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Wie fahrradfreundlich ist Deutschland?

15.11.2019 - Es ist noch viel zu tun für den Ausbau des Radverkehrs. Für mehr Klimaschutz soll es aber nun mehr Geld geben, um die Infrastruktur zu verbessern. Und Radfahren soll sicherer werden.

  • So sollte es immer sein: Fahrradfahrer bei der offiziellen Eröffnung eines weiteren Teilstücks des Radschnellwegs Ruhr (RS 1). Foto: Roland Weihrauch/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    So sollte es immer sein: Fahrradfahrer bei der offiziellen Eröffnung eines weiteren Teilstücks des Radschnellwegs Ruhr (RS 1). Foto: Roland Weihrauch/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Last-Rad: Vor allem bei jungen Eltern sind Fahrradanhänger beliebt und machen den Verzicht auf das Auto leichter. Foto: Tobias Hase/dpa-tmn © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Last-Rad: Vor allem bei jungen Eltern sind Fahrradanhänger beliebt und machen den Verzicht auf das Auto leichter. Foto: Tobias Hase/dpa-tmn © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Ständiges Ärgernis: Ein Autofahrer hat sein Fahrzeug auf einem Fahrradweg abgestellt. Foto: Wolfgang Kumm/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Ständiges Ärgernis: Ein Autofahrer hat sein Fahrzeug auf einem Fahrradweg abgestellt. Foto: Wolfgang Kumm/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Wo auf der Fahrbahn der Platz nicht reicht, tut's auch der Gehweg: Ein Fahrradfahrer ist in München auf dem Bürgersteig unterwegs. Foto: Lukas Barth/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Wo auf der Fahrbahn der Platz nicht reicht, tut's auch der Gehweg: Ein Fahrradfahrer ist in München auf dem Bürgersteig unterwegs. Foto: Lukas Barth/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Ein Mann fährt mit einem Fahrrad auf einem rot gekennzeichneten Fahrradweg über eine Straßenkreuzung. Foto: Silas Stein/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Ein Mann fährt mit einem Fahrrad auf einem rot gekennzeichneten Fahrradweg über eine Straßenkreuzung. Foto: Silas Stein/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Fahrradstellplatz im neuen ICE 4: Bis 2025 sollen auf allen Strecken Stellplätze verfügbar sein, wenn auch noch nicht in jedem Zug. Foto: Andreas Gebert/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Fahrradstellplatz im neuen ICE 4: Bis 2025 sollen auf allen Strecken Stellplätze verfügbar sein, wenn auch noch nicht in jedem Zug. Foto: Andreas Gebert/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Wird in Berlin eher als freundliche Empfehlung interpretiert: Radfahrer fahren in der Kastanienallee verbotenerweise an einem Schild mit der Aufschrift «Radfahrer absteigen und den Gehweg benutzen» vorbei. Foto: Florian Schuh/dpa ©...

    Wird in Berlin eher als freundliche Empfehlung interpretiert: Radfahrer fahren in der Kastanienallee verbotenerweise an einem Schild mit der Aufschrift «Radfahrer absteigen und den Gehweg benutzen» vorbei. Foto: Florian Schuh/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2020 ausgezeichnet: ein Radschnellweg in Osnabrück. Foto: Friso Gentsch/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2020 ausgezeichnet: ein Radschnellweg in Osnabrück. Foto: Friso Gentsch/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Zugeparkter Radweg - eines der vielen Ärgernisse, mit denen Radfahrer in großen Städten rechnen müssen. Foto: Paul Zinken/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Zugeparkter Radweg - eines der vielen Ärgernisse, mit denen Radfahrer in großen Städten rechnen müssen. Foto: Paul Zinken/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Fußgänger-Demonstration in Berlin: «Der Gehweg ist meine Spur». Tatsächlich machen Radfahrer in den Großstädten immer häufiger den Gehweg zum Radweg. Foto: Christoph Soeder/dpa © dpa - Deutsche...

    Fußgänger-Demonstration in Berlin: «Der Gehweg ist meine Spur». Tatsächlich machen Radfahrer in den Großstädten immer häufiger den Gehweg zum Radweg. Foto: Christoph Soeder/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Kein schützendes Blech, kein Airbag: Radfahrer ziehen bei Unfällen meist den Kürzeren. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Kein schützendes Blech, kein Airbag: Radfahrer ziehen bei Unfällen meist den Kürzeren. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Deutschland ist «Autoland» - wird es nun auch zur «Radnation»? Der Weg dahin ist lang. Denn bisher gehört der meiste Raum in den Städten dem Auto: Das Radfahren auf vielbefahrenen Straßen ohne Radwege ist oft gefährlich, parkende Fahrzeuge versperren Rad- und Gehwege.

Die Autoindustrie als Schlüsselbranche hat eine starke Lobby - und der Radverkehr? Wurde jahrzehntelang vernachlässigt, meint der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) Doch es scheint sich etwas zu tun, der Hauptgrund ist der Klimaschutz. Der ADFC wird 40 Jahre alt, zu einem Symposium am Freitag in Berlin kam auch der selbst ernannte «Fahrradminister», Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). Er betonte dort, dass es Ziel sei, dass Deutschland ein Fahrradland werde. Wie ist der Stand der Dinge?

UNFÄLLE: Fahrradfahrer leben oft gefährlich auf deutschen Straßen. Von Januar bis Juli 2019 kamen nach Angaben des Statistischen Bundesamts 275 Radfahrer bei Verkehrsunfällen ums Leben: Das waren 16 mehr als im Vorjahreszeitraum oder eine Steigerung von 6,2 Prozent - bei insgesamt etwas weniger Verkehrsunfällen mit weniger Todesopfern.

