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Immer mehr Jugendliche besuchen Zauberschulen

08.10.2018 - 20 Jahre ist es her, dass der erste «Harry Potter»-Roman einen Hype um den Zauberlehrling auslöste. Heute verblüffen die Ehrlich Brothers das TV-Publikum mit Bühnenshows. Doch wer zaubern will, muss mehr können als ein paar Kartentricks - und lange dafür üben.

  • In vier Semestern lernen die Schüler der Zauberakademie die fünf Grundformen der Zauberei: schweben, erscheinen, verschwinden, wandeln, zerstören und wieder ganz machen. Foto: Matthias Balk © dpa - Deutsche...

    In vier Semestern lernen die Schüler der Zauberakademie die fünf Grundformen der Zauberei: schweben, erscheinen, verschwinden, wandeln, zerstören und wieder ganz machen. Foto: Matthias Balk © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Ein beschwