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Krautrocklegende Rother: 1977 - das waren aufregende Zeiten

22.02.2019 - Er ist der einzige deutsche Musiker, der in gleich drei großen Krautrockbands gespielt hat. Jetzt wird auch Michael Rothers Solo-Werk mit einer Boxset-Retrospektive neu entdeckt. Der 68-Jährige freut sich über die Wertschätzung von Fans und Kollegen.

  • Die Solo-Werke von Michael Rother kann man jetzt neu entdecken. Foto: Annette Riedl © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Die Solo-Werke von Michael Rother kann man jetzt neu entdecken. Foto: Annette Riedl © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Der gebürtige Hamburger Michael Rother hat in drei Bands gespielt, die der deutschen Rock- und Popmusik in den 70ern und danach zu internationaler Anerkennung verhalfen: Kraftwerk, NEU! und Harmonia.

Seine Solo-Werke werden jetzt mit einer opulenten Box gewürdigt. Die Deutsche Presse-Agentur sprach mit dem 68-Jährigen.

Warum eine Michael-Rother-Retrospektive - und was hat Herbert Grönemeyer damit zu tun?

Rother: «Der Hintergrund ist der, dass Herbert Ende der 90er Jahre NEU! für sich entdeckt hat. Er schaffte es als einziger in dieser Zeit, meinen sehr schwierigen Kollegen Klaus Dinger zu überzeugen, dass die Platten wiederveröffentlicht werden. Herbert ist das dank seiner freundlichen, überzeugenden, glaubwürdigen Art gelungen. Dann sind 2001 die NEU!-Alben neu erschienen, nachdem sie vorher nur als Bootlegs erhältlich waren. Viele haben NEU! dann erst entdeckt, gerade auch im Ausland. Dort wurde tendenziell ein jüngeres Publikum erreicht als in Deutschland.

Nach Klaus Dingers Tod habe ich mit seiner Erbin die NEU!-Vinylbox erstellt, einige Jahre später auch die Harmonia-Vinylbox. So hat sich halt über die Jahre die Zusammenarbeit mit Herberts Label Grönland als sehr angenehm und sehr erfolgreich dargestellt. Da war es nur folgerichtig, darüber nachzudenken, meinen Solo-Katalog auch über Grönland zu vertreiben - wieder mit einer Box. Irgendwann war klar, dass wir mit den ersten vier Alben plus dem neuen Material, das noch gar nicht veröffentlicht wurde, die ideale Konstellation hatten für so eine Box.»

Haben Sie für Ihre nun neu veröffentlichten ersten Alben der 70er und frühen 80er eine besondere Wertschätzung?

Rother: «Ach, wissen Sie, ich liebe alle meine Kinder. Ich finde, dass einiges aus den 80er oder 90er Jahren ein bisschen unter Wert gehandelt wird. Aber Freunde gerade aus den USA sagen mir: Michael, warte mal ab, auch diese Alben werden noch entdeckt, das ist nur eine Frage der Zeit. Das glaube ich gerne. Aber nun mit «Flammende Herzen» zu starten, die Zusammenarbeit mit Conny Plank und mit Jaki Liebzeit zu beleuchten, das war kein großer Geistesblitz. Andererseits ist diese Musik keine Nostalgie-Show, sie existiert für mich heute. So werde ich im April in London das Album «Sterntaler» zum ersten Mal komplett live aufführen. Die Briten haben ja schon seit NEU! eine besondere Liebe für meine Musik.»

Ist es manchmal für Sie ärgerlich, dass der Prophet im eigenen Lande zu wenig gilt?

Rother: «Die ehrliche, kurze Antwort wäre: Ja. Ich kann es mir aber psychologisch durchaus erklären, dass etwas, das von weit her kommt, erstmal größere Aufmerksamkeit erzeugt als der Junge von nebenan. Dieses Phänomen, dass ausländische Medien und Fans meine Musik viel, viel früher erfasst haben als hierzulande, das hat mich von Anfang an begleitet. Das war schon bei NEU! so - damals haben sich in Deutschland ungelogen anderthalb Journalisten um uns gekümmert. Es gab hier aber auch nicht diese Medienlandschaft für progressive Musik jenseits des Mainstreams wie Can, Amon Düül oder NEU!. Das war in Großbritannien seit den 60ern anders.»

Und dann kam der überraschende Durchbruch mit Ihrem ersten Soloalbum auch in Deutschland ...