Immer wieder etwa kommt es zu schweren Unfällen, wenn meist erhöht sitzende Lkw-Fahrer Radler oder Fußgänger, die sich neben ihrem Fahrzeug befinden, im toten Winkel übersehen. Abbiegeassistenten können Warnsignale aussenden oder automatisch bremsen.

DIE RAUMFRAGE: Nicht umsonst hat der ADFC seine Jubiläumskampagne «#MehrPlatzFürsRad» genannt - das gilt als das Kernthema. Auch Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages, sagt: «Straßen und Plätze sind mehr als nur Parkplatz und Fahrbahn für Autos.» Es gehe darum, den öffentlichen Raum für alle Beteiligten gerechter aufzuteilen. Zurzeit werden nach Angaben des Verkehrsministeriums in Deutschland rund 11 Prozent aller Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt, in den Städten zum Teil deutlich mehr: «Diesen Anteil wollen wir in den kommenden Jahren signifikant erhöhen.»

Für einen Umstieg aufs Fahrrad aber gilt eine gute Radverkehrsinfrastruktur als zentrale Voraussetzung, damit Radfahren komfortabel und sicher ist - und dazu brauchen Fahrräder mehr Raum. «Radfahrer sind gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer im Straßenverkehr», sagt Scheuer. «Sie brauchen deshalb nicht nur mehr Akzeptanz, sondern vor allem mehr Platz.»

INVESTITIONEN UND INFRASTRUKTUR: Jahrzehntelang sind Milliarden in den Aus- und Neubau von Straßen geflossen sowie in die Schiene. Das ist auch im Etat 2020 nicht anders. Im laufenden Haushalt stellt das Verkehrsministerium 200 Millionen Euro Bundesmittel für den Radverkehr bereit, zur Förderung von Radwegen an Bundesstraßen oder Radschnellwegen - für den Bau und den Erhalt der restlichen Radwege sind die Länder, Kreise und Kommunen zuständig.

Nun soll es aber einen großen Batzen mehr Geld geben: Das Klimaschutzprogramm der Regierung sieht bis 2023 zusätzlich 900 Millionen Euro vor, um erstmals Infrastrukturprojekte der Länder und Kommunen zu fördern, wie Scheuer sagt. Damit stünden bis 2023 für den Radverkehr allein auf Bundesebene 1,45 Milliarden Euro zur Verfügung: «Ziel ist eine gerechtere Aufteilung des Straßenraums und eine möglichst lückenlose und sichere Radinfrastruktur.» Der Städtetag fordert eine «Radwegeoffensive» von Bund, Ländern und Kommunen. Dedy: «Da ist schon einiges angeschoben, aber es bleibt noch viel zu tun. Radschnellwege müssen ausgebaut werden, damit sie eine echte Alternative zum Auto bieten und die Städte mit dem Umland besser verbinden.»

Der ADFC fordert seit langem wesentlich mehr Mittel: «Deutschland muss mehr als 30 Jahre Stagnation beim Ausbau der Fahrradinfrastruktur aufholen - und das ist ein ziemlich dickes Brett», sagt Sprecherin Stephanie Krone. Die größte Herausforderung sei, dass auf Radverkehr spezialisierte Planer und entsprechende Beratungsbüros fehlten. «In den Niederlanden und Dänemark hat der Bau von breiten, durchgängigen Radwegen und sicheren Kreuzungen eine lange Tradition, in Deutschland ist das auch fachlich noch Neuland.»

MEHR SCHUTZ: Mehr Platz und mehr Rechte für Radler, strengere Regeln für Autos: Radfahren soll sicherer werden. Erst vor kurzem beschloss das Bundeskabinett Vorschläge Scheuers, dem aber noch die Länder zustimmen müssen. So sollen Bußgelder fürs Parken in der «zweiten Reihe», auf Geh- und Radwegen steigen. Außerdem soll es neben Fahrradstraßen künftig ganze Zonen geben - dort ist dann generell höchstens Tempo 30 erlaubt, der Radverkehr darf weder gefährdet noch behindert werden. Beim Rechtsabbiegen soll es einen Grünpfeil geben, der nur für Radfahrer gilt.

BAHNHÖFE UND MITNAHME IN ZÜGEN: Mit dem Rad zum Bahnhof, dann mit dem Zug weiter, oder das Rad gleich mitnehmen - eine schöne Idee. An der Umsetzung aber hapert es. Zum einen gibt es an vielen Bahnhöfen in Großstädten zu wenig Stellplätze für Fahrräder. Und eine Mitnahme in Zügen ist bisher schwierig. Das soll besser werden, die Bahn will das Angebot deutlich ausbauen. 2025 sollen auch auf allen Fernstrecken Fahrradstellplätze verfügbar sein, wenn auch noch nicht in jedem Zug.

WIE FAHRRADFREUNDLICH ALSO IST DEUTSCHLAND?

Im Vergleich vor allem zu anderen Ländern fällt das Urteil der Branche und vieler Experten bisher ernüchternd aus. «Die Menschen in Deutschland wollen gern mehr Fahrrad fahren, aber die Verhältnisse auf den Straßen sind oft beängstigend», sagt ADFC-Sprecherin Krone. «Eine fahrradfreundliche Nation müssen wir erst noch werden.» Beim Städtetag heißt es: «Deutschland ist ein Aufsteiger-Land in Sachen Fahrrad.» Der Grünen-Verkehrspolitiker Stefan Gelbhaar wird noch deutlicher: «Radfahren in Deutschland ist immer noch auf Holzklasseniveau. Das wird besonders deutlich, wenn der Radverkehr in den Niederlanden oder in Dänemark im Vergleich betrachtet wird.» Es gebe extrem viel aufzuholen.

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