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Joy Denalane: Viele werden diese Krise nicht überstehen

11.12.2020 - Die Live-Branche ist vom Lockdown hart getroffen. Er könnte «sehr bitter ausgehen», warnt Soulsängerin Joy Denalane. Ein Interview zur Lage der Branche.

  • Zwischen Hoffen und Bangen: Joy Denalane. Foto: Henning Kaiser/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Zwischen Hoffen und Bangen: Joy Denalane. Foto: Henning Kaiser/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Die Live-Branche leidet besonders unter dem Corona-Lockdown - nicht nur Künstlerinnen und Künstler, sondern vor allem auch die Menschen hinter den Kulissen: Bühnenbauer, Tontechniker oder Caterer.

Für sie treten Stars wie Peter Maffay, Die Fantastischen Vier und Rea Garvey am 12. und 13. Dezember beim digitalen Festival #lauterwerden auf (Livestream bei MagentaMusik 360 und MagentaTV). Der Erlös soll an Solo-Selbstständige verteilt werden.

Mit dabei: Soulsängerin Joy Denalane, die mit «Let Yourself Be Loved» als erste Deutsche ein Album auf dem legendären Motown Label veröffentlicht hat.

Frage: Wie erleben Sie selbst aktuell die Corona-Krise und den Lockdown?

Joy Denalane: «Es fällt mir schwer, in wenigen Worten zu erklären, wie sich die Krise und dieser Lockdown anfühlt, weil es einfach eine außerordentliche Zeit ist, in der wir uns alle gemeinsam befinden. Das Gute daran ist, dass diese Krise eine kollektive Erfahrung ist. Sie bringt unglaublich viele Herausforderungen mit sich und zwingt uns praktisch dazu, das Leben mit neuen Denkmechanismen anzugehen - was ich zum Teil auch als positiv empfinde.

Auf der anderen Seite ist man oft am Verzweifeln, weil man sich nicht vorstellen kann, wie und vor allem wann es weitergeht und man jetzt noch nicht sagen kann, was noch übrig sein wird, wenn wir über den Berg sind. Das bleibt einfach abzuwarten.

Mir persönlich geht es eigentlich sehr gut. Ich bin bisher sehr aktiv durch das Jahr gegangen und hoffe, dass ich diesen Antrieb auch noch ein bisschen länger in mir tragen kann. Vor allem die Lust darauf, zu arbeiten und Neues zu schaffen.»

Frage: Wie war es für Sie, in diesem Jahr in dieser Situation ein Album zu veröffentlichen?

Joy Denalane: «Gefühlsmäßig kam bei mir sehr viel zusammen, ausgerechnet in diesem Jahr, in dieser Krise, ein Album zu veröffentlichen. Ich bin total froh darüber, dass mein Album so gut angenommen wird und auf so viel positive Resonanz trifft. Wenn ich ganz ehrlich bin, dann hätte ich das in der Form nicht erwartet, weshalb es mich jetzt natürlich umso mehr freut.

Auf der anderen Seite war vor dem Release des Albums aber auch schon klar, dass ich zunächst nicht, wie gewohnt, auf Tour gehen werden kann. Vielmehr war es notwendig, dass ich mir andere Dinge überlege und im Grunde eine ungewisse Zukunft plane. Und genau das habe ich getan, was mal besser, mal schlechter läuft.»

Frage: Wie ist die Situation der vielen Crew-Helfer hinter der Bühne?

Joy Denalane: «Den vielen Menschen hinter den Kulissen geht es natürlich nicht gut. Davon kann man sich ja überall überzeugen. Zum größten Teil sind sie seit Monaten ohne Arbeit und haben aktuell auch keine Perspektive. Natürlich planen alle von ihnen in Richtung Frühjahr 2021, genauso wie ich selbst auch, obwohl noch gar kein wirkliches Ende in Sicht ist.

Von daher herrscht auch Ratlosigkeit und Verzweiflung, weil es für all die Helfer*innen und Crews bedeutet, dass sie keine Einnahmen haben. Es ist für mich wirklich unvorstellbar, dass diese Menschen, die hinter der Bühne stehen und Konzerte und Produktionen überhaupt erst möglich machen und damit Kunst und Kultur auf die Bühne bringen, dermaßen sich selbst überlassen werden. Und das, obwohl sie eben das Rückgrat unserer Kultur sind!»

Frage: Der Teil-Lockdown wurde nun weiter bis in den Januar verlängert, was bedeutet das für die Live-Branche? Reichen die Hilfen aus?

Joy Denalane: «Momentan lässt sich noch gar nicht genau absehen, wie die Spätfolgen und Auswirkungen von Corona für die Live-Branche sein werden. Ich persönlich glaube leider, dass es sehr bitter ausgehen wird. Ich kann mir vorstellen, dass viele Veranstaltungsorte und Konzerthäuser diese Krise nicht überstehen werden. Vielleicht bleiben die Locations selbst erhalten, aber die Betreiber*innen dieser nicht - was genauso tragisch wäre. Hier sollte man in Zukunft ganz genau hinschauen, denn, wenn ein Veranstaltungsort selbst überlebt, heißt es nicht auch, dass die Betreiber*innen überlebt haben.»

Frage: Wird die Musikbranche ungerecht behandelt, oder gibt es auch Verständnis für die Maßnahmen?

Joy Denalane: «Ich denke eher, dass durch diese Krise Probleme aufgedeckt und beleuchtet werden, die es auch schon vor Corona in der Musikbranche gab. Im Augenblick ist natürlich die gesamte Live-Branche komplett am Einbrechen, was wiederum all die anderen Schwächen der Branche evident macht, die es schon viel länger gibt. Wenn wir zum Beispiel mal die Verwertung von Musik nehmen, dann ist uns in dieser Hinsicht viel entglitten in den letzten Jahren, meine ich. Und von daher hoffe ich, dass all das jetzt ein ganz guter Moment ist, um sich gemeinsam hinzusetzen, sich zusammenzutun und zu überlegen, wie das Ganze eigentlich weitergehen kann und wie es eben nicht mehr weitergehen darf.»

Frage: Welche langfristigen Folgen wird Corona für die Branche haben?

Joy Denalane: «Ich vermag natürlich nicht zu sagen, wie sich die Pandemie auf die gesamte Musikbranche auswirken wird. Ich kann mir jeweils nur eine Momentaufnahme anschauen und antizipieren, was all das gerade bedeutet. Man muss hier, wie gesagt, einfach abwarten. Ich bin der Überzeugung, dass der Leidensdruck so hoch ist bei den Kolleg*innen, dass es die Konsequenz sein muss, sich zu sammeln, gemeinsam zu überdenken, aber eben auch dafür zu kämpfen, dass zum Beispiel die Verwertung von Musik neu gedacht wird.

Es muss letztlich Wege geben, auch die Musiker*innen wieder mehr an der Arbeit partizipieren zu lassen, die er/sie da leistet. Das gilt natürlich nicht nur für die Musiker*innen, sondern auch für all jene, da aktiv dabei mithelfen, eine Karriere voranzutreiben.»

ZUR PERSON: Joy Denalane gilt als die beste deutsche Soul-Sängerin. Seit ihrem Debüt «Mamani» (2002) hat sie fünf Alben in den Top 10 der deutschen Charts platziert, zuletzt «Let Yourself be loved». Die 47-jährige Berlinerin engagiert sich auch gesellschaftspolitisch, etwa für eine stärkere Präsenz von Frauen in der Musikbranche.

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