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Vor fünf Jahren starb David Bowie

08.01.2021 - Wie bei Presley, Lennon oder Jackson erinnern sich Millionen Fans noch genau an den Schock nach der Meldung vom Tod David Bowies. Fünf Jahre danach ist die Faszinationskraft des britischen Pop-Genies ungebrochen. Und längst nicht alle Rätsel sind gelöst.

  • David Bowie 1987 beim Festival «Rock am Ring» auf dem Nürburgring. Foto: Harald Menk/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    David Bowie 1987 beim Festival «Rock am Ring» auf dem Nürburgring. Foto: Harald Menk/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • 5. Todestag: Nur zwei Tage nach seinem 69. Geburtstag ist David Bowie gestorben. Foto: Maurizio Gambarini/dpa-Zentralbild/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    5. Todestag: Nur zwei Tage nach seinem 69. Geburtstag ist David Bowie gestorben. Foto: Maurizio Gambarini/dpa-Zentralbild/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Todesgedanken waren bei David Bowie oft sehr präsent. Schon sein erster Hit, die futuristische Ballade «Space Oddity» (1969), schildert das tragische Ende des Astronauten Major Tom im kalten Weltall.

«Blackstar» (2016), Bowies letztes Album zu Lebzeiten und gewiss eines der besten dieser Pop-Dekade, ist ein düsterer Abschied vom eigenen Leben in sieben monumentalen Songs.

Fünf Jahre ist das an diesem Sonntag her. Am 10. Januar 2016 starb der britische Superstar, einer der wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts, an einem 18 Monate zuvor diagnostizierten Leberkrebs.

Für die Öffentlichkeit kam das völlig überraschend - erst zwei Tage davor, an seinem 69. Geburtstag, hatte Bowie ein neues Studioalbum herausgebracht. Zu der mit einem Schock endenden Laufbahn gehörten da bereits der legendäre Bühnen-Tod von Bowies Kunstfigur Ziggy Stardust 1973, lebensbedrohliche Grenzerfahrungen durch Drogenmissbrauch - und eine stetige Trauer darüber, dass die Zeit begrenzt ist.

Der Song «Heathen» etwa handele «von der Endlichkeit des menschlichen Daseins - und davon, wie sehr ich es bedauere, dass sich das Leben allmählich von mir verabschiedet», sagte der Sänger bereits 2002. Da war er gerade mal 55 und vermeintlich topfit (bis er 2004 nach einem Konzert in Deutschland einen Herzinfarkt erlitt). Überschrift zu dem Interview: «Ich will dreihundert Jahre alt werden.»

Bowies Tod 2016 war für Millionen Fans so einschneidend wie der von Michael Jackson 2009, John Lennon 1980 oder Elvis Presley 1977: Man weiß noch genau, wie es war, die schlimme Nachricht zu hören.

Die Reaktionen: überwältigend. In seiner Geburtsstadt London am Ziggy-Wandgemälde, in Bowies langjähriger Wahlheimat New York - und auch in Berlin, wo der bis heute als Mauerstadt-Bürger vereinnahmte Künstler in den 70ern zwei äußerst produktive Jahre verbracht hatte, mit der «Heroes»-Hymne aus den Hansa Studios als Höhepunkt.

Berge von Blumen, selbstgebastelte Geschenke, Trauerbriefe: In den drei Metropolen kamen die Popfans am 11. Januar 2016 - der Tag, an dem Bowies Tod bekannt wurde - und noch lange danach trauernd zusammen. Seither wird ein vielfältiger Bowie-Kult gepflegt, unter anderem mit zahllosen Buch-, Comic- und Musikveröffentlichungen, die aber noch längst nicht alle Rätsel um den Pop-Magier gelöst haben.

Die wohl wichtigste Biografie nach dem Tod des Musikers hat Dylan Jones geschrieben. Für «David Bowie: Ein Leben» (auf Deutsch 2018) sprach der «GQ»-Journalist laut Rowohlt-Verlag «mit 182 Freunden, Rivalen, Liebhabern und Liebhaberinnen und Familienangehörigen». Der Autor lieferte eine spannende «Oral History» - obwohl Schattenseiten des Genies wie seine zeitweilige Hitler-Faszination oder die Gier nach «Groupies» unterbelichtet blieben, wie Kritiker bemängelten.

Jones sagte im Deutschlandradio Kultur über seinen Biografie-Ansatz: «Die meisten Bücher konzentrieren sich auf den Musiker David Bowie, den Performer, den Entertainer, das Konzept hinter seiner Person. Ich wollte den Menschen David Bowie darstellen.»

