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Zu gut zum Verpassen: Indie-Perlen zum Jahresende

20.12.2019 - Das Pop-Jahr 2019 geht zu Ende - mit einer Fülle von Veröffentlichungen im Spätherbst bis Mitte Dezember. Eine gute Gelegenheit, ein halbes Dutzend Indie-Perlen zu würdigen, die leicht durch den Rost fallen könnten.

  • Jay McAllister packt die großen Themen an. Foto: dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Jay McAllister packt die großen Themen an. Foto: dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Pop-Tradition und Indie-Moderne: Sean O'Hagan. Foto: Steve Brummell/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Pop-Tradition und Indie-Moderne: Sean O'Hagan. Foto: Steve Brummell/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Am Stadtrand: Andy Cabic - Frontmann von Vetiver. Foto: Alissa Anderson/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Am Stadtrand: Andy Cabic - Frontmann von Vetiver. Foto: Alissa Anderson/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Turnover haben diesmal mehr Melancholie im Gepäck. Foto: Jennifer Stratford/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Turnover haben diesmal mehr Melancholie im Gepäck. Foto: Jennifer Stratford/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Rocky Mountains, Montréal und Berlin: Das Debüt von Kliffs ist an vielen Orten entstanden. Foto: K&F Records/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Rocky Mountains, Montréal und Berlin: Das Debüt von Kliffs ist an vielen Orten entstanden. Foto: K&F Records/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Auf neuen Wegen: Leif Vollebekk. Foto: Allister Ann/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Auf neuen Wegen: Leif Vollebekk. Foto: Allister Ann/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Wenn Plattenfirmen in den Wochen vor Weihnachten noch einmal die große Veröffentlichungs-Maschinerie anwerfen, haben es «kleine» Alben schwer. Diesen sechs Indiepop-Platten sollte man unbedingt noch ein Ohr widmen.

BEANS ON TOAST - «The Inevitable Train Wreck» (BOT/Cargo)

Bohnen auf Toast - so lässt sich der Name des Politfolk-Projekts von Jay McAllister aus Braintee in der britischen Region Essex übersetzen. Das hört sich nach einer Anspielung auf merkwürdige englische Essgewohnheiten an - und seine «Englishness» will dieses Album auch zu keiner Zeit verbergen. «England, I Love You» heißt einer der Songs, McAllister beschwert sich sarkastisch über Brexit und britische Großmannssucht. In anderen Liedern thematisiert er übermächtige Technologie, Umweltverschmutzung, Klimawandel und soziale Ungleichheit («Rich Vs. Poor»).

Wie ein jüngerer Bruder von Protest-Barden wie Billy Bragg oder Joe Strummer (The Clash) kommt dieser Singer-Songwriter daher, mit bissigen Texte zu einer aufgekratzten Folkpunk-, Ska- und Rock'n'Roll-Mixtur. Ikonen wie der Zukunftsdenker Noah Yuval Harari oder die Klimaaktivistin Greta Thunberg inspirierten ihn, im Studio halfen Lewis und Kitty Durham von der Band Kitty, Daisy & Lewis dann bei der Umsetzung. Die gute Laune der Arrangements scheint in manchen Stücken mit den pessimistisch-angesäuerten Lyrics zu kollidieren. Wenn ihm deswegen bald mehr Menschen zuhören, dürfte McAllister freilich sein Ziel erreicht haben.

SEAN O'HAGAN - «Radum Calls, Radum Calls» (Drag City)

Musik wie die des Ex-Masterminds von Microdisney und High Llamas nennen Briten gern «quirky», also schrullig. Dabei basieren die smarten Artpop-Songs des irischen Multi-Instrumentalisten auf festen Wurzeln in den 60ern, vor allem bei Easy Listening, The Beatles und den «Pet Sounds»-Beach Boys - ergänzt durch elektronische Spielereien. Auch das erst zweite Soloalbum des 60-Jährigen nach «High Llamas» (1990) folgt diesem konsequent zwischen Pop-Tradition und Indie-Moderne verlaufenden Pfad.

Zwar ist «Radum Calls...» kein Geniestreich wie «Gideon Gaye», das O'Hagan und seine High Llamas 1994 als Indiepop-Großmeister etablierte. Doch auch hier gibt es in gut 37 Minuten so viele schöne, teils schräge Sounds und Lieder zu hören, dass man die mit Jazz (Trompeten!) und orchestralem Pop (Streicher! Harfe!) jonglierende Platte als eine der charmantesten Veröffentlichungen dieses Herbstes würdigen sollte. Vor allem ist dies mal wieder ein Album, das mit einem Spannungsbogen aufwartet, also von Song 1 bis 12 durchgehört werden sollte.

VETIVER - «Up On High» (Loose/Rough Trade)

Eine surrealistisch schöne Naturfotografie mit einer vermutlich nordamerikanischen Berg- und Wald-Landschaft ziert das neue Album von Andy Cabic, dem Frontmann dieses bewährten US-Indieprojekts. Und das passt, denn auch seine neuen Lieder sind schon fast unwirklich fein gewoben und arrangiert. Wer die Fleet Foxes zuletzt zu kompliziert und Wilco auf «Ode To Joy» dieses Jahr zu herb-melancholisch fand, findet auf den zehn Folkpop-Stücken von «Up On High» zum Jahresende eine perfekte Alternative.

Das siebte Werk seit dem Debüt 2004 stellt zauberhafte Gitarren-Sounds und die nicht sehr kräftige, leicht angeraute, warme Stimme des Sängers Cabic in den Mittelpunkt. Schlagzeug und Bass bilden eine lässige Rhythmus-Grundlage, besonders hübsch im zentralen «All We Could Want» und im zarten Titelsong. «Hold Tight» spielt mit einem dezenten Reggae-Beat - Überraschungen gibt es also auch im wohlbekannten Vetiver-Universum gelegentlich noch. Damit erfindet die Band den US-Folkpop nicht neu, ergänzt die Top-Alben des Genres aber um eine angenehme Komponente.

TURNOVER - «Altogether» (Run For Cover/Secretly Canadian)

Mit dem sommerlichen Gitarrenpop der Alben «Peripheral Vision» (2015) und «Good Nature» (2017) setzte die Band aus dem US-Staat Virginia bereits Duftmarken. Auf «Altogether», ihrer vierten Platte seit 2013, gelingt dem Trio Austin Getz (Gesang, Gitarre), Casey Getz (Schlagzeug) und Danny Dempsey (Bass) nun ein weiteres Kleinod - irgendwo zwischen den sensiblen Emo-Indie-Sounds von American Football oder Real Estate und britischen Sophisticated-Pop-Vorbildern wie Prefab Sprout oder Teenage Fanclub.

Die zehn in Philadelphia aufgenommenen Lieder verströmen weniger Jingle-Jangle-Leichtigkeit und stattdessen mehr Melancholie als auf den Vorgängern, die Melodien sind komplexer und doch mindestens so zugänglich. «Gemeinsam mögen wir alles von Jazz bis Folk, Disco bis Rock 'n' Roll und vieles dazwischen», sagt Frontmann Austin Getz. Das hört sich nach einem musikalischen Gemischtwarenladen an, doch der Trend bei Turnover geht eindeutig in Richtung eines ultra-harmonischen, lebensbejahenden, aber nicht seichten Gitarrenpops. Wer diese Band erst jetzt entdeckt, darf sich über behagliche Klänge für die kalten Tage freuen.

KLIFFS - «Temporary Cures» (K&F Records/Broken Silence)

Für den kanadischen Singer-Songwriter Mark Bérubé ist es «ein echtes Transatlantik-Baby», das Debüt seines neuen Duo-Projekts. Teilweise entstanden in den Rocky Mountains, arrangiert in Montréal und später mit Stücken ergänzt, die er mit Kristina Koropecki in Berlin aufgenommen hatte: So erklingt das erste Kliffs-Werk an der Schnittstelle zwischen Akustik-Folk und tänzelndem Electropop (wobei das hier kein harter Dancefloor-Sound ist, eher eine Art mitternächtliche Bewegungs-Animation).

Landsmänner wie Patrick Watson oder Andy Shauf werden zu Recht als Referenzen genannt. Den weiblichen Background-Vocals etwa in «Outside Of Cool» hört man an, dass Bérubé/Koropecki Verehrer des größten kanadischen Songpoeten Leonard Cohen sein müssen. «Wir lieben einfach musikalische Diversität», sagt die Cellistin und Keyboarderin. Ihr Partner ergänzt: «Wir hatten früher beim Musikmachen oft die Tendenz, alles zu verkopft angehen. «Temporary Cures» sollte sich davon freimachen.» Zwischen den Weiten Kanadas und der Urbanität Berlins ist den beiden ein kluges Popalbum ohne Berührungsängste zu Folk, Grooves und gar Neoklassik-Elementen («Ampersand») geglückt.

LEIF VOLLEBEKK - «New Ways» (Secret City/Rough Trade)

Und noch ein Kanadier, dessen Mischung aus Americana und Singer-Songwriter-Handwerk zwar nicht wirklich neu, aber sehr solide und hörenswert ist. Der Mann mit dem skandinavischen Namen versucht sich in Tracks wie «Never Be Back» oder «Hot Tears» neuerdings an dezentem Hip-Hop (daher womöglich der Albumtitel «New Ways»). Doch insgesamt ist er wohl weiterhin näher dran an Nick Drake (dem legendären Brit-Folkie) als an Drake (dem R&B-Superstar). Beziehungsweise näher an Ryan Adams (dem Folkrocker) als an Ryan Lewis (dem Macklemore-Partner).

Der bisher naheliegende Vergleich mit dem US-Kollegen Adams passt für das vierte Album nicht mehr ganz so perfekt. Eher lassen sich der junge Van Morrison («Phaedrus», «Change») oder Lou Reed («I'm Not Your Lover») nennen. Der in Ottawa geborene Vollebekk hat sich nach zehn Jahren Reifezeit zu einer eigenständigen Musikerpersönlichkeit entwickelt - das stellt er mit etlichen neuen Liedern nachhaltig unter Beweis. Der Vorgänger «Twin Solitude» (2017) war bereits für den Polaris Prize, eine Art Kanada-Grammy, nominiert - vielleicht hebt ihn «New Ways» ja jetzt auf die nächste Erfolgsstufe.

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