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«The Horror»: Alptraum-Balladen von Get Well Soon

11.06.2018 - Ein Jahrzehnt ist es her, seit Konstantin Gropper als Pop-Wunderkind aus der schwäbischen Provinz debütierte. Den Talent-Status hat er mit seinem Projekt Get Well Soon längst überwunden. Nun verbeugt sich Gropper vor der dunklen Balladenkunst eines Frank Sinatra.

  • Auch «The Horror» verzaubert durch eine überwältigende Klangkulisse. Foto: Britta Pedersen © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Auch «The Horror» verzaubert durch eine überwältigende Klangkulisse. Foto: Britta Pedersen © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Sich einfach mit der Gitarre hinsetzen, eine nette kleine Melodie zupfen und dazu einen Text über die eigene Befindlichkeit basteln - für Konstantin Gropper ist das nichts.

Der Mastermind des seit zehn Jahren erfolgreichen deutschen Bandprojekts Get Well Soon strebt als Songwriter nach dem monumentalen Pop-Entwurf, der orchestralen Grandezza, den anspruchsvollen, gern auch philosophisch grundierten Themen.

Das ist auf «The Horror» nicht anders, der meisterhaften neuen Studioplatte von Get Well Soon, ihrer fünften neben zahlreichen Mini-Alben und Soundtrack-Arbeiten. Nach dem leichtgewichtigeren Vorgänger «Love» von 2016 (über die Liebe in all ihren Facetten) hat Gropper, das inzwischen 35 Jahre alte einstige Pop-Wunderkind aus dem Schwäbischen, wieder einen schweren Stoff vertont - und sich erstaunlicherweise nicht daran verhoben.

Es geht um Alpträume, um böse Ahnungen in politisch düsteren Zeiten, um nachtschwarze Gedanken - und dazu baut Gropper eine überwältigende Klangkulisse auf, wie sie in der deutschen Popmusik immer noch einzigartig ist. Da ächzen und seufzen die Streicher, Chorgesänge branden auf und schwellen wieder ab, die Trompeten schmettern triumphierend oder keckern gruselig - man fühlt sich mehrfach an Soundtracks zu Hitchcock-Thrillern oder Trash-Horrorfilmen erinnert. Hier wird an nichts gespart, doch nie gleitet der Sound in sinnlosen Bombast ab.

«The Horror» ist - wie auch schon «Vexations» (2010) oder «The Scarlet Beast O’ Seven Heads» (2012) - ein sogenanntes Konzeptalbum geworden. Manchen Kritikern gilt solch hehre Ambition als aufgeblasen und eitel, aber Gropper stört dieser Vorwurf nicht mehr: «Früher habe ich das Wort Konzeptalbum eher verleugnet», sagt er im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. «Inzwischen bin ich da kämpferischer: Ja, es ist ein Konzeptalbum, und das ist auch gut so. Wahrscheinlich kann ich ohnehin nicht anders.»

Platten von Get Well Soon folgen stets einem aufwendigen Plan, einer größeren Idee - spontan hingetuscht sind die Lieder nie. «Ich fange immer bei Null an, dann kommt ein Thema, dann die Recherche, dann collagiere ich aus verschiedenen Quellen und Einflüssen etwas zusammen», erzählt Gropper. Mit ihm selbst haben die Songs nur indirekt zu tun. «Authentisch autobiografische Texte interessieren mich auch als Musikhörer nicht.»

Waren es früher David Bowie oder Scott Walker, an denen sich der Sänger mit seiner eindrucksvollen Baritonstimme orientierte, so verbeugt er sich nun vor dem wohl größten «Crooner» der Musikgeschichte. «Das ist definitiv meine Frank-Sinatra-Hommage», räumt Gropper unumwunden ein.

Sinatras melancholische Balladen-Alben der 50er Jahre - etwa «In The Wee Small Hours», «Where Are You?» oder «Only The Lonely» - hat er ausgiebig studiert und in den zwölf Songs der neuen Platte seriös nachempfunden. «Ich mache zitierende Musik, das ist ja kein Geheimnis», sagt er über seinen Umgang mit Vorbildern. «Man muss nur aufpassen, dass man nicht klaut.»

Für «The Horror» musste Konstantin Gropper nicht klauen, dafür hat er zu viele eigene Ideen. Dem Talent-Status ist er endgültig entwachsen, das Album untermauert seinen Ruf als einer der wichtigsten deutschen Popmusiker. Ob diese kompromisslos nach den Sternen greifende Platte in den Charts so erfolgreich sein wird wie die vier Vorgänger? Der 35-Jährige ist da offenkundig recht entspannt, er will sich nicht für den Kommerz verbiegen, sondern einfach gute, interessante Musik machen.

Vom Hauptstadt-Rummel hat sich Gropper ohnehin schon vor Jahren verabschiedet. Er lebt mit Partnerin und sechsjährigem Sohn in Mannheim, wo er einst als einer der ersten jungen Künstler die Popakademie absolvierte. «Ich weiß den Abstand von der Berliner Szene durchaus zu schätzen», sagt er. «Für die große Show bin ich nicht so geeignet, da fühle ich mich nicht wohl. Und auch bei sozialen Medien lebe ich total hinterm Mond.»

Konzerttermine The Get Well Soon Big Band: 10.8. Hamburg, Elbphilharmonie, 1.10. Berlin, Volksbühne, 8.10. München, Kammerspiele, 12.10. Leipzig, Westhafen, 17.10. Köln, Philharmonie, 28.10. Stuttgart, T1 Theaterhaus.

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