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«On Sunset»: Paul Weller sprüht vor Energie

03.07.2020 - Paul Weller ist eine lebende Britpop-Legende und immer noch ein rastlos kreativer Songwriter. Mit seinem 15. Soloalbum zeigt der 62-Jährige, warum er Vorbild für mehrere Musikergenerationen ist.

  • Auf der Höhe seines Könnens: Paul Weller. Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Auf der Höhe seines Könnens: Paul Weller. Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Wenn eine Rock-Ikone mit 62 ein Album «On Sunset» nennt («Über den Sonnenuntergang»), könnte das mit Altersmelancholie oder gar einer gewissen Endzeitstimmung zu tun haben.

Aber man muss nur die kraftstrotzende, faszinierend jung gebliebene Stimme von Paul Weller im Opener «Mirror Ball» hören, um zu erkennen: Nein, dieser Mann ist nicht wehleidig, er wird uns nichts über Zipperlein, dritte Zähne und vegane Ernährung erzählen oder gar über Angst vor dem Tod. Eher von schönen Erinnerungen an eine große Karriere, und wie toll es ist, vor einigen Jahren zum achten Mal Vater geworden zu sein.

Der «Godfather of Britpop» ist in den Liedern dieses 15. Soloalbums ganz bei sich: als Leitfigur einer typisch englischen Popmusik, die ihre Einflüsse von Beatles, Kinks und Small Faces über «Northern Soul» bis zum melodischen Punkrock, Mod-Sound oder Funk seiner Bands The Jam und The Style Council bezieht. «On Sunset», obwohl nicht revolutionär im riesigen Weller-Gesamtwerk der vergangenen gut 40 Jahre, ist eine Platte, die den längst legendären Musiker aus der Nähe von London auf der Höhe seines Könnens als Sänger, Songschreiber und Arrangeur (Diese Bläsersätze! Diese Frauenchöre!) präsentiert.

Der Vorgänger «True Meanings» von 2018, der wie selbstverständlich wieder in den Top 3 der britischen Charts und unter den besten 20 in Deutschland landete, war schon eher ein Album, dem man das Alter seines Schöpfers anhörte. Wunderschön milde, bittersüße, von zarten Streichersätzen verzierte Balladen waren da zu hören - Weller hielt hörbar inne und verkniff sich mit 60 alle Muskelprotz-Attitüden (die sich der schlanke, durchtrainierte Mann ja durchaus leisten kann).

Den traditionelleren, akustischen Ansatz mit Anknüpfungspunkten im britischen 70er-Jahre-Folk eines Nick Drake oder John Martyn lässt Weller für «On Sunset» ein Stück weit hinter sich. Die zehn (in der Deluxe-Version 15) Tracks sind überwiegend üppig instrumentiert, mit wuchtigen Drums, Kirmesorgel-, Gitarren- oder Elektronik-Effekten. Und obendrauf thront diese unnachahmliche Soul- und Rock-Röhre (hier passt das etwas abgegriffene Wort tatsächlich mal).

Funky groovende Lieder wie «Old Father Tyme» und «More», das titelgebende «Sunset» (mit feinem Gitarrenzitat aus George Harrisons Welthit «My Sweet Lord»), das lässige «Walkin'», die Ballade «I'll Think Of It» - es sind einige von Paul Wellers besten, zugänglichsten Songs der vergangenen 20 Jahre auf diesem Album versammelt.

Dass er seit den Zeiten von Margaret Thatcher in den 80ern auch ein sehr politischer Songwriter ist, blitzt nur gelegentlich und eher dezent auf («Rockets»). Im Interview des Musikmagazins «Rolling Stone» machte sich Weller dann aber doch Luft und schimpfte auf «das verdammte Brexit-Ding» und den englischen Neo-Nationalismus.

Und warum heißt «On Sunset» nun so, wenn der Albumtitel wohl nichts mit der beschwerlichen Gegenwart und Zukunft eines Mannes über 60 zu tun hat? Dem «Rolling Stone» erzählte Weller, dass er sich an den berühmten Sunset Boulevard von Los Angeles zurückversetzt habe, wo The Jam 1977 ihr USA-Debüt gaben.

«Die Idee zu diesem Song kam mir, als ich vor zwei Jahren meinen ältesten Sohn dort besuchte. (...) Es hat mich umgehauen, ich erkannte gleich ein paar Dinge wieder, die lustige Erinnerungen in mir auslösten. Aber mir fiel auch auf, wie viel sich dort, aber auch an mir selbst verändert hat. Davon handelt der Song.»

Schon vor 14 Jahren, bei den BRIT Awards 2006, wurde Paul Weller «für seinen außergewöhnlichen Beitrag zur britischen Musik» geehrt, mit der höchsten Auszeichnung, die im Mutterland des Pop vergeben wird. Der «Modfather» kann also positiv zurückblicken - und voller Energie und ganz ohne Altersängste nach vorn.

Selbst angesichts der Corona-Krise gibt er sich zuversichtlich: «Es wird alles zurückkommen», sagte Weller dem Magazin «Playboy». «Wir Menschen können ohne Musik nicht leben.» Auch um den künstlerischen Nachwuchs ist dem Vorbild mehrerer Britpop-Generationen nicht bange: «Da draußen schwirrt reichlich Talent herum.»

© dpa-infocom, dpa:200630-99-615186/3

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