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Heinz Rudolf Kunze: «Texte, die richtig zur Sache gehen»

19.02.2020 - «Die Zeit ist reif» oder «Der Wahrheit die Ehre» - diese Songtitel deuten schon an, dass Heinz Rudolf Kunze mit seinem aktuellen Album eine neue Dringlichkeit entwickelt. Die Deutsche Presse-Agentur sprach mit ihm über die wohl politischste Platte seiner Karriere.

  • Heinz Rudolf Kunze: «Wir leben in einem digitalen Mittelalter.». Foto: Jörg Carstensen/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Heinz Rudolf Kunze: «Wir leben in einem digitalen Mittelalter.». Foto: Jörg Carstensen/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Wer Heinz Rudolf Kunze nur mit Deutschpop-Songs wie «Dein ist mein ganzes Herz» oder «Finden Sie Mabel!» verbindet, dürfte überrascht sein.

Auf seinem neuen Studioalbum «Der Wahrheit die Ehre» (Veröffentlichung am 21. Februar) singt der 63-jährige Niedersachse explizit politische Lieder. Unter anderem dazu hat ihn die Deutsche Presse-Agentur in Berlin befragt.

Frage: Eines Ihrer neuen Lieder heißt «Die Zeit ist reif», das Album ist enorm wuchtig und meinungsstark geworden. War die Zeit mal wieder reif für ein großes politisches Kunze-Album?

Kunze: «Ja, erstens war die Zeit tatsächlich reif, zweitens braucht man für so ein Album Unterstützung und Rückenwind. Mein Manager hat gesagt: Gib Vollgas, mach was Du willst - keinerlei strategische Anbiederung! Dazu kam mit Udo Rinklin ein neuer Produzent, zehn Jahre jünger als ich und von daher weniger von The Who und Led Zeppelin geprägt, sondern eher von The Clash, The Jam und New Order. Das tut meiner Musik sehr gut - es ist wie eine Frischzellenkur. Und wenn man dann das Go hat, puhlt man eben auch Texte raus, die richtig zur Sache gehen.»

Frage: Hätte man die Platte nicht gleich «Die Zeit ist reif» nennen können? Das hätte ja auch gepasst.

Kunze: «Ja, das ist das Motto des Albums. Denn die Zeit ist ja nun wirklich reif, es gibt genügend Grund, sich politisch Sorgen zu machen. Es gab die Überlegung, die Platte dann auch so zu benennen, aber das erschien mir am Ende zu platt. 'Der Wahrheit die Ehre' fand ich ein so tolles ritterliches Lebensmotto - wie auf einer Gürtelschnalle aufgeprägt.»

Frage: Wie schreibt man heute gute politische Songtexte?

Kunze: «Das ist schon ein bisschen schwierig. Man muss sich vor Sloganeering hüten, das ist sehr langweilig, schon beim zweiten Hören. Also da muss schon ein wenig sprachlicher Reiz sein, da muss man sich ein wenig ranschleichen, um zum Punkt zu kommen. Agitprop-Lieder habe ich noch nie gemocht. Daher bleiben bei mir - trotz allem - die Namensnennungen der Schurken auf dieser Welt aus. Da halte ich mich lieber an meinen alten Lehrer Hanns Dieter Hüsch, der zu mir gesagt hat: Heinz, unser Kabarett ist uns zu schade für die bösen Buben. Oder Randy Newman, der sagte: Ich habe versucht, ein Lied über Donald Trump zu schreiben, doch das ist zu ekelhaft. Also muss man versuchen, über Bande zu spielen.»

Frage: Musikalisch enthält das Album manche schöne Pianoballade, die klingt wie bei Elton John. Absicht?

Kunze: «Ach, da wäre ich manchmal gern so lakonisch wie Randy mit 'Sail Away', lande aber eher bei Elton John oder Konstantin Wecker. Wenn ich am Klavier sitze, bin ich dann doch wieder der Pathetiker, ich komme da nicht weg von meinen Einflüssen. Bei mir wird es dann sehr feierlich.»

Frage: Das erste Lied heißt «Der Prediger». Ist das mehr als nur eine Alltagsszene mit einem Durchgeknallten, der auf der Straße Monologe hält?

Kunze: «Ja, klar. Denn immer mehr Leute, die überhaupt noch etwas Politisches sagen, nehmen doch heute diese Pose des Predigers ein. Sie behaupten, schon alles zu wissen, und hören gar nicht mehr zu. Dieser Fieberwahn, diese Hysterie, diese Lügen beherrschen heute das Klima. Wir leben in einem digitalen Mittelalter - viel Technik, aber andererseits auch unglaublich viel Beschränktheit.»

Frage: Wie kam es zu dem klaren Protestsong «Mit welchem Recht» über die Flüchtlingsthematik?

Kunze: «Das ist eigentlich die musikalische Umsetzung einer Talkshow-Frage von Norbert Blüm. Der hat schon vor vielen Jahren gesagt: Wie will ich denn einem schwarzen Mann und einer schwarzen Frau das Recht verwehren, mit ihren Kinder nach Norden zu ziehen, wenn sie sonst verhungern oder verdursten müssten? Mit welchem Recht halten wir die denn auf, auch wenn sie keine politischen oder Kriegsflüchtlinge sind? Da war es sehr still im Saal. Die Scheiß-Antwort der Rechten darauf lautet natürlich: Mit dem Recht des Stärkeren. Aber diese Frage stellt sich doch jeder vernünftige Mensch irgendwann - weil er nämlich ein Problem mit der Antwort hat.»

Frage: Ist politische Popmusik heute out?

