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Morrissey testet die Toleranz seiner Fans

24.03.2020 - Da ist natürlich immer noch diese fabelhafte Stimme. Doch auch das neue Morrissey-Album zeigt, dass sich einer der wichtigsten britischen Popmusiker in eine problematische Schmollecke begeben hat.

  • Morrissey macht es seinen Fans nicht leicht. Foto: Jessica Espinosa/NOTIMEX/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Morrissey macht es seinen Fans nicht leicht. Foto: Jessica Espinosa/NOTIMEX/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Seine drastische Schmähung von Berlin als «Vergewaltigungshauptstadt (...) wegen der offenen Grenzen» schwingt jetzt immer mit, wenn man ein neues Album von Morrissey hört.

Was ältere Äußerungen des einstigen Frontmannes der legendären britischen Indie-Band The Smiths schon länger nahelegten, wurde 2017 in einem «Spiegel»-Gespräch offenkundig: Dieser Künstler ist auf dem Weg ins rechtspopulistische Abseits weit vorangekommen.

Seine Texte sind für viele (Ex-)Fans längst eine Zumutung - wohl auch manche Zeilen auf «I Am Not A Dog On A Chain», der neuen Soloplatte des weiterhin sehr fleißigen Musikers. Im (zugegebenermaßen wieder mal hinreißend gesungenen) Titelsong macht Morrissey gleich trotzig klar, dass er sein eigenes Hirn verwende, einfach «zu clever» sei und sich eben nicht wie ein Hund an der Kette führen lasse. Und dass er keine Zeitungen lese (die er «news»papers in An- und Abführung nennt), weil die nur Ärger bereiteten.

Auch in «Knockabout World» beschreibt Morrissey wohl vor allem sich selbst als Opfer böser Mächte: «Glückwunsch, Du lebst noch/sie traten Dich, um Dich zu töten/vergiss es nicht/dass sie versuchten, Dich zu einem öffentlichen Ziel zu machen/willkommen zu dieser Klamaukwelt.» Ja, man hat's schwer.

Dass er ein wortgewandter, aber auch blasiert-fieser Spötter sein kann, macht er in der gitarrenpoppigen Kleinbürger-Satire «What Kind Of People Live In These Houses?» klar. Und «Jim Jim Falls» strotzt nur so vor Zynismus, mit der Schlussfolgerung: «Wenn Du Dich umbringen willst, dann, um Gottes Willen, tu's doch».

Man könnte so einige der elf Songs auf textliche Fehltritte und Beweise für Morrisseys problematische Gesinnung abklopfen. Dass er gegen «Multikulti» und für identitäre Politik in Europa ist, dass er den Brexit gut findet und Angela Merkel schlecht - das singt er jetzt zwar nicht so deutlich, wie er es im «Spiegel»-Interview sagte. Doch der Eindruck, dass hier ein Exzentriker in der Schmollecke der Wutbürger und Verschwörungstheoretiker gelandet ist, wird durch das neue Album eher noch verstärkt.

Auch musikalisch führt «...Dog On A Chain» trotz kleiner Experimente (Mehr Synthies! Gospel-Soul mit der Motown-Ikone Thelma Houston!) nicht weit über das hinlänglich bekannte Terrain des Steven Patrick Morrissey hinaus. Was für ein Jammer, dass dieser im vorigen Mai 60 Jahre alt gewordene, so talentierte Musiker dermaßen stagniert.

Nicht nur, dass er ja eigentlich immer noch ein fabelhafter, gern sehnsüchtig schmachtender Sänger ist (etwa im Closer «My Hurling Days Are Over»), der in Großbritannien weiterhin regelmäßig in die Top 5 der Albumcharts gelangt. Morrisseys Verdienste für die Musik der 80er und 90er sind einfach nicht zu unterschätzen oder zu leugnen.

Neben dem Gitarristen Johnny Marr veränderte er mit The Smiths vor rund 35 Jahren in England eine popmusikalische Ära, die nicht immer von gutem Geschmack geprägt war. Auch Soloalben wie «Viva Hate» (1988) oder «Vauxhall And I» (1994) gehören zu den Großwerken der britischen Rockmusik und der Indiepop-Poesie.

Der letzte größere Wurf des Mannes aus Manchester («You Are The Quarry») ist allerdings auch schon 16 Jahre her. Nach dem ziemlich verrissenen «Low In High School» (2017) und dem hübsch unverfänglichen Coverversionen-Album «California Son» (2019) testet Morrissey nun erneut Toleranz und Geduld selbst treuer Verehrer.

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