Rother: «Ja, einer dieser Journalisten, Winfried Trenkler, sorgte bei «Flammende Herzen» im Radio für die Initialzündung. Es war ein Lauffeuer, das langsam lief, aber eine stetige Aufwärtsbewegung. Dauernd rief das Label bei mir an: Michael, wir müssen schon wieder nachpressen! Das waren aufregende Zeiten.»

In David Bowies letzten Jahren wurde wieder viel an die deutschen Krautrock-Einflüsse in seiner Musik erinnert. Hören Sie selbst diese Verbindung heraus?

Rother: «Ja, denn auch meiner Musik lag immer ein ganz ernsthafter Versuch zugrunde, neue Wege zu beschreiten, unabhängig zu sein, keine Kopie abzuliefern. Das war kein Zufall. Ich war schon vor meiner kurzen Zeit als Mitglied von Kraftwerk 1971 nicht mehr glücklich mit der Verarbeitung fremder Ideen. Den Bandnamen fand ich damals doof, aber in dem Raum saß dann Ralf Hütter an der Orgel, und ich habe mir einen Bass genommen, und wir haben uns ganz selbstverständlich die musikalischen Bälle zugeworfen. Andere deutsche Musiker, die ich damals kannte, hatten Jazz im Kopf oder amerikanischen Rock oder irgendwas mit Blues. Das wollte ich alles nicht mehr, das war vorbei. Bei mir kamen eher die mitteleuropäischen Musikwurzeln durch.»

Haben Sie sich dann bewusst ferngehalten von zeitgenössischer Popmusik, um möglichst nirgendwo anzudocken?

Rother: «Ja, so war es. Es war damals allerdings auch viel einfacher, nicht Musik zu hören. Heute wird man überall bespielt, schon beim Frühstücken im Restaurant - ob man will oder nicht. Das ist für mich oft eine Qual, denn ich höre bei Musik halt immer zu, ich verkrampfe dann innerlich. Also damals war es leichter, dem nicht andauernd ausgesetzt zu sein. Und so konnte ich ganz langsam eine eigene Handschrift entwickeln.»

Wie sah diese eigene Handschrift aus Ihrer heutigen Sicht aus?

Rother: «Komplizierte Soli und Virtuosentum habe ich als Gitarrist und später als Multiinstrumentalist über Bord geworfen, das war nicht mehr mein Ziel für eine interessante Musik. Alle Instrumente waren irgendwann nur noch Klanggeber, es ging nur noch um den Gesamtausdruck. Auch «Flammende Herzen» war kein cleverer Schachzug des Michael Rother, wie manche damals sagten. Ich habe einfach das weitergemacht, was ich schon seit Jahren machte - außer dass ich, bis auf Jaki Liebezeit am Schlagzeug, dann alles selbst gespielt habe. In den Soloalben habe ich mir nach und nach eine größere Sicherheit im Ausdruck angeeignet, große stilistische Brüche gab es aber nicht.»

Wie ging es dann weiter in den 80er und 90er Jahren?

Rother: «Ich habe weiterhin nie etwas anderes gemacht als Musik. Es war nur so, dass in den späten 80er Jahren die Plattenfirma Polydor den Glauben an Michael Rother als erfolgreichen Künstler verlor. Ich habe meinen Vertrag sogar vorzeitig beenden lassen, ich wollte da raus. Dann habe ich neue Alben aufgenommen, dafür aber kein Label gefunden. Anfang der 90er war die Situation ziemlich hoffnungslos. Das führte 1993 dazu, dass ich mein eigenes Label gegründet und die Musik selbst finanziert - künstlerisch und finanziell eine Befreiung für mich. 1998 habe ich angefangen, wieder live zu spielen, mit Tourneen in Amerika und Japan, da gab es Rückenwind.»

Dann kam Herbert Grönemeyer ins Spiel und sein Label Grönland...

Rother: «Ja, ich habe 2004 «Remember The Great Adventure» herausgebracht, auf dem Album hat Herbert mir ja freundlicherweise seine Stimme geliehen. Es wird Zeit, dass ich diese Platte nochmal richtig rausbringe. Aber wir gehen jetzt sukzessive vor und konzentrieren uns erstmal auf die Box der ersten vier Soloalben. Da steckt monatelange Arbeit drin.»

Und wie leben Sie heute, mit 68 Jahren, die man Ihnen übrigens überhaupt nicht ansieht?

Rother: «Immer noch um Weserbergland, in demselben Haus, wo Harmonia gegründet wurden und gelebt haben. Privat bin ich liiert mit einer Frau in Italien. Ja, das Leben schiebt einen so hin und her. Ich möchte die neue Begeisterung für meine Musik jetzt gern am Leben erhalten.»

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