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Oscar-reif: Ein Mädchen sprengt das System

20.09.2019 - Das herausragend besetzte Drama "Systemsprenger" von Silberne-Bär-Gewinnerin Nora Fingscheidt geht hochverdient für Deutschland ins Oscar-Rennen.

Wie macht man das: Die Geschichte eines verhaltensauffälligen Kindes zu erzählen, eines Mädchens, das die Mutter nicht mehr zu sich nehmen möchte, das stattdessen von Pflegeheim zu Krankenstation zu Einzelbetreuung pendelt – und wieder von vorn? Leicht ist das auf jeden Fall nicht, denn hier tun sich viele Fallen auf. In der Darstellung der Ursachen sozialer Dysfunktionalität gähnen Abgründe von Klischees, die eine gute Geschichte schnell zum Ärgernis machen können. Auch stellt sich die Frage nach der Dramaturgie: Wie kommt man unter diesen Voraussetzungen überhaupt zu einem überzeugenden Ende, das die Zuschauer weder deprimiert noch enttäuscht?

Die Regisseurin Nora Fingscheidt, die mit "Systemsprenger" (seit 19. September im Kino) bereits im Frühjahr auf der Berlinale in einem insgesamt eher durchwachsenen Wettbewerb für Begeisterung sorgte, bekommt in diesem Film alle Probleme in den Griff. Das liegt zuallererst an der gelungenen Auswahl der Schauspieler. Die erst 2008 geborene Helena Zengel ist in der Rolle der Benni derart überzeugend, dass es wenig überrascht, dass sie demnächst, wie das Branchenblatt "Variety" im August vermeldete, an der Seite von Tom Hanks in Paul Greengrass' Film "News of the World" zu sehen sein wird.

 

Vom niedlichen Mädchen zum tobenden Scheusal

Diese junge Schauspielerin beherrscht alles, was sie für die Rolle braucht – die jähen Wechsel vom aufgeweckten, niedlichen Mädchen zum tobenden Scheusal ebenso wie die Fähigkeit, kurz die Sicht auf die Verletzungen zu erlauben, die sie zu dem gemacht haben, was sie ist. Benni ist, obwohl wir sie dauernd toben und schreien hören, sie alles kaputt macht, wegläuft und kaum ein Schimpfwort auslässt, doch ein durch und durch liebenswürdiges Kind. Allein Helena Zengel macht "Systemsprenger" schon zu einem sehenswerten Film.

 

Herausragend wird er aber auch durch vieles andere: Da ist der ungeschliffene Erzählduktus mitsamt stimmig eingesetzter Kamera (Yunus Roy Imer), da ist die einleuchtende Verwendung der Leitfarbe Pink, da ist vor allem aber auch die vollständig geglückte Besetzung der Nebenrollen. Die Thalia-Schauspielerin Lisa Hagmeister findet als Mutter Bianca genau die richtige Dosierung aus mütterlicher Zuwendung und Überforderung. Die Zusage der Mutter, Benni doch wieder bei sich aufzunehmen, ihr Rückzieher in letzter Minute, gefolgt vom Nervenzusammenbruch der Betreuerin Frau Bafané (Gabriela Maria Schmeide) – das zählt zu den vielen ergreifenden Momenten von "Systemsprenger", die in der Erinnerung haften bleiben.

 

Ein wichtiger, nachdenklich stimmender Film

Vor allem aber ist es GOLDENE KAMERA-Preisträger Albrecht Schuch in der Rolle des ruhigen, manchmal mit der eigenen Wut hadernden Antigewalttrainers Micha, der einen überzeugenden Gegenpol zu Benni verkörpern kann. Die beiden gehen für einige Zeit in einen Wald, in dem Benni erst zu sich zu finden versucht und schließlich wie ausgewechselt scheint – auch wenn es selbst hier immer wieder zu Wutausbrüchen kommt. Es klingen tragische Momente eines Vater-Tochter-Verhältnisses durch, das quer steht zur Beziehung von Patient und Therapeut. Ein wichtiger, nachdenklich stimmender Film.

Dieser Artikel ist zuerst beim Hamburger Abendblatt erschienen.

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