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Erschreckend gut: "Der goldene Handschuh"

19.02.2019 - Fatih Akins Verfilmung von Heinz Strunks Bestseller "Der goldene Handschuh" über den Hamburger Frauenmörder Fritz Honka ging bei der Berlinale leer aus – und ist trotz empörter Reaktionen ein Highlight des deutschen Kinos 2019.

Noch am Tag, als Heinz Strunks Roman über den Hamburger Frauenmörder Fritz Honka in den Handel kam, sicherte sich Fatih Akin die Filmrechte, weil er – laut eigener Aussage – einer folkloristischen Darstellung des historischen Stoffes einen Riegel vorschieben wollte.

Drei Jahre später sorgt sein kompromissloses Horror-Psychogramm "Der goldene Handschuh" (Kinostart: 21. Februar) mit der quälend ungeschönten Zurschaustellung von Gewalt und Verwahrlosung bereits im Wettbwerb der Berlinale für Empörung. Muss man so etwas wirklich so zeigen? Ja, man muss.

 

Darum geht's in "Der goldene Handschuh"

Hamburg-St. Pauli, 1970: Hilfsarbeiter Fritz Honka (Jonas Dassler) verbringt seine Abende in der Kiezkneipe "Der goldene Handschuh", wo der entstellte Außenseiter im Kreise anderer Alkoholiker einsame, verlebte Frauen abschleppt. Als er eine von ihnen in seiner Mansardenwohnung in Altona ermordet und zwecks leichterer Beseitigung zerstückelt, öffnet sich für seinen zerstörerischen Selbst- und Frauenhass ein Ventil.

Nach einem weiteren Affektmord bewegt ihn eine eigene Nahtoderfahrung dazu, sein Leben mit einer neuen Stelle als Nachtwächter umzukrempeln und dem Alkohol abzuschwören. Doch der kleine Hoffnungsschimmer, der sich in einer ungelenken Freundschaft mit der Putzfrau Helga (Katja Studt) manifestiert, ist für Honka nur von kurzer Dauer...

 

GOKA-Wertung

Warum Fatih Akins Horror-Show cineastische Berechtigung hat, wird bereits in der schwer verdaulichen Eingangssequenz deutlich: Eine gefühlte Ewigkeit werden wir Zeuge, wie Fritz Honka eine Frauenleiche zunächst aus seinem Bett und dann aus seiner Wohnung zu schaffen versucht. Diese Schwerstarbeit steht genau wie die mehrminütige Erdrosselung eines späteren Opfers im krassen Kontrast zu verharmlosender Fernsehkrimi-Gewalt und zur unrealistischen Serienkiller-Coolness, die Formate wie "Dexter" oder "Hannibal" zelebrieren.

 

Dabei kommen die ersten Filmminuten komplett dialogfrei daher. Erst als Honka zum Zerstückeln der Leiche ansetzt und auf dem Plattenspieler Adamos "Es geht eine Träne auf Reisen" abspielt, wird sein finaler Sündenfall musikalisch makaber untermalt.

Dem perfekt auf die jeweilige Szene abgestimmten Soundtrack kommt in Akins "Der goldene Handschuh" ohnehin eine Schlüsselrolle zu. Denn vor dem musikalischen Hintergrund einer heilen Schlagerwelt verwandelt sich das abstoßende Ambiente der Kiezkneipe zur letzten Fluchtburg für verlorene Seelen, deren kollektive Triebfeder die in den Liedtexten beschworene Sehnsucht ist.

So wird auch das zufällige Wiedersehen im "Handschuh" mit Schülerin Petra (Greta Sophie Schmidt), die wie ein roter Faden im Filmverlauf für Honka die unerreichbare Schön- und Reinheit versinnbildlicht, mit Bata Illics "Schwarze Madonna" unterlegt – bis die heilsversprechende Traumfrau die Treppe zur Kellertoilette und damit ins schwarze "Herz von St. Pauli" hinabsteigt, das plötzlich parallel dazu aus der Jukebox klingt...

 

Die exzellenten Hauptdarsteller sind es, die dieser detailgetreuen Inszenierung atmosphärische Intensität verleihen. Während Newcomer Jonas Dassler ("Die Protokollantin") mit einer schauspielerischen Tour de Force dem Horrorfilm-Kanon eine neue Fratze fleischgewordener Triebsteuerung hinzufügt, verleihen die Theaterschauspielerinnen rund um Margarete Tiesel als Beinahe-Opfer Gerda Voss ohne große Worte und mit viel Mut zur Hässlichkeit der menschlichen Tragödie hinter dem medizinischen Befund "Alkoholsucht" ein unvergessliches Gesicht.

 

Da Fatih Akin – anders als beispielsweise Mike Figg in der Säuferballade "Leaving Las Vegas" – sein Publikum mit einer komplett Empathie-befreiten Abbildung menschlicher Schattenseiten konfrontiert, stellt sich die berechtigte Frage, ob eine derart "schlichte" Ekel-Milieustudie einen ganzen Spielfilm trägt.

Doch dem "Aus dem Nichts"-Regisseur geht es in seinem neuen Film gar nicht um Genre-Unterhaltung im klassischen Angstlust-Sinne, sondern um eine ungefilterte Erfahrung. Denn jeder volljährige (!) Zuschauer, der es wagt, Akins "goldenem Handschuh" einen Kinobesuch abzustatten, setzt sich für zwei Stunden einer unmenschlichen Lebensrealität aus, der die wirklichen Verlierer unserer Gesellschaft meist ihr Leben lang nicht entrinnen können.

 

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