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Gamerdingers Fußball-Kolumne

28.01.2019 - Traumtore in Bremen, überragende Leverkusener Nationalspieler in Wolfsburg, unbeirrt marschierende Dortmunder, von den eigenen Fans kritisierte Bayern-Bosse, ein frierender Bundestrainer in Freiburg, Zoff in Augsburg und eine Trainer-Entlassung in mehreren Akten in Hannover – das waren die Highlights des 19. Spieltages der Fußball-Bundesliga. Herausgepickt habe ich heute für Sie die Geschichte des André B. in H. und meine Sicht der Dinge.

  • Lange stand Horst Heldt (l.) hinter seinem Trainer. Doch seit Sonntag ist der gebürtige Hannoveraner Andre Breitenreiter bei 96 Geschichte. © picture alliance / dpa / Swen

    Lange stand Horst Heldt (l.) hinter seinem Trainer. Doch seit Sonntag ist der gebürtige Hannoveraner Andre Breitenreiter bei 96 Geschichte. © picture alliance / dpa / Swen Pförtner

Vertrauen & Zweifel

Im August vergangenen Jahres verlängerte Hannover 96 mit Trainer André Breitenreiter den Vertrag bis 2021. Ein Vertrauensbeweis der Vereinsführung für bis dahin hervorragende Arbeit trotz schwierigen Umfelds. Und natürlich auch ein Vertrauensbeweis des Trainers in Management und Team. Nur vier Wochen später, nach der vierten Niederlage in Folge (1:4 gegen Frankfurt) und nur zwei ergatterten Pünktchen gab es plötzliche Qualitätszweifel beim Coach: „Es gibt nichts schön zu reden: Das war nicht gut genug für die Bundesliga“, sagte er über den desolaten Auftritt des danach Tabellenletzten. „Wir machen zu viele individuelle Fehler und bekommen zu leichte Gegentore. Wenn wir das nicht abstellen, wird es schwer.“ Es wurde nur selten abgestellt, und 96 dürfte kaum noch zu retten sein.

Talfahrt mit Kalkül

Ein paar Punkte kamen bis zur Winterpause noch hinzu, exakt neun. Dass dieser Trend für Andre Breitenreiter (und seinen Manager Horst Heldt) absehbar war, ist anzunehmen, denn man musste kein Experte sein, um den Hannoveranern den Abstiegskampf vorherzusagen. Ein Mangel an Qualität im Kader war und ist eigentlich unübersehbar - und das liegt nicht nur daran, dass inzwischen drei Akteure dabei sind, die in der Vorsaison mit dem nördlichen Nachbarn mit denselben drei Buchstaben (HSV) abgestiegen sind. Man könnte also zu der Ansicht gelangen, dass die Vertragsverlängerung durch den Trainer mit Kalkül vollzogen wurde, „safety first“ sozusagen. Oder aber, es gab Versprechungen, die Manager und Geschäftsführung nicht eingehalten haben, oder besser: mangels finanzieller Masse nicht einhalten konnten.

Autoritätsverlust

Dennoch: Noch im Dezember hatte Martin Kind die Absicht geäußert, mit dem beliebten Trainer auch nach einem möglichen Abstieg weiterarbeiten zu wollen. Aber Breitenreiter sorgte danach selbstständig und schwer nachvollziehbar (bzw. im Bewusstsein seiner Eine-Million-Euro-Ausstiegsklausel...) dafür, dass er erheblichen Autoritäts- und Vertrauensverlust hinnehmen musste: Zunächst machte er atmosphärische Probleme innerhalb des Kaders öffentlich, kanzelte seinen einzigen Top-Stürmer Niklas Füllkrug fünf Tage vor dessen Kreuzbandriss medienwirksam ab und nahm dann auch noch die angedrohte Streichung des Weihnachtsurlaubs teilweise wieder zurück. Zudem setzte er sich während der Vorbereitung auf die Rückrunde mit Kind öffentlich über neue Spielerverpflichtungen auseinander. Es war die pure Hilflosigkeit, die da aus ihm herausschrie: Wir sind doch nicht mehr zu retten!

Absurdes Ultimatum

Dass der Trainer (nicht nur, aber gerade) in Hannover das schwächste Glied in der Kette ist, zeigen die unruhigen Vereinsumstände nur allzu deutlich auf. Nach dem verlorenen Rückrundenauftakt auf heimischem Platz gegen Bremen (0:1), schickte 96-Allmächtiger Martin Kind seinen Manager per öffentlichem Statement auf Trainersuche. Gleich mehrere Medien berichteten danach übereinstimmend, dass der 45-jährige Breitenreiter vor dem Aus stünde. Das müssen Sie sich mal vorstellen: Da lässt man den Trainer die gesamte Vorbereitung mit der Mannschaft absolvieren, um ihn dann nach einer Heimniederlage im ersten Spiel nach der Winterpause gegen spielstarke Bremer öffentlich zu düpieren und ihm ein Ultimatum zu setzen („eine weitere Niederlage – in Dortmund! – können wir uns nicht erlauben…“)!? Und zwar ohne dass der Vorstand oder der Manager auch nur eine Silbe mit ihrem Trainer im Austausch gestanden hätten. Der gemeinsame Neujahrsempfang am vergangenen Montag war schon Slapstick pur... Unfassbar, oder? Die sind doch nicht mehr zu retten!