Kunze: «Nein, jetzt gerade überhaupt nicht. Ich bin entsetzt über die Teilnahmslosigkeit der jungen Kollegen in dieser Richtung. Ich werde jetzt hier niemanden namentlich dissen - das kann ich auch gar nicht, weil die Jungs sich für mich alle gleich anhören. Aber ihr Desinteresse beim Schreiben politischer Lieder - ich halte das für Unfähigkeit. Diese jungen Männer haben es handwerklich einfach nicht gelernt - das müssen sie aber noch, denn es gehört zu einem kompletten Singer-Songwriter.»

Frage: Der Song «Die Zeit ist reif» behandelt auch das Thema Klimaschutz. Hatten Sie Greta Thunberg im Sinn?

Kunze: «Nun, der Impuls von Greta ist natürlich völlig in Ordnung. Wichtige Person, wichtige Idee, wichtiger Anlass, viel Gutes in die Welt gestoßen - aber Vorsicht vor Madonnenverehrung. Auch im Interesse der kleinen Person selbst, der ich ein glückliches Leben wünsche und kein Michael-Jackson-Schicksal.»

Frage: Eher unpolitisch und sehr geheimnisvoll klingt für mich der Text des Liedes «Nackter Fischer». Was hat es damit auf sich?

Kunze: «Der Anlass war das sehr beeindruckende Logo des S. Fischer Verlages - das kleine nackige Männchen, das ein Netz zieht. Da habe ich mir gedacht: So ein schönes Bild - was mache ich jetzt damit? Dann habe ich versucht, eine kleine Situation zu beschreiben: der Urmensch im Spannungsfeld zwischen den Naturkräften, dem Meer und den Riten seines Dorfes - und er als Mittler dazwischen. Dazu eine Musik, die sehr in Richtung Neil Young & Crazy Horse geht - eine meiner Lieblingsbands.»

Frage: Das Album ist auch musikalisch sehr vielseitig. Probieren Sie gern immer neue Stilrichtungen aus?

Kunze: «Dieses Chamäleonhafte, die Vielfalt von Musikstilen kommt bei mir daher, dass die Texte so unterschiedlich sind. Die erzwingen manchmal einfach unterschiedliche Musiken.»

Frage: Mit dem Albumcover, einer brennenden Brille, greifen Sie zurück auf eines Ihrer erfolgreichsten Alben, «Brille» von 1991. Ein bewusstes Selbstzitat?

Kunze: «Ich hatte zunächst eine andere Idee, aber das Bild war zu kleinteilig. Dieses Brillen-Motiv hat den Vorteil, dass es im Laden als CD noch aus zehn Metern Entfernung zu erkennen ist. Bei anderen brennt die Hütte oder der Baum - bei mir brennt eben die Brille (lacht).»

Frage: Parallel zum Album ist Ihr neues Buch «Wenn man vom Teufel spricht - 200 Zeitgeschichten» erschienen. Welche Idee steckt dahinter?

Kunze: «Das sind kleine lose Texte, Gedankensplitter - ein schnelles Reagieren auf das, was so los ist und passiert. Es ist wunderbares Ergänzungsmaterial - Zeug, das zur gleichen Zeit entstanden ist wie die Platte, sich aber nicht singen lässt. Wer mich bei meinen Solo-Konzerten gesehen hat, wird den einen oder anderen Text wiedererkennen, weil ich manche davon auch auf der Bühne bringe. Da gibt es nach jedem Lied einen Text.»

Frage: Ein Text in Ihrem Buch heißt «Frauen für Trump», er stammt vom 16. Mai 2018. Jetzt sind wir schon wieder fast zwei Jahre weiter. Trump und Amerika - wie geht diese Geschichte weiter?

Kunze: «Leider eine klare Sache: Trump wird wiedergewählt. Die haben es geschafft, ihr eigenes Volk in der Mehrheit so zu verblöden, dass denen alles egal ist. Wenn man sich vorstellt, dass man jemanden nicht aus dem Amt kriegt, der intellektuell in Deutschland Probleme mit dem Hauptschulabschluss hätte und zudem noch so ein Monstrum ist. Der Mann kann sich ja alles erlauben. Dass es eine einzige Frau in der Welt gibt, die Trump wählt, entzieht sich meinem Vorstellungsvermögen. Ich fahre da auch nicht mehr hin, solange der im Amt ist - und ich war früher oft in Amerika.»

Frage: Ihre Karriere ist ja bereits jetzt enorm produktiv - Sie haben in rund 40 Jahren etwa 500 Lieder veröffentlicht. Was haben Sie noch vor?

Kunze: «In der Schublade liegen noch einige tausend Lieder. Das Spätwerk fängt jetzt an. Ein solches wie Johnny Cash hinzulegen, das ist natürlich ein schöner Plan. Auf jeden Fall möchte ich mit Udo Rinklin weiterarbeiten. Der ist für mich ein Traumpartner, da fliegen die Ideen wie beim Pingpong hin und her.»

ZUR PERSON: Heinz Rudolf Kunze (63) ist seit den 1980er Jahren einer der anerkanntesten und erfolgreichsten deutschsprachigen Popmusiker. Er selbst bezeichnet sich als «Rocksänger, Liedermacher, Schriftsteller, Musicaltexter/-übersetzer», außerdem tritt er hin und wieder als Schauspieler auf («Heil», «Tatort»). Er hat fast 40 Alben veröffentlicht, über vier Millionen Tonträger verkauft und Auszeichnungen wie die Goldene Stimmgabel, den Deutschen Schallplattenpreis oder den Niedersächsischen Staatspreis erhalten. Kunze lebt seit langem in der Nähe von Hannover.

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