Der Kultur-Journalist und Buchautor Tobias Rüther («Helden. David Bowie und Berlin») meint indes, dass es bei der Aufarbeitung mancher 70er-Jahre-Exzesse noch Luft nach oben gibt: «Es wäre interessant, Bowies Sonderbewusstsein und den Wunsch nach populistischer Führung Großbritanniens um 1975, 1976 herum im Lichte des Brexits anzuschauen», sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Und: «Dass man das Verhalten männlicher Rockstars wie Bowie gegenüber Groupies immer noch als Kavaliersdelikt betrachtet, finde ich grauenhaft.»

Dem Ansehen des Musikers haben solche Abgründe insgesamt nicht geschadet - Bowie ist auch nach seinem Tod Pop-Kultur par excellence. So war auf mehreren Bühnen das Jukebox-Musical «Lazarus» mit berühmten Bowie-Songs zu sehen.

Und die Versteigerung eines Großteils seiner kenntnisreichen Kunstsammlung bei Sotheby's brachte der Familie um Bowies Witwe, das Ex-Topmodel Iman Mohamed Abdulmajid, viel Geld ein: Betuchte Verehrer trieben den Gesamterlös für die 350 Werke der Londoner Auktion im November 2017 auf knapp 40 Millionen Euro - fast dreimal so viel wie erwartet.

In der deutschen Hauptstadt gibt es bis heute eine besondere Verehrung für den Briten, der man etwa bei einer liebevoll geführten «Bowie Berlin Tour» nachspüren kann. In der Schöneberger Hauptstraße 155, wo Bowie von 1976 bis 1978 weitgehend anonym lebte und seine Kokainsucht überwand, wurde im Sommer 2017 eine Gedenktafel aufgehängt.

«Ich war bankrott, mein Freund Iggy Pop und ich fuhren mit einem Mercedes herum, der so verrostet war, dass man durch seinen Boden die Straße sehen konnte, und wir fühlten uns wie Teenager», erinnerte sich Bowie noch 25 Jahre später. «Ich hatte das Gefühl, dass damals in Berlin eine riesige Last von mir weggehoben wurde.»

Dass Bowie nicht als Popstar von gestern oder vorgestern starb, sondern als gerade wieder sehr bewunderter, hochaktueller Künstler - es liegt im hohen Maße an seinen letzten Alben. Das Comeback-Werk «The Next Day» (2013) und das 2017 posthum mit vier Grammys dekorierte «Blackstar» zeigten ihn auf der Höhe seiner Kunst.

Über seinen Mut, den Pop-Mainstream möglichst zu meiden, sagte Bowie 2002: «Ich habe während meiner Karriere immer wieder die Flucht weg von diesem verfluchten Ort angetreten. Sobald man zum Mainstream gehört, wird auf einmal alles leer und vollkommen hinfällig.» Die Avantgarde-Jazz und Indie-Rock kühn verbindende Musik von «Blackstar» ließ ein großes Alterswerk erwarten - es sollte nicht sein.

«Dass zwischen dieser letzte Platte und seinem Tod nur Tage lagen, hat den Schock und die Trauer noch einmal vergrößert und den Blick auf Bowie sicher milder und wärmer gemacht», sagte Bowie-Experte Rüther der dpa. «Ich fand die Vorstellung, er habe seinen Tod 'inszeniert', aber immer grotesk - nach allem, was man weiß, hat er bis zuletzt darauf gehofft, weiter arbeiten zu können.»

Ob angeblich existierende letzte Songs aus den New Yorker Sessions mit den Jazz-Koryphäen Donny McCaslin (Saxofon) und Mark Guiliana (Schlagzeug) noch auf den Markt kommen, ist unklar. Bowies Freund Tony Visconti dämpfte im Magazin «Mojo» die Erwartungen: «Ich denke, das meiste ist bekannt. Es gibt noch ein paar unvollendete Songs mit kompletter Band, aber absolut ohne Vocals, nicht mal 'La La La'.»

Einen augenzwinkernden Trost zum fünften Todestag hielt der inzwischen 76 Jahre alte «Blackstar»-Produzent in dem Interview aber immerhin bereit: «Im Gegensatz zu dem, was viele Fans so denken - er war nicht Gott», sagte Visconti über Bowie. «Aber er war nah dran.»

Trotz all der Popgott-Verehrung: Wegen der Corona-Pandemie in Großbritannien sind Trauer-Massenszenen wie 2016 und 2017 am Sonntag undenkbar. In Brixton erinnert angesichts der Ausgangsbeschränkungen wenig daran, dass sich der Todestag des berühmtesten Sohnes zum fünften Mal jährt.

Gegenüber der U-Bahn-Station am Tunstall Place, wo das Wandbild sonst Fans und Touristen anzieht, ist es fast menschenleer. Aber irgendein unbekannter Bowie-Fan hat dann doch einen Strauß Tulpen auf die Scheibe geklebt, die das Ziggy-Porträt des australischen Künstlers James Cochran schützen soll.

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