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Aufbruch zu neuen Ufern: Glen Hansard und Bruce Hornsby

18.04.2019 - Eine bewährte Erfolgsspur bewusst verlassen, nur noch den eigenen musikalischen Instinkten folgen: Die renommierten Singer-Songwriter Glen Hansard und Bruce Hornsby überraschen mit neuen Platten, die so nicht unbedingt zu erwarten waren.

  • Glen Hansard betritt Neuland. Foto: Stephen Vanfleteren © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Glen Hansard betritt Neuland. Foto: Stephen Vanfleteren © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Bruce Hornsby hat sich schon lange vom Mainstream verabschiedet. Foto: Sarah Walor © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Bruce Hornsby hat sich schon lange vom Mainstream verabschiedet. Foto: Sarah Walor © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Es gehört Mut dazu, als Singer-Songwriter mit klarem Profil einen Aufbruch zu neuen Ufern - und damit die langjährige Gefolgschaft - zu riskieren. Der Ire Glen Hansard (48) und der US-Amerikaner Bruce Hornsby (64) haben es gewagt - und gewonnen.

Schon beim Opener von Hansards neuem Album «This Wild Willing» (Anti-/Indigo) muss man zweimal hinhören, um hinter (beabsichtigtem) Bandrauschen, Knurre-Bass und einem sturen Drumbeat die heiser raunende Stimme des Sängers zu vernehmen. Später kommt ein an Radiohead erinnerndes Streicher- und Chor-Arrangement mit großem Crescendo hinzu. Puh!

Nein, dieses «I'll Be You, Be Me» ist so gar nicht die wohltuende Einladung, wie man sie von Hansard nach dem warmen, an Van Morrison orientierten Soul-Folk des Vorgängers «Between Two Shores» (2018) erwarten konnte. Aber der neue Song ist toll. Und das Gefühl, mit diesem Album etwas Ungewohntes, gleichwohl etwas ganz Großartiges zu erleben, es bleibt über die lange Strecke von 65 Minuten erhalten.

«Don't Settle» ist eine orchestrale Ballade, die auch von Hansards großem Vorbild Leonard Cohen hätte stammen können (abgesehen vom rauen Gebrüll am Schluss). Mit dem folkigen «Fool's Game» dimmt Hansard die Lautstärke zunächst etwas herunter, aber nicht die Intensität. Und nach dreieinhalb Minuten gönnt er auch diesem Lied einen überraschenden Emo-Ausbruch.

In den Liner-Notes beschreibt der 2006 für «Falling Slowly» mit dem Oscar ausgezeichnete Hansard (ursprünglich Frontmann der irischen Band The Frames, später im Duo The Swell Season mit der wunderbaren Markéta Irglová) die Ausgangslage für sein viertes Soloalbum. «Mit einer Handvoll Ideen, einer Studiobuchung und einem Monat Zeit, um die Fragmente zu Songs zusammenzufügen», sei er im vorigen Juli nach Paris gekommen.

Ausgelaugt von einer Europa-Tournee - deren einzelne Konzerte zweieinhalb bis drei Stunden lang waren - und geplagt von einer Infektion sei er gewesen. Mit einem Hemingway-Buch als «exzellentem Kameraden für den Aufenthalt» in der Metropole fand er wieder zu sich. Das Ergebnis des letztlich so erfolgreichen Songwriting-Prozesses sind einige der abenteuerlichsten, experimentellsten Lieder in Hansards Karriere.

Fast jeder der zwölf Track listet ein Dutzend Musiker, darunter Gäste aus dem Iran und Frankreich, aber auch alte Freunde und Bekannte: der aus Cohens Liveband bestens bekannte Javier Mas an der Spanischen Gitarre, Jo Doyle am Bass, Ruth O'Mahony Brady an den Tasten, David Cleary und Dunk Murphy für Elektronik und Keyboards, Earl Havin am Schlagzeug, Produzent David Odlum. Mit diesem Ensemble erzeugt Hansard trotz aller Klangfülle einen sehr luftigen Sound zwischen Irish-Folk (etwa im berührenden Closer «Leave A Light»), dunklem Pop, Ambient und World Music.

«This Wild Willing» ist ein typisches Kopfhörer-Album, für das man sich Zeit nehmen sollte. Es ist eine Platte zum Zu- und Durchhören - einzelne Songs aus dem prächtigen Gesamtbild hervorzuheben lohnt nicht, dafür ist aber auch die Skip-Funktion überflüssig. Glen Hansards mutigstes, reifstes, bestes Werk einer über 25-jährigen Karriere, keine Frage.

Noch so einer, der irgendwann (schon länger her als bei Hansard) ausbrach: Wer den Namen Bruce Hornsby lediglich mit dem Nummer-eins-Hit «The Way It Is» von 1986 zusammenbringt, dürfte vom neuen Album des Sängers und Pianisten ziemlich überrascht sein. Wenn man die Karriere des Grammy-Gewinners, der sich bereits in den 90ern vom Mainstream abwandte, genauer kennt, dann klingt «Absolute Zero» (Zappo Productions/Thirty Tigers/Alive) gleich viel weniger ungewohnt.

Klar, mit Hornsbys massentauglichem Klavier-Pop der Anfangszeit haben aktuelle Lieder wie «Voyager One» nur noch wenig zu tun. Dieses Stück beschreibt der 64 Jahre alte Songwriter aus Williamsburg/Virginia als «Steve Reich meets Prince». Minimal Music und avancierte Grooves finden hier tatsächlich kongenial zusammen. Ebenfalls (und fast zu sehr) an Prince, konkret an dessen «When Doves Cry», erinnert das verspielte «Fractals».

Bei «Cast-Off» wirkt anschließend eine Leitfigur des elektronisch verfremdeten Neo-Folk als Sänger und Co-Songschreiber mit: Justin Vernon vom Hipster-Projekt Bon Iver. Und im Titelsong trommelt Jack DeJohnette, einer der weltbesten Jazz-Schlagzeuger und Begleiter von Miles Davis, Herbie Hancock oder Keith Jarrett. Die raffinierten Bläser- und Streicher-Parts mehrerer Tracks steuert das Kammermusik-Ensemble yMusic bei, das schon Paul Simons jüngstes Album «In The Blue Light» (2018) veredelte.

Bruce Hornsbys «Absolute Zero» ist also das ambitionierte Alterswerk eines mittlerweile an Jazz, Avantgarde und Filmsoundtrack-Arbeiten geschulten Musikers, der offenkundig nicht mehr auf den Pop-Markt schielt. 33 Jahre nach seinem Durchbruch mit einem (freilich sehr schönen) Lied fürs Formatradio ist der Amerikaner weiter denn je davon entfernt, es sich mit gefälligen Klimpereien bequem zu machen.

Konzerte Glen Hansard im Mai: 8.5. Köln, 9.5. Frankfurt/Main, 16./17./19.5. Berlin

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