Tiefe Enttäuschung

Dass der Stachel der Enttäuschung beim 96-Coach da schon sehr tief saß, ist wenig verwunderlich. Weniger verwunderlich dagegen, dass er vor dem Spiel beim BVB seine Chefs Martin Kind und Horst Heldt bei seiner letzten Vorschau-Pressekonferenz verbal attackierte: „Ich bin enttäuscht. Ich hätte mir gewünscht, dass man mit mir offen darüber redet und diese Berichte schnellstmöglich dementiert. Das ist nicht passiert.“ Klubchef Kind und Manager Heldt ließen ihren Trainer quasi eine ganze Woche im öffentlichen „Regen“ stehen und bestätigten erst kurz vor der Partie, dass der Coach auch in Dortmund auf der Bank sitzen würde.

Abschied

Den von den Vorgesetzten gewünschten Rückhalt bekam er nach respektabler Leistung und zu hoher 1:5-Niederlage beim BVB zumindest aber von seinen Spielern, die gleich mehrfach betonten, mit ihrem Trainer (der sich wenigstens mit einem grandiosen wenn auch ungewollten Spruch verabschiedete: "Es geht um Hannover und darum, den Klassenerhalt zu verhindern"...) weiterarbeiten zu wollen. Dass dies ein unerfüllbarer Wunsch bleiben sollte, steht seit dem frühen Sonntagnachmittag fest. Und seit dem frühen Sonntagabend steht der Nachfolger fest: Thomas Doll. Das hohe Tempo - das den Roten auch mal auf dem Platz gut zu Gesicht stehen würde - unterstreicht wenigstens die Professionalität von Manager Heldt. Dabei sitzt der längst auf gepackten Koffern und arbeitet nur noch für 96, weil Martin Kind seine Wechsel nach Köln und Wolfsburg (oder demnächst Gladbach, falls die Bayern doch noch mal bei Max Eberl nachfragen müssen...?) untersagte und auf die Einhaltung des Vertrags bis 2021 bestand. Dabei weiß auch Heldt: 96 ist nicht zu retten...

Die Katze lässt das Mausen nicht

Wenigstens hat Heldt dem ehemaligen Torwart Ralf "Katze" Zumdick einen neuen Job verschafft - nämlich als Co-Trainer neben Thomas Doll. Schon 2003 arbeiteten die Beiden in Hamburg zusammen, später sammelten sie gemeinsam Bundesligaerfahrung bei Borussia Dortmund. Dort glänzte Doll hauptsächlich mit seiner legendären Pressekonferenz ("Da lach ich mir doch einen Arsch ab...!"), später holte er mit Ferencvaros Budapest fünf Titel. Hut ab! Doll war neben Andreas Thom und Matthias Sammer einer der bekanntesten Fußballer der Wende-Epoche. Und nun mache ich mal ein Quiz: Wie viele Tore hat Doll in seinen 102 Bundesligaspielen erzielt?

Abstieg

Bis Sie die Antwort gefunden haben, beschäfte ich nochmal mit den Hintergründen: Martin Kind hat selbstverständlich große Verdienste, fing 1997 mit Gerald Asamoah und Otto Addo in der Regionalliga an, als die Gegner noch Concordia Hamburg und Sportfreunde Ricklingen hießen. Aber nun befindet sich Hannover 96 dank des verbissenen Kampfes von Martin Kind schon seit geraumer Zeit inmitten einer inneren Zerreißprobe. Was ist 96 im Januar 2019? Ein Präsident, der mit aller Macht seine Interessen durchsetzen möchte und sich mit der halben Mitgliedschaft und Fangemeinde (Stichwort: 50+1-Regel) angelegt hat, ein Manager, der mit aller Macht weg möchte und eine Mannschafft, die nicht die sportliche Reife für die erste Liga besitzt! Alles andere als der Abstieg wäre ein Wunder. Und wenn mich nicht alles täuscht, wird das ein Abschied für länger – wenn nicht sogar für immer. Hannover ist nicht mehr zu retten!

Eine Antwort stehe ich Ihnen ja noch aus: Doll hat tatsächlich sieben Bundesligatore erzielt: drei für Frankfurt, vier für den Hamburger SV. Und er soll wirklich den (kleinen) HSV retten...? 

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