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Ein Jahr nach Rassismus-Vorfall - Voigt: «Kein Einzelfall»

19.03.2020 - Rassistische Pöbeleien gegen Leroy Sané und Ilkay Gündogan: Mit einem emotionalen Video über verbale Angriffe bei einem Länderspiel löst ein Journalist eine Debatte aus. Was ist seitdem geschehen?

  • Mit einem emotionalen Video über verbale Angriffe bei einem Länderspiel löste Journalist André Voigt vor einem Jahr eine Debatte aus. Foto: Michael Kappeler/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Mit einem emotionalen Video über verbale Angriffe bei einem Länderspiel löste Journalist André Voigt vor einem Jahr eine Debatte aus. Foto: Michael Kappeler/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Mit einem Internetvideo über rassistische Vorfälle beim Länderspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im März 2019 in Wolfsburg sorgte der Journalist André Voigt für Aufsehen.

Dabei berichtete Voigt emotional von Beschimpfungen von drei Männern auf der Tribüne gegen Leroy Sané und Ilkay Gündogan. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht er ein Jahr später über die langfristigen Folgen des Videos, die Aufarbeitung durch den Deutschen Fußball-Bund sowie die Justiz und Reaktionen von positiven Nachrichten bis hin zu Morddrohungen.

Würden Sie heute wieder so reagieren wie vor einem Jahr?

André Voigt: Ich habe lange mit mir gerungen. Würde ich nochmal aufstehen? Auf jeden Fall, ganz klar. Zwischendurch habe ich gedacht, dass ich zum Ordner gehen oder eine höhere Instanz einschalten hätte müssen. Aber durch die Geschichten, die mir Leute erzählt haben, die das selbst erlebt haben, habe ich ein bisschen das Vertrauen in die Obrigkeit verloren. Aufstehen, sagen, dass das nicht in Ordnung ist, und hoffen, dass das Stadion das selber regelt - das würde ich jederzeit wieder machen. Dieser Impuls ist wichtig.

Und Ihr öffentliches Video?

Voigt: Beim Video ist meine Meinung immer wieder hin und hergeschwankt. Ich hätte nie gedacht, dass das solche Wellen schlägt, so eine Diskussion lostritt und so viele Reaktion hervorruft. Auf der einen Seite sehr positive, aber auch sehr negative wie Morddrohungen und Beschimpfungen. Da habe ich lange gedacht, dass ich das nicht hätte machen sollen. Aber heute denke ich: Doch es musste sein, es war vollkommen richtig. Die Diskussion war wichtig. Es war ein perfekter Sturm aus verschiedenen Dingen, dass die Diskussion so emotional geführt wurde. Es war die Nationalmannschaft und mit anderen Themen hätte man das gar nicht erreicht. Bei all der Scheiße, die mir passiert ist, war es richtig, das anzustoßen.

Sie sprechen von Morddrohungen. Welche Reaktionen haben Sie ansonsten erhalten?

Voigt: Die Rückmeldungen waren zu überwiegenden Teilen unfassbar positiv. Auf jede von rechts motivierte Hassnachricht kam hundertmal positive Unterstützung. Ich habe dadurch gelernt, dass Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland Rassismus alltäglich erfahren. Ich weiß nicht, wie viele Nachrichten ich bekommen habe: «Hey, das hat mich berührt, weil ich das in der Schule, bei der Arbeit oder im Supermarkt erlebt habe - und ich hätte mir so sehr gewünscht habe, dass dort jemand aufsteht und etwas sagt.» Der Diskurs danach, dass sich Rassismus auch im Fußball ganz klar manifestiert, wurde aber unzureichend geführt. Ich finde es befremdlich, dass es immer noch eine große Gruppe von Bürgern gibt, die sagen, dass man Rassismus aushalten muss. Ich würde mich freuen, wenn man die Diskussion darauf runterbricht, dass man als Mensch anderen Menschen nicht weh tut.

Nach ihrem Video kam es zu einem juristischen Verfahren. Wie haben Sie dies wahrgenommen?

Voigt: Ich fand es krass, wie schnell die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben hat und die drei Beschuldigten sich gestellt haben. Aber auch der ganze Fall wurde schnell durchgepeitscht. Im Nachhinein ist es bemerkenswert, dass kaum etwas passiert ist und nur einer 2400 Euro bezahlen musste, weil er «Sieg Heil» gesagt hat.

Zwei andere Männer blieben straffrei, weil ihre Beleidigungen nicht für ein Verfahren wegen Volksverhetzung ausreichten.

Voigt: Ich empfinde es als erstaunlich, dass nur ich als Zeuge gehört wurde und nicht auch meine Familie, die dabei war. Mein Video spiegelt nicht alles wieder, was da an abscheulichen Sachen gesagt wurde, die ich natürlich in meiner polizeilichen Aussage zu Protokoll gegeben habe. Ich weiß, was da an menschenverachtenden Dingen gefallen ist. Wenn die Beschuldigten argumentieren, dass das nicht rassistisch gemeint war, sondern als Aufforderung, besser Fußball zu spielen, weiß ich, dass das nicht stimmt. Dass diese Aussagen keine Volksverhetzung sein sollen, widerspricht meinem Rechtsempfinden, aber ich habe auch nicht Jura studiert.

Gehen Sie durch den Vorfall mit anderen Gefühlen in ein Stadion?

