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Popcornstimmung trotz Corona

12.05.2020 - Das Kino ermöglichte schon immer die Flucht aus dem Alltag. Aktuell scheint ein wenig Eskapismus besonders attraktiv. Weil die Lichtspielhäuser geschlossen bleiben müssen, hat ein kinematographisches Auslaufmodell plötzlich wieder Hochkonjunktur. 

  • Autokinos wie dieses in Mülheim sprießen aktuell aus dem Boden © Jochen

    Autokinos wie dieses in Mülheim sprießen aktuell aus dem Boden © Jochen Tack

  • Trotz Sonne ist das Bild auf der 18 mal 8 Meter großen LED-Wand klar zu erkennen © SP-X/Holger

    Trotz Sonne ist das Bild auf der 18 mal 8 Meter großen LED-Wand klar zu erkennen © SP-X/Holger Holzer

  • Mit der Bedienung des Autoradios sollte man sich frühzeitig vertraut machen © SP-X/Holger

    Mit der Bedienung des Autoradios sollte man sich frühzeitig vertraut machen © SP-X/Holger Holzer

  • Neben Filmen gab es Essen unter anderem auch Konzerte © Jochen

    Neben Filmen gab es Essen unter anderem auch Konzerte © Jochen Tack

  • Im Vergleich mit Präsenz-Autokinos sind die Pop-up-Varianten eher klein © Jochen

    Im Vergleich mit Präsenz-Autokinos sind die Pop-up-Varianten eher klein © Jochen Tack

  • Motor Movie hat auch in der Essener Innenstadt ein Autokino betrieben - mittlerweile wurde es planmäßig geschlossen © Jochen

    Motor Movie hat auch in der Essener Innenstadt ein Autokino betrieben - mittlerweile wurde es planmäßig geschlossen © Jochen Tack

  • Dank LED-Wand sind in Mülheim auch Tageslicht-Vorstellungen möglich © Jochen

    Dank LED-Wand sind in Mülheim auch Tageslicht-Vorstellungen möglich © Jochen Tack

  • In Mülheim finden die Vorstellungen auf dem Flughafen statt - links der Luftschiff-Hangar © Jochen

    In Mülheim finden die Vorstellungen auf dem Flughafen statt - links der Luftschiff-Hangar © Jochen Tack

SP-X/Köln. Das Autokino ist zurück. Nachdem das Filmegucken aus dem Pkw heraus in den letzten Jahrzehnten nur noch etwas für sentimentale Fans war, ist es durch die Coronakrise wieder zum Massenphänomen geworden. Ein Überblick inklusive Erfahrungsbericht mit Tipps für den richtigen Filmgenuss.

Erfunden wurde das Drive-in-Konzept 1933 in den USA, wo es in den 50er- und 60er-Jahren für Millionen Jugendlichen nicht zuletzt ungestörte Zweisamkeit abseits des puritanischen Elternhauses bedeutete. Auch die deutschen Teens und Twens wussten das bald zu schätzen und das erste Autokino der Bundesrepublik eröffnete 1960 in Frankfurt. Doch der Stern der Pkw-Lichtspielhäuser begann hier wie dort bald zu sinken: Die großen Grundstücke am Stadtrand wurden versilbert und mit einträglicheren Immobilien bebaut, gleichzeitig machten Fernsehen und Videorekorder das Kinogeschäft allgemein schwieriger. Vielleicht noch wichtiger: Mit dem Verschwinden der Lenkradschaltung verschwand auch die durchgängige vordere Sitzbank aus dem Auto, was romantischen Treffen zunehmend den Raum nahm. 

Anfang 2020 gab es in ganz Deutschland gerade noch eine Handvoll permanenter Autokinos. Hinzu kam ein Dutzend saisonaler Kfz-Lichtspiele, manche für wenige Monate, einige sogar nur an einzelnen Event-Tagen. Ein großes Geschäft war der Kinobetrieb bis vor wenigen Wochen nicht mehr. Die Zuschauerzahlen gingen seit Jahren zurück, längst waren die Betreiber auf Nebeneinnahmen angewiesen, etwa über Floh- und Automärkte auf dem Kinogelände. 

Doch dann kam die Wende: Wer aktuell eine vorsichtige Zählung vornimmt, kommt deutschlandweit auf mehr als 70 Corona-Cinemas. Auf Messegeländen, Flughäfen und Großparkplätzen schauen Hunderte Pkw-Insassen aus ihren Fahrzeugen heraus auf riesige Projektions-Leinwände oder LED-Bildschirme. Neben aktuellen und älteren Kinofilmen hat sich mittlerweile auch eine weitere Art der Vorführung etabliert: In Düsseldorf etwa treten Popmusiker und Comedians auf der Autokinobühne am Fortuna-Stadion auf, während die Fans im Auto sitzen und feiern. Selbst Auto-Gottesdienste fanden in einigen Kinos schon statt.

Der Grund für die unvermutete Renaissance ist das Coronavirus. Während normale Kinos wegen der hohen Infektionsgefahr wochenlang schließen mussten, durften Autokinos schon nach kurzer Zwangspause wieder öffnen. Im eigenen Wagen verbreitet man weder die eigenen Viren in die Allgemeinheit, noch kommt man in Kontakt mit fremden. Lediglich einige kleinere Vorsichtsmaßnahmen sind nötig und werden von den Kommunen und Ländern streng überwacht. So sind die Karten in der Regel nicht mehr an einer Abendkasse, sondern ausschließlich online zu haben, das Aussteigen ist nur bei dringenden Bedürfnissen erlaubt und Essen sowie Getränke müssen selbst mitgebracht werden. Außerdem sind die Fenster geschlossen zu halten, Cabrios müssen das Verdeck aufziehen. 

Die Kunden lassen sich von den leichten Unannehmlichkeiten nicht schrecken: Sie strömen in die Autokinos, deren Zahl immer noch weiterwächst. Den Boom bekommt mittlerweile auch die Bundesnetzagentur zu spüren. Mehr als 40 Radiofrequenzen für Autokinos hatte die Behörde Mitte April bereits neu freigegeben. Noch einmal die doppelte Zahl an Anträgen wartete auf Bearbeitung. Die Kinos nutzen die UKW-Technik, um die Tonspur des Films in die Autoradios ihrer Kunden zu übertragen – die Netzagentur muss sicherstellen, dass es dadurch nicht zu Störungen kommt. 

Geradezu geballt sind die Autokinos zwischenzeitlich in Essen aufgetreten. Mit dem seit 1968 bestehenden „DriveIn“-Autokino im Stadtteil Bergeborbeck war die Ruhrmetropole schon lange eines der Zentren in Deutschland. Mit dem Beginn des Lockdowns explodierte die Nachfrage. „Während der gesamten Corona-Krise haben wir in unseren geöffneten Autokinos überdurchschnittliche Zahlen erzielt“, berichtet Heiko Desch vom Betreiber DWJ, der bundesweit fünf Autokinos unterhält. Unter den Besuchern gab es seiner Einschätzung nach auch viele Neukunden, Karten waren trotz einer Kapazität von rund 1.000 Plätzen zwischenzeitlich kaum mehr zu bekommen.

Erleichterung brachten in der näheren Umgebung zwei Pop-up-Autokinos: Eine Marketingagentur und das Team des bundesweit renommierten Essener Premieren-Kinos Lichtburg eröffneten auf dem Gruga-Parkplatz in der City sowie auf dem Flughafen Mülheim/Kettwig am gründen Rand der Stadt gleich zwei temporäre "Motor Movie"-Autokinos. Beide mit mehreren Hundert Plätzen und LED-Wand statt Projektionsfläche, so dass auch tagsüber Vorstellungen möglich sind. Dort lohnt der Besuch dann auch für Familien mit kleineren Kindern, die eine Dunkelheits-Aufführung um 21 oder 22 Uhr nicht durchstehen würden. Bislang gab es rund 50 Vorstellungen mit 3.000 Autos und 6.400 Besuchern.

Das Filmegucken auf den LED-Bildschirmwänden klappt in der Praxis erstaunlich gut. Auch bei hellstem Sonnenschein ist das Bild klar und deutlich zu erkennen, wie ein Test-Besuch auf dem Feld des Luftschiff-Flughafens zeigt. Allerdings heizt sich das Auto schon bei eher frühlingshaften Temperaturen mit der Zeit stark auf, so dass man sich fragt, ob man im Sommer nur noch mit laufendem Motor und kühlender Klimaanlage schauen kann. Und noch eine weitere Einsicht kommt einem vor der LED-Leinwand: Man sollte sein Auto möglichst gut kennen. Denn gerade neuere Modelle sind häufig nicht unbedingt Autokino-freundlich konzipiert. DAB-Radios etwa sehen manchmal gar nicht mehr vor, dass man eine UKW-Frequenz noch von Hand eingibt. Wer das Einstellen nicht vor dem Filmbeginn übt, verpasst möglichweise die ersten Minuten, während er sich hektisch durch verschachtelte Digital-Menüs tippt. 

Außerdem tendieren einige heutige Pkw-Exemplare dazu, die Zündung bei ausgeschaltetem Motor nach einigen Minuten ebenfalls zu deaktivieren, wodurch dann auch das Autoradio ausfällt. Meist verrät das Handbuch aber eine Möglichkeit, diese Störung zu vermeiden. Dass das Dauerlaufenlassen des Radios zu leeren Batterien führt, ist aber unzweifelhaft. Zu erkennen war das beim Ortsbesuch an mehr als einem Havaristen, der nach Filmende nicht mehr aus eigener Kraft den Motor starten konnte. Viele Kinobetreiber halten aus diesem Grund Fremdstart-Kits oder zumindest Starthilfekabel vor. Gleiches gilt für Scheinwerferabdeckungen. Denn bei einigen Autos brennt das Tagfahrlicht permanent, was nachts Sicht und Stimmung stört. 

An viele dieser Stolpersteine muss man sich als Autokino-Neuling erst einmal gewöhnen. Wie viel Zeit man dazu hat, ist im Einzelfall ungewiss. Denn ob das Revival über den akuten Lockdown hinaus Bestand hat, bleibt erst einmal abzuwarten. Heiko Desch von DWJ ist vorsichtig optimistisch: „Wir hoffen einige Neukunden gewinnen zu können. Letztendlich wird die Zukunft zeigen, ob uns das gelungen ist.“

Gar nicht erst auf Dauer angelegt sind die Pop-up-Cinemas in Essen. Das temporäre Autokino in der Essener Innenstadt ist bereits wieder geschlossen. Dasjenige im benachbarten Mülheim läuft noch einige Zeit weiter – die Genehmigung reicht bis Ende Oktober. Ob es so lange geht, hängt aber auch vom weiteren Verlauf der Coronakrise ab, erläutert Martin Spicker vom Betreiber TAS. Denn wenn die normalen Kinos wieder aufmachen, wollen die Autokino-Organisatoren ihnen keine Konkurrenz machen. Die Idee hinter dem Autokino sei nicht gewesen, Geld zu verdienen, sondern den Leuten in schwierigen Zeiten eine Abwechslung zu bieten. 

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