uhr - und geht zum Presseraum.

"Was erlauben Strunz?" - Der Kult ist perfekt

Mit "Sind Sie bereit?" beginnt der Erfolgscoach, der alle drei Europapokale gewonnen hat, sein Statement. Erst spricht er langsam. "Es gibt im Moment in diese Mannschaft, oh einige Spieler vergessen innen Profi, was sie sind." Dann geht es im Stakkato weiter. "Ein Trainer ist nicht ein Idiot!", poltert Trapattoni. Er schlägt mit der Hand auf das Pult, gestikuliert wild. Wie Tage zuvor in Essen. Flasche leer. Der Gentleman redet sich in Rage. "Es gibte Spieler, die zwei o drei vier Spieler ware schwach wie eine Flasche leer", radebrecht er. Gemeint sind Basler, Strunz und Scholl ("E mehr Mehmet"). "Struunz! Strunz Ist zwei Jahre hier hat gespielt zehn Spiel", rechnet Trap vor, "ist immer verletzt. Was erlauben Strunz?" Und er vergisst auch die Guten nicht: "Letzte Jahre Meister geworden mit Hamann e Nerlinger. Diese Spieler waren Spieler!" Er hat Mühe, die Contenance zu wahren. "Ich bin müde jetzt Vater dieser Spieler äh verteidige diese Spieler! Ich habe immer die Schulde", klagt er - und verabschiedet sich mit "Ich habe fertig."

"Die Geschichte des Jahrhunderts"

Sekunden der Stille vergehen. Dann gibt es im Presseraum seichten Beifall. Trapattoni dreht sich auf dem Weg zum Kabinengang um: "Ich kann Worte noch einmal wiederholen." Braucht er nicht - die Wut-Rede verbreitet sich wie ein Lauffeuer. SAT-1-Reporter Uli Köhler hat keinen Zweifel: "Das ist die Geschichte des Jahrhunderts." Während die Journalisten ungläubig ihre Diktiergeräte prüfen, ob alles aufgezeichnet ist, fährt Trapattoni erst mal zu Fausto, dann in seine Wohnung in der Nähe des Münchner Rathauses.

Wo bleibt Frank Elstner?

Thomas Strunz ist kurz nach dem Donnerwetter schon zu Hause. "Man kann sich vorstellen, was danach an meinem Telefon los war", erzählt er im Rückblick, "ich wusste von nichts, habe vorm Fernseher gesessen und alles bei Täglich Ran gesehen. Ich dachte mir: In 30 Sekunden wird es klingeln und Frank Elstner wird mit der versteckten Kamera reinkommen." Das passiert nicht. Die Trapattoni-Kiste ist echt. Dennoch wundert sich Strunz bis heute über den Temperamentsausbruch: "Ich hielt das Ganze für einen Scherz, so kannte ich Trapattoni nicht." Für Strunz ist in diesem Moment klar: "Dieser Auftritt gehört ab sofort zu meiner eigenen Geschichte und zur Bundesliga-Historie." Die Kritik des Maestro kontert er mit einem Zitat von Marius Müller-Westernhagen: "Ich habe mir nichts vorzuwerfen."

Sternstunde für das Spaß-Fernsehen

In der Fußball-Bundesliga schlägt die Stunde der Komödianten. Eine Rap-Single drängt auf den Markt, Late-Night-Talker Harald Schmidt verulkt den Italiener in seiner Show als "Giovanni Trapaschmidti." Für Thomas Strunz ist es weniger witzig. "Egal, wo ich war", berichtet der frühere Bayern-Spieler, "überall wurde mir ,Was erlauben Strunz?´ nachgebrüllt." Dass der Nationalspieler bis heute mit dem Trapattoni-Ausspruch in Verbindung gebracht wird, stört Strunz nicht: "Mein Bekanntheitsgrad heute beruht auf den sportlichen Dingen und auf der Pressekonferenz mit Trapattoni, aber ich fühle mich nicht darauf reduziert." Mit Blick auf die letztlich enttäuschende Saison 1997/98 beim Rekordmeister - Bayern bleibt nur der DFB-Pokal als Trostpreis - versteht Strunz heute die Kritik seines damaligen Trainers: "Wir hatten eine schwierige sportliche Phase, haben wenig Tore gemacht und nicht kreativ gespielt."

Trapattoni hat tatsächlich fertig

Trapattoni zieht daraus die Konsequenzen. Nur eine Woche später löst er seinen Vier-Jahres-Vertrag beim FC Bayern auf, verzichtet auf Millionen. "Der eruptive Wortschwall im hoffnungslos überfüllten Presseraum war nur noch Ausdruck eines insgesamt drei Jahre dauernden Missverständnisses", schreibt FOCUS. Thomas Strunz dagegen lässt - wie der ebenfalls gescholtene Mehmet Scholl - bis heute nichts über Giovanni Trapattoni kommen. "Er war mit der beste Trainer, den ich je hatte, war sehr menschlich und detailbesessen." Entsprechend herzlich fällt ein Wiedersehen der beiden in der Bundesliga im August 2005 in Stuttgart aus. Trapattoni ist inzwischen Trainer beim VfB ("Ich e wieder da"), Strunz ist Manager beim VfL Wolfsburg und sicher: "Es ist nichts hängen geblieben." Und bei Trapattoni? Im Sommer 1999 kehrt der Fußball-Besessene mit dem AC Florenz zu einem Testspiel nach Deutschland zurück. Ausgerechnet nach Kaiserslautern. Von einem jungen Journalisten wird er auf die Wut-Rede angesprochen. Trapattoni lächelt milde: "Das war eine große Spaß."

Der Fußball-Promi: Thomas Strunz (44) spielte von 1989 bis 2001 insgesamt 235 Mal für den FC Bayern München und den VfB Stuttgart in der Fußball-Bundesliga und absolvierte 41 Länderspiele für Deutschland. Größter Erfolg: Der Gewinn der Europameisterschaft 1996 in England. Mit dem FC Bayern wurde der gebürtige Duisburger fünf Mal (1990, 1997, 1999-2001) Deutscher Meister, zwei Mal DFB-Pokalsieger (1998, 2000) und UEFA-Pokal-Sieger 1996. Nach seiner aktiven Karriere arbeitete er u. a. als Manager beim VfL Wolfsburg und ist heute in Düsseldorf als Spielerberater und als Fernseh-Experte bei SPORT 1 und LIGA TOTAL tätig.
 
© SMS/Carsten Germann