Voigt: Eigentlich nicht. Ich habe mich eine Zeit lang im normalen Leben gerade in größeren Menschenmengen etwas anders bewegt. Man denkt auch: Hey, was ist, wenn dich in dem Auto, das seit anderthalb Tagen vor deinem Haus parkt, jemand auskundschaftet? Man macht sich Gedanken, wenn man Morddrohungen erhält. Aber ins Stadion gehe ich genauso und gucke nicht rechts oder links, ob sich jemand äußert. Das mag an meinem Verein, dem VfL Wolfsburg, liegen - aber ich gehe dort mit einem guten Gefühl hin. Es war ein krasser Fall und so etwas habe ich zum ersten und bislang einzigen Mal erlebt. Ich weiß aber, dass das natürlich kein Einzelfall war.

Sie spielen auf Cacau, den Integrationsbeauftragten des DFB, an, der die Vorkommnisse in Wolfsburg zunächst als solche Einzelfälle bezeichnete und diese Äußerung später bedauerte.

Voigt: Das fand ich schon eher dürftig.

Wie bewerten Sie ansonsten die Aufarbeitung durch den DFB?

Voigt: Der DFB war der erste, der sich schon morgens nach meinem Video mit einer Mail bei mir gemeldet hat. Sie hatten das gesehen und haben sofort reagiert. Das fand ich sehr gut und hat mich erstaunt. Ich kann dem Verband da gar keinen Vorwurf machen. Allerdings muss ich sagen, dass der DFB danach mit der Geschichte nicht großartig umgegangen ist. Es war erstaunlich, dass sich in den Wochen danach niemand mehr vom DFB gemeldet hat, um zu fragen, wie meine Erfahrungen mit dem Ordnungsdienst waren. Da wurden die Hände schon in den Schoß gelegt. Und die Diskussion um Rassismus wurde gerade durch die Aussagen von Cacau weggewischt. Allerdings wurde ich später zum Fachtag Antidiskriminierung und Vielfalt im vergangenen Februar eingeladen, um dort darüber zu sprechen.

Wird im Fußball insgesamt genug gegen Rassismus getan?

Voigt: Ich finde es schwierig, das allgemein zu beurteilen. Auf der Fachtagung des DFB habe ich Leute kennengelernt, die in diesen Bereichen an der Front arbeiten. Es gibt viele Menschen im deutschen Fußball, die sich mit viel Leidenschaft und Herzblut einsetzen, dass es besser wird und die Gefahr der Unterwanderung von rechts abgewendet werden kann. Natürlich ist ein Fußballverein kein Sozialarbeiter. Aber es gibt Menschen in den Vereinen, die versuchen, solche Fans wieder zu integrieren, dann aber keine Hilfe vom DFB bekommen. Es gab bei der Fachtagung die Kritik, dass vom DFB zu wenig getan wird zur Unterstützung. Dort muss der DFB ansetzen.

Wie bewerten Sie die aktuelle Debatte um Proteste von Fans gegen Kollektivstrafen und den DFB und damit verbundenen Beleidigungen von Dietmar Hopp?

Voigt: Ich finde es schwierig von außen zu sehen, wie jede Seite versucht, die Deutungshoheit für sich zu beanspruchen. Es wird vieles vermischt, von Fanrechten über die 50+1-Regel bis hin zum DFB, der das mit Hanau zusammenwirft. Ich finde es richtig, dass man sagt, so ein Verhalten im Stadion sollte Konsequenzen haben, die auch wirken. Aber ich weiß nicht, ob die Diskussion so geführt wird, wie sie geführt werden müsste. Ich glaube, dass da zu viele Emotionen drin sind und zu viele Themen zusammengeworfen werden, als dass es so nüchtern diskutiert werden könnte, wie es angemessen wäre.

Sehen Sie in diesem Zusammenhang kritisch, dass Spiele dabei vor dem Abbruch standen, aber nicht bei rassistischen Vorfällen wie im Pokalspiel von Hertha BSC, als Jordan Torunarigha beleidigt wurde?

Voigt: Es ist sehr schwer, diese Sache gegeneinander aufzuwiegen, man kommt schnell in einen Whataboutism (Ablenkung durch Missstände in anderen Bereichen). Für die Schiedsrichter ist es schwer, das wahrzunehmen, wenn da kein Banner hängt. Wenn es nun aber diesen Präzedenzfall mit Dietmar Hopp gibt, muss überall mit aller Strenge angesetzt werden muss. Mit dem Drei-Stufen-Plan kann es aber immer noch zweimal passieren und es wird trotzdem nicht abgebrochen. Dann hat jemand seine rassistische Message trotzdem rübergebracht und es gab keine Konsequenzen außer, dass das Spiel etwas länger dauerte. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber ich frage mich, ob es eine Wirkung hat.

Was sollte ihrer Meinung nach getan werden?

Voigt: Das Rausreißen aus der Komfortzone von Leuten, die denken, dass es ok ist, sich rassistisch im Stadion zu äußern, muss aus dem Stadion selber kommen. Das muss von den Leuten kommen, die daneben stehen. Wenn die denken, dass das cool ist und nicht mit dem Finger auf die Verursacher zeigen, bringt ein Drei-Stufen-Plan gar nichts.

ZUR PERSON: André Voigt (46) arbeitet als Sportjournalist. Der Wolfsburger ist unter anderem Chefredakteur des Basketball-Fachmagazins «FIVE» und kommentiert beim Streaminganbietern DAZN. Zudem ist er als Kommentator beim Fanradio des VfL Wolfsburg zu hören.

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