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Die Brille brennt: Heinz Rudolf Kunze mit Wut und Wärme

24.02.2020 - Die Zeit war wohl reif für das politischste Album in der langen Karriere des Heinz Rudolf Kunze. Mitgefühl und Witz, Widerstand und Wut halten sich die Waage - immer nach dem Motto des niedersächsischen Pop-Poeten: «Der Wahrheit die Ehre».

  • Heinz Rudolf Kunze: «Das Spätwerk fängt jetzt an.». Foto: Jörg Carstensen/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Heinz Rudolf Kunze: «Das Spätwerk fängt jetzt an.». Foto: Jörg Carstensen/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Er ist der Rock-Intellektuelle, der Denker unter den deutschen Pop-Dichtern, der kluge Mann mit der Kassenbrille: Heinz Rudolf Kunze.

Der Musiker hat ein irgendwie knuddeliges Klassensprecher-Image, zugleich kennen ihn manche nur als Sänger von Liebesliedern wie «Dein ist mein ganzes Herz» oder Krimi-Schmonzetten wie «Finden Sie Mabel!». Sein neues Album zwingt - spätestens jetzt - dazu, von Kunze-Klischees Abstand zu nehmen.

«Der Wahrheit die Ehre» ist mit 14 Liedern in 62 Minuten ein echter Brocken - musikalisch so vielseitig und wuchtig wie noch nie, textlich die politischste, wärmste, mitfühlendste Platte des seit langem bei Hannover lebenden Musikers. Sein Markenzeichen, die Brille, ziert erneut das Albumcover - aber diesmal steht sie in Flammen. «Bei anderen brennt die Hütte oder der Baum - bei mir brennt eben die Brille», sagt Kunze im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Berlin und lacht herzlich.

Doch dieses Covermotiv hat natürlich Symbolcharakter: Die Welt und das Land haben sich massiv verändert, seit der Liedermacher 1991 mit «Brille» eines der besten, auch bestverkauften Alben seiner fast 40-jährigen Karriere veröffentlichte. Er sieht die Flammen überall züngeln - und setzt den bedrohlichen Zeichen der Zeit Trotz, Widerstand und Wut, aber auch Witz und Hoffnung entgegen. Der wunderbar besänftigende Abschluss heißt «Die Dunkelheit hat nicht das letzte Wort».

Das Motto des Albums findet sich im Titel des Liedes «Die Zeit ist reif», wo es etwa heißt: «Nur so weiter geht es nicht/das ist Menschenrecht und Pflicht/eure Kinder schau'n euch fragend an/zwingt euch dass zusammenpasst/was ihr ihnen hinterlasst/eine Welt in der man leben kann.» Der Mahner und Aufrüttler Kunze ist in solchen Texten in Bestform. Es gebe «genügend Grund, sich politisch Sorgen zu machen», sagt der 63-Jährige. Und dafür hat er, neben zwei schönen Liebesballaden im Elton-John-Stil, etliche bissige und gesellschaftskritische Lieder geschrieben.

Eine Herausforderung - auch für einen so erfahrenen, mit über vier Millionen verkauften Tonträgern erfolgreichen Songwriter. «Das ist schon ein bisschen schwierig», räumt Kunze im dpa-Gespräch ein. «Man muss sich vor Sloganeering hüten, das ist sehr langweilig, schon beim zweiten Hören. Agitprop-Lieder habe ich noch nie gemocht. Daher bleiben bei mir - trotz allem - die Namensnennungen der Schurken auf dieser Welt aus.»

Im Auftaktsong «Der Prediger» erzählt Kunze von den scheinbar allgegenwärtigen Durchgeknallten, die auf der Straße Monologe halten. Eine solche Prediger-Pose erkennt der Musiker längst bei vielen ignoranten Wutbürgern: «Sie behaupten, schon alles zu wissen, und hören gar nicht mehr zu. Dieser Fieberwahn, diese Hysterie, diese Lügen beherrschen heute das Klima. Wir leben in einem digitalen Mittelalter - viel Technik, aber andererseits auch unglaublich viel Beschränktheit.»

Im Protestlied «Mit welchem Recht» regt sich Kunze über die Arroganz der Macht auf, mit der Flüchtlingen der Weg in ein besseres Überleben versperrt wird. Und im Titelsong «Der Wahrheit die Ehre» lässt er in einer an Bob Dylan erinnernden Textflut seine ganze Empathie heraus - das Private und das Politische vermischen sich auf bewegende Weise.

Dass der deutsche Songschreiber-Nachwuchs sich an kompliziertere Themen kaum noch heranwagt, sieht Kunze sehr kritisch: «Ich bin entsetzt über die Teilnahmslosigkeit der jungen Kollegen in dieser Richtung. (...) Diese jungen Männer haben es handwerklich einfach nicht gelernt. Das müssen sie aber noch, denn es gehört zu einem kompletten Singer-Songwriter.»

Heinz Rudolf Kunze hat sein aktuelles Album ohne Zwang zu faulen Kompromissen aufgenommen. «Mein Manager hat gesagt: Gib Vollgas, mach was Du willst - keinerlei strategische Anbiederung!», erzählt er sichtlich begeistert. «Dazu kam mit Udo Rinklin ein neuer Produzent, zehn Jahre jünger als ich und von daher weniger von The Who und Led Zeppelin geprägt, sondern eher von The Clash, The Jam und New Order. Das tut meiner Musik sehr gut - es ist wie eine Frischzellenkur.»

Fast zeitgleich ist Kunzes neues Buch «Wenn man vom Teufel spricht - 200 Zeitgeschichten» erschienen. «Das sind kleine lose Texte, Gedankensplitter - ein schnelles Reagieren auf das, was so los ist und passiert», sagt er.

Ein Album, ein Buch, dazu Solo- und Band-Tourneen und sogar ein Auftritt als Schauspieler in einem kommenden Stuttgarter «Tatort»: Heinz Rudolf Kunze ist mit Anfang/Mitte 60 so produktiv wie selten zuvor. In vier Jahrzehnten hat er etwa 500 Songs veröffentlicht, es sollen noch viele hinzukommen. «In der Schublade liegen noch einige tausend Lieder. Das Spätwerk fängt jetzt an», sagt der Musiker. Man darf gespannt sein, was einer der wichtigsten deutschen Pop-Poeten noch in petto hat.

Das Album «Der Wahrheit die Ehre» von Heinz Rudolf Kunze ist über Meadow Lake Music/Rough Trade erschienen. Das Buch «Wenn man vom Teufel spricht - 200 Zeitgeschichten» wurde im Verlag Adeo veröffentlicht (224 Seiten, gebunden, ISBN-10: 3863342526, ISBN-13: 978-3863342524).

Die «Der Wahrheit die Ehre»-Tournee von Heinz Rudolf Kunze und Band beginnt am 17. April in Leipzig und ist bis 7. Juni in Blieskastel terminiert. Außerdem tritt er solo und «mit Verstärkung» auf.

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