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Gamerdingers WM-Kolumne - Part III

03.07.2018 - Nun haben wir den Salat! Und es war keine Unkerei, als ich am vergangenen Montag darauf hinwies, die deutsche Nationalmannschaft (vom DFB ja auch gern ja so ganz Marketing-like „Die Mannschaft“ genannt) müsse gegen Südkorea erst einmal ihre Achtelfinal-Tauglichkeit nachweisen. Konnte sie eindrucksvoll nicht und flog deshalb mit dem unattraktivstem Fußball seit Jahren aus dem Turnier. Mittlerweile ist das Team übrigens in bester Gesellschaft. Fragen Sie mal die Argentinier, Spanier oder Portugiesen!

  • Noch so ein schlauer Marketingspruch... Auch der ging nach hinten los, denn Bundestrainer Joachim Löw und seine Mannen liegen längst am Strand, während die wirklich Besten in Russland aktiv sind - Foto: Christian Charisius...

    Noch so ein schlauer Marketingspruch... Auch der ging nach hinten los, denn Bundestrainer Joachim Löw und seine Mannen liegen längst am Strand, während die wirklich Besten in Russland aktiv sind - Foto: Christian Charisius © dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH / dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Sitzengeblieben: Marc-Andre ter Stegen spielte eine herausragende Saison, war bester aktiver deutscher Torwart – doch bei der WM musste er auf der Bank sitzen. Zwar sorgte er innerhalb des Teams nicht für Unruhe, doch rund um seine...

    Sitzengeblieben: Marc-Andre ter Stegen spielte eine herausragende Saison, war bester aktiver deutscher Torwart – doch bei der WM musste er auf der Bank sitzen. Zwar sorgte er innerhalb des Teams nicht für Unruhe, doch rund um seine Person und die Entscheidung brodelte es schon im Vorfeld – Foto: Paul firo Sportphoto/Jürgen Fromme © dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH / dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Ist er stark genug für den Neuaufbau? Auf Teammanager Oliver Bierhoff kommt viel Arbeit zu – und zwar mal nicht im Marketing-Bereich  – Foto: Thomas Eisenhuth © dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH	 / dpa – Deutsche Presse-Agentur...

    Ist er stark genug für den Neuaufbau? Auf Teammanager Oliver Bierhoff kommt viel Arbeit zu – und zwar mal nicht im Marketing-Bereich – Foto: Thomas Eisenhuth © dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH / dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Der „Gewinner“ der WM: Leroy Sané. Der 22-Jährige von Manchester United wurde in der Premier League zum Nachwuchsspieler der Saison gewählt. Aber die Bundesliga ist ja bestimmt die stärkere Liga...  - Foto:...

    Der „Gewinner“ der WM: Leroy Sané. Der 22-Jährige von Manchester United wurde in der Premier League zum Nachwuchsspieler der Saison gewählt. Aber die Bundesliga ist ja bestimmt die stärkere Liga... - Foto: Rauchensteiner © dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH / dpa – Deutsche Presse-Agentur GmbH

Die Mannschaft“ – wer ist das eigentlich? Ein verschworener Haufen von Nationalspielern, für die es das Allergrößte ist, bei einer Weltmeisterschaft mit bestmöglichen Leistungen das Land, für das sie spielen, zu repräsentieren? Ist so der DFB-Claim zu verstehen? Könnte man meinen, ist aber – für jeden Beobachter wahrnehmbar – definitiv nicht so. Nach dem WM-Titel 2014 fand Team-Manager Oliver Bierhoff nämlich, dass die DFB-Nationalelf im Gegensatz zu Frankreich („Les Bleus“), Spanien („Furia Roja“) oder Italien („Squadra Azzurra“) keine eigene Identität habe und dass man rund um den WM-Triumph 2014 in Brasilien gemerkt habe, dass etwas passiert und er überall auf der Welt mit den Begriffen „La Mannschaft“ oder „The Mannschaft“ konfrontiert worden sei. „Man habe gespürt - ohne anderen Mannschaften zu nahe treten zu wollen, dass wir 'Die Mannschaft' sind“, betonte Bierhoff. Es sollte ein neues Markenbild geschaffen werden, damit sich „die Identifikation auch grafisch niederzeichnet“, erläuterte Bierhoff.

Tut es, denn seitdem ging die grafische Leistungs-, parallel zur Identifikationskurve (den Confed-Cup mal außen vor - aber das war ja tatsächlich auch personell eine völlig andere Mannschaft) steil nach unten! Die deutlich wahrnehmbare Entfremdung (Klatschpappen- statt Fußball-Fans) half allerdings dem rechten Rand der „Anhänger“ stetig anzuwachsen und etwas näher an „Der Mannschaft“ ihren widerlichen, ewig gestrigen Nationalstolz auf der internationalen Fußballbühne zu „präsentieren.“ Meine Meinung: „Die Mannschaft“ muss weg!

Ballbesitz schießt keine Tore

Aber neben offensichtlichen taktischen Fehlern im Marketing gab es die sowohl bei der Zusammenstellung des Teams als auch auf dem Feld zu bewundern. Zu viele Akteure trugen ihre Selbstzufriedenheit im Nationaltrikot zur Schau – und das mit einem Sättigungsgrat, der sogar TV-Bilder erstarren ließ. Spielfreude, Spielwitz, Tempo, aber auch Zweikampfstärke und -härte suchte der geschulte Beobachterblick weitestgehend vergebens. Ein frecher, hungriger Leroy Sané oder ein Nils Petersen, der sich als Joker mit Haut und Haar in jede Situation im gegnerischen Strafraum geworfen hätte, wären zwei einfache Möglichkeiten gewesen, einem Team, dessen Kapitän über eineinhalb Jahre nicht dabei war und so keine Führungsrolle übernehmen konnte, Leben und Frische einzuhauchen. So blieb am Ende die Erkenntnis, dass „Ballbesitzfußball mit falscher Neun“, wie ein fachkompetenter, erfahrener Kollege in seinem heutigen und grundsätzlich täglichen, privaten Tippspiel-Update völlig korrekt analysiert hatte, tot ist. Denn mit „Rasenschach“ ohne anspielbare Stoß-Stürmer und torgefährliche Außen, wirste heute nichts mehr. Fragen Sie mal die Italiener oder Spanier. Oder meinen zwar haar-, aber nicht kopflosen Kollegen, der bereits das Comeback des Liberos und längst vergessener Spielsysteme prophezeit!

Hochmut, kommt vor dem Fall

Vielleicht müssen ja nicht ganz so radikale Maßnahmen ergriffen werden, aber ein Umbruch in Sachen Personal und taktischer Ausrichtung sind unumgänglich, denn auch die deutschen Klubs sind vom eigenen Anspruch aktuell weit entfernt. Das schwächste Abschneiden der Bundesliga-Klubs im Europapokal ist keine Momentaufnahme, sondern ein schleichender Prozess, der sich schon seit ein paar Jahren abzeichnete und die schwächste WM aller Zeiten nun zum negativen Höhepunkt hatte. Die 5-Jahres-Bilanz und die Vereins-Auftritte in Europa lügen nicht – Deutschland hinkt der Spitze hinterher. Natürlich gibt es dafür auch wirtschaftliche Gründe, aber Niederlagen gegen Teams aus vermeintlich schwächeren Ligen besonders in der Europa League waren oftmals eine Frage der Qualität und des Überschätzens der eigenen Stärke. Merkmale, die nun auch – ebenfalls seit fast einem Jahr absehbar – die Nationalmannschaft eingeholt haben. Hochmut kommt eben vor dem Fall. Und der war hoffentlich schmerzhaft genug.

Höchststrafe im Flieger

Sehr schmerzhaft - zumindest für die deutschen Nationalspieler, die im Flieger gen Deutschland saßen, natürlich in der 1. Klasse. Blöd nur, dass die WCs im elitären Bereich defekt waren. So mussten all die Spieler, die sich den Toilettengang im Flieger nicht verkneifen konnten, quer durch die Holzklasse, die vollbesetzt mit enttäuschten Fans war, latschen - entsprechende Kommentare inklusive. In der durchaus unterhaltsamen ARD-WM-Spätshow „Kwartira“ aus dem Hamburger Mojo-Club taufte man diesen „Leidensweg“ kurzerhand und deutlich treffsicherer als die Offensivakteure von Jogi Löw in „Walk of shame!“ Eine herrliche Wortschöpfung für die Höchststrafe im Flieger.