London, Anfang der 70er-Jahre: Der Kalte Krieg ist auf dem Höhepunkt angelangt, die Supermächte rüsten ihr nukleares Vernichtungspotenzial auf, die Spionageringe des kapitalistischen Westens und des kommunistischen Ostens bekämpfen sich mit allen Mitteln. Einer dieser Krieger im Verborgenen ist George Smiley, ein unscheinbarer, aber hochintelligenter Veteran des britischen Geheimdienstes MI6. Er führt ein Spezialistenteam an, das den Feind infiltriert und tonnenweise geheimes Material aus Moskau sammelt. Doch dann geraten die Männer aus der britischen Abwehrzentrale - die von den Agenten achtlos "der Zirkus" genannt wird - selbst ins Fadenkreuz des Gegners. Der Topspion George Smiley ist die berühmteste literarische Figur des englischen Schriftstellers John Le Carré. Erstmals tauchte er 1961 als rangniederer Abwehragent in "Schatten von Gestern" auf (1966 von Sidney Lumet verfilmt). Der auf dem realen Vorbild des Spions John Michael Ward basierende Einzelgänger war später auch mürrischer Protagonist der Thriller "Dame, König, As, Spion" (1974), "Eine Art Held" (1977) und "Agent in eigener Sache" (1979). Berühmt wurde der wortkarge Kalte Krieger durch den BBC-Mehrteiler "Dame, König, As, Spion", in dem Alec Guinness den George Smiley spielte.
Der schwedische Regisseur Tomas Alfredson ("So finster die Nacht") wagte sich jetzt an eine starbesetzte Neuverfilmung des Stoffs.Gary Oldman verkörpert den Smiley, John Hurt mimt den gestrengen "Zirkus"-Boss Control, in weiteren Rollen agieren Mark Strong, Tom Hardy, BBC-"Sherlock Holmes" Benedict Cumberbatch und Colin Firth. Der Film beginnt mit einer Auslandsmission in Budapest, die unter dramatischen Umständen scheitert. Control und sein engster Vertrauter Smiley müssen darauf den Hut nehmen. Als Monate später der Verdacht aufkommt, in die Spitze des MI6 habe sich ein sowjetischer Doppelagent eingeschlichen, wird Smiley zurückbeordert. Es beginnt ein spannungsgeladenes Katz-und-Maus-Spiel, in dessen Verlauf der reaktivierte Geheimdienst-Pensionär eine riskante Scharade startet. Die vielen (fast ausnahmslos männlichen) Figuren der Geschichte, aber auch die zahlreichen Rückblenden und Zeitsprünge erfordern die höchste Konzentration des Zuschauers. "Dame, König, As, Spion" funktioniert über weite Strecken wie ein Kammerspiel. Vor allem in der ersten Hälfte ist das Erzähltempo äußerst langsam, fast schleppend. Erst gegen Ende nimmt der Film langsam Fahrt auf und entwickelt sich zu einem Spionagethriller alter Schule. Alfredsons erste englischsprachige Arbeit erzeugt eine fast hermetische Spannung, die in den wortreichen Szenen in der Kommandozentrale des MI6 gipfelt: Jeder gegen jeden, Spion gegen Spion. Die eisige Atmosphäre dieser Sequenzen bestimmt den Moll-Kammerton der Inszenierung. Der Film ist kühl, very british und von einer fast klinischen Strenge. Das großartige DarstellerÂensemble hilft über die vielen HandlungsÂwirren aber spielend hinweg: Jeder Blick, jedes beiläufige Heben einer Augenbraue könnte mehr bedeuten, als es auf Anhieb scheint. Alfredsons "Dame, König, As, Spion" ist kein Film für ein James-Bond-Publikum, sondern eine illusions- und schonungslose Betrachtung der schmutzigen Seite des Geheimdienstgeschäfts. Agenten leben einsam. Und meistens sterben sie auch so.
Text u. Wertung: CINEMA Online