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Quo vadis, HSV?

19.02.2018 - Das Szenario bei der gestrigen Mitgliederversammlung des Hamburger SV hätte düsterer kaum sein können. Einen Tag nach der bitteren und vielleicht im Abstiegskampf schon vorentscheidenden Heimniederlage gegen Bayer Leverkusen (und dem Freitag-Sieg der Mainzer in Berlin) bat man die Mitgliedschaft zur Wahl des 1. Vorsitzenden des Gesamtvereins „Hamburger SV e.V.“ in ein schwarzes Großzelt an der Trabrennbahn. Im Zelt war es so dunkel wie im Kino. Ein Spiegel der sportlichen, wirtschaftlichen und internen Situation beim letzten, seit Beginn in der Liga spielenden und noch nie abgestiegenen, Gründungsmitglied der Fußball-Bundesliga.

  • Nach der 200. Heimniederlage der Bundesligageschichte können sich die enttäuschten und enttäuschenden HSV-Profis nur noch unter Polizeischutz bei ihren Anhängern bedanken - Foto: Christian Charisius © dpa –...

    Nach der 200. Heimniederlage der Bundesligageschichte können sich die enttäuschten und enttäuschenden HSV-Profis nur noch unter Polizeischutz bei ihren Anhängern bedanken - Foto: Christian Charisius © dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH / dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Aufbruchstimmung sieht anders aus: Neu-Trainer Bernd Hollerbach (r.) und Sportchef Jens Todt versprechen von Woche zu Woche, „den Bock umzustoßen“. Seit zehn Spielen wartet der HSV auf einen Sieg... - Foto: Christian Charisius ©...

    Aufbruchstimmung sieht anders aus: Neu-Trainer Bernd Hollerbach (r.) und Sportchef Jens Todt versprechen von Woche zu Woche, „den Bock umzustoßen“. Seit zehn Spielen wartet der HSV auf einen Sieg... - Foto: Christian Charisius © dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH / dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Die Wende? Thomas Schulz, Präsident Bernd Hoffmann und Moritz Becker (v.l.) haben es nun in der Hand, das schlingernde HSV-Schiff auf Kurs zu bringen – Foto: Christian Charisius © dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH	 / dpa –...

    Die Wende? Thomas Schulz, Präsident Bernd Hoffmann und Moritz Becker (v.l.) haben es nun in der Hand, das schlingernde HSV-Schiff auf Kurs zu bringen – Foto: Christian Charisius © dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH / dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Strahlende Verlierer: Schatzmeister Ralph Hartmann (l.) und Präsident Jens Meier übergeben die Geschäfte nach der unerwartet knappen Niederlage an Bernd Hoffmann – Foto: Christian Charisius
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    Strahlende Verlierer: Schatzmeister Ralph Hartmann (l.) und Präsident Jens Meier übergeben die Geschäfte nach der unerwartet knappen Niederlage an Bernd Hoffmann – Foto: Christian Charisius © dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH / dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH

Doch wenn man denkt, es kann nicht noch schlimmer kommen, geht beim HSV seit einigen Jahren immer noch ein bisschen mehr. Der Machtkampf zwischen dem bis gestern amtierenden Präsidenten Jens Meier, hauptberuflich Chef der Hamburg Port Authority, und seinem per wochenlanger Werbekampagne um Stimmen kämpfenden Nachfolger und Ex-Vorstandsvorsitzenden der AG, Bernd Hoffmann, begleiteten den sportlichen Niedergang quasi adäquat und sorgte nach der gestrigen Wahl von Hoffmann für eine weitere, offensichtliche Zersplitterung im Klub.

„Hoffmann raus!“

Nachdem die achtstündige (!!!) Mitgliederversammlung in bester Schalke-Manier der 1970er- und 1980er-Jahre mit viel Pöbeleien, Zwischenrufen und Streitigkeiten zur Wahl geschritten war, verdeutlichte das denkbar knappe Wahlergebnis (585:560) die Zerstrittenheit im Verein. Direkt nach Verkündigung musste der 55-jährige Hoffmannn nicht nur laute „Hoffmann raus“-Rufe ertragen, sondern sich auch vom Sicherheitsdienst zu den Presseinterviews begleiten lassen.

Wahlsieg wird zur Vereins-Niederlage

Sein persönlicher Wahlsieg ist eine weitere Niederlage für den Hamburger Traditionsklub, denn tiefere Gräben hat es vereinsintern nie gegeben. Vielen Mitgliedern saß die Miss-Stimmung auf der HSV-Geschäftsstelle (und in vielen Vereinsgremien) während Hoffmanns Amtsphase als Vorstandsvorsitzender der AG noch sicht- und hörbar in den Knochen. Und dem "Rest"-Sport in mehr als 30 Abteilungen (und damit auch dem Aushängeschild, den Beachvolleyballerinnen Laura Ludwig/Kira Walkenhorst) in dem 78.000-Mitglieder-Verein drohen erhebliche Einsparungen. Wer sein persönliches Wohl und seine Machtgier so auslebt, wie der neue Präsident es tut, der wird auch immer entsprechenden Gegenwind ernten. Sein Vorhaben, die vereinsinternen Gräben so schnell wie möglich zu schließen, wird erneut ein kleines personelles Erdbeben nach sich ziehen. So viel ist sicher.

Wechselspiele

Hoffmann hat nämlich keinen Hehl daraus gemacht, dass zu den ersten gravierenden Änderungen die Installation eines neuen Sportvorstands notwendig sei. An den aktuellen Sportchef Jens Todt kommt er auch durch seinen frisch erworbenen Platz im Aufsichtsrat nicht heran - an den Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen, dessen Vertrag schnell noch vom alten Aufsichtsrat bis 2019 verlängert wurde, schon. Während Bruchhagen wohl gern noch bleiben würde, scheint für Todt eine Ablösung auch zur Erlösung – für beide Seiten – werden zu können, denn seine Statements nach den zuletzt vier hintereinander eingefahrenen Niederlagen gleichen sich wie eineiige Zwillinge bei 0,0 % Aussagekraft. Beurlaubt werden könnte er aber nur von Bruchhagen - ein Schelm, der in dieser Konstellation etwas Böses denkt...

Mit Effekthascherei in Liga 2

„Schon nächsten Samstag kommen wir mit 4000 oder 5000 Hamburgern nach Bremen. Dann werden wir dort ordentlich aufmischen“, tönte der neue „Alte“ vor seiner Wahl der Mitgliedschaft entgegen. Mit Effekthascherei dieser Art, mit der er sich seit Wochen durch diverse Talkshows und Zeitungsredaktionen laviert, gewinnt man maximal Stimmen von leichtgläubigen oder nicht zu tief hinterfragenden Menschen. Aber ganz sicher keine Punkte. Die Ausgangsposition für Hoffmann und seinen HSV sind gleich – und denkbar schlecht: Beide sind gezwungen zu gewinnen, denn ansonsten ist ein weiterer Absturz des 1887 gegründeten Klubs von der Elbe vorprogrammiert. Aber immerhin hat Finanzvorstand Frank Wettstein den Mitgliedern versprochen, dass die Wirtschaftlichkeit für die nächste Saison sowohl in Liga 1 als auch 2 gegeben und die Lizenz nicht gefährdet sei. Neuanfang geht irgendwie anders, oder?