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Auch schon 30 Jahre her: Erste Loveparade in Berlin

27.06.2019 - Sie fing ganz klein an, wurde ein Millionenspektakel und endete tragisch: Vor 30 Jahren begann die Geschichte der Loveparade. Was sagt der Gründer Dr. Motte heute?

  • Dr. Motte hat aus Berlin die größte Open-Air-Disco der Welt gemacht. Foto: Marcel Mettelsiefen © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Dr. Motte hat aus Berlin die größte Open-Air-Disco der Welt gemacht. Foto: Marcel Mettelsiefen © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Es war das Jahr des Mauerfalls, der Kanzler hieß noch Helmut Kohl, als ein paar Berliner DJs mit drei Wägelchen und 150 Leuten bei Nieselregen über den Kurfürstendamm tanzten.

Einer von ihnen war Dr. Motte. Der hatte den Musikumzug am 1. Juli 1989 als Demonstration angemeldet. Das Motto ist heute legendär: «Friede, Freude, Eierkuchen».

Die Loveparade entwickelte sich danach von der Minikarawane zum Millionenspektakel. 1999 sollen 1,5 Millionen Menschen dabei gewesen sein. Nach den Anfangsjahren kam der Kommerz, dann der Umzug ins Ruhrgebiet und 2010 die Katastrophe: In Duisburg starben 21 Menschen durch ein Gedränge, mehr als 650 wurden verletzt. Seitdem gibt es keine Loveparade mehr.

30 Jahre später sind die fröhlichen Bilder aus Berlin ein Fall fürs Museum, zu sehen in einer 90er-Jahre-Ausstellung im Haus der Alten Münze. Wie eng die Menschen rund um die Siegessäule tanzten, was für eine gewaltige Menge es damals war.

Dazu gehörten: bis in den Magen wummernde und nicht besonders komplexe Technobeats, Trillerpfeifen, Neon, Sonnenblumen, Plateauschuhe und Klamotten mit Kuhfellmuster, Ecstasy-Pillen. Die Hände der Leute waren zum Tanzen hochgereckt. Sie hielten noch kein Handy, um das Ganze bei Instagram festzuhalten.

Es waren vergleichsweise unbeschwerte Jahre in Deutschland, Berlin ein Abenteuerspielplatz für Ost und West. «Vor allem waren es die Leute aus dem Osten, die die Energie mitgebracht haben», erzählt DJ Technopionier Westbam (54) in der 90er-Ausstellung.

Dr. Motte (58) erinnert sich im dpa-Interview mit «total großer Euphorie» an die erste Loveparade, in Zeiten, als Musik noch auf Kassetten lief. Drogen hätten damals keine Rolle gespielt. «Uns ging es nur darum, mit unserer Musik am Tag - die Nacht gehörte uns ja schon - zu demonstrieren, für eine bessere Welt.» Und heute? Dr. Motte sagt: «Der Geist der Loveparade lebt weiter in der aktuellen Clubkultur.» Damit meint er Orte wie das Berghain oder den Holzmarkt.

In den 90er Jahren war die Loveparade mit ihren Partybildern ein Symbol für eine Jugend, die sich angeblich nur für den Spaß interessierte. Ähnlich wie bei der Fußball-WM 2006 waren die Bilder im Ausland ein Stück Imagepflege für die vermeintlich verkniffenen Deutschen. Schlagzeilen machten pinkelnde Raver, die Müllberge im Park oder die kilometerweit zu spürenden Basswellen, die Vögel vertrieben. Eine Massenpanik? Gab es nie.

Den Status als Demonstration verlor die Loveparade 2001 am Bundesverfassungsgericht. Das Geld wurde knapp. 2004 und 2005 fiel die Parade wegen fehlender Sponsoren aus. 2006 stieg sie zum letzten Mal im Tiergarten, Dr. Motte verabschiedete sich von der «Dauerwerbesendung». 2007 zog die Parade durch Essen. Zuletzt wurde sie von einem Fitnessketten-Betreiber veranstaltet.

Am 24. Juli 2010 endete die letzte Loveparade in einer Katastrophe. An einer engen Stelle am einzigen Zu- und Abgang zum Duisburger Festivalgelände kam es zu dem tödlichen Gedränge. Erst sieben Jahre später begann der Prozess. Zehn Menschen waren angeklagt - sechs Bedienstete der Stadt Duisburg und vier Angestellte der Firma Lopavent.

Nach 100 Verhandlungstagen wurde das Verfahren im Februar 2019 gegen sieben Beschuldigte eingestellt - wegen allenfalls geringer Schuld ohne Auflagen und Strafen. Drei Angeklagte, die eine Geldauflage zahlen sollten, lehnten eine Einstellung ab. Gegen sie geht der Prozess nun weiter. Die für die Angehörigen bittere Frage, wer für den Tod von 21 Menschen die Verantwortung übernimmt, blieb ohne Antwort. Dr. Motte sagt, er wundere sich, dass immer noch niemand verurteilt sei.

Der Lopavent-Chef und Rechteinhaber Rainer Schaller betonte stets, dass es nie wieder eine Loveparade geben wird. Der Gründer Dr. Motte ist da nicht so absolut: Von Angehörigen habe er die Rückmeldung bekommen, er sei für diese Betroffenen der Einzige, der wieder eine Loveparade machen könnte. Er habe deren «Support», also deren Unterstützung. «Da geht mir das Herz auf.»

Dr. Motte kennt die Frage, ob es eine Neuauflage in Berlin geben könnte, wo man viel Erfahrung mit Großveranstaltungen hat. Er ist skeptisch. Das wäre ein Riesenaufwand, und da sei auch die Frage, wie man das überhaupt finanzieren könne. «Schön wäre es, wenn es klappen würde. Ich sehe es aber im Augenblick nicht.»

So bleibt die Berliner Loveparade erst einmal ein Stück Mythos. Sie hat die Jahre nach dem Mauerfall geprägt, gerade, was das Image von Freiheit und Toleranz angeht. «Markenbildung» heißt das in der Tourismusbranche. Es sei das «Berliner Woodstock» gewesen, sagt der Geschäftsführer der Tourismusgesellschaft Visit Berlin, Burkhard Kieker.

Das Lebensgefühl sieht er heute noch, gerade mit Blick auf das Nachtleben. Berlin sei halt eine Stadt ohne Sperrstunde, so Kieker. «Und da geht's eigentlich ab 23.00 Uhr erst richtig los. Das finden Sie so oft nicht mehr in Europa.»

Für die Clubszene in Berlin ist es aber schwieriger geworden. Die Mieten steigen. Anwohner beschweren sich über Lärm. Das bekam Dr. Motte zu spüren, als die Polizei deswegen eine Firmenfeier räumte, bei der er auflegen sollte. Auch der Schauspieler und Immer-mal-wieder-DJ Lars Eidinger war dabei. Er schrieb dazu bei Instagram: «Erst wenn die letzte Party geräumt und der letzte Club geschlossen ist, werdet ihr merken, dass Berlin zu dem Kaff geworden ist, aus dem ihr gekommen seid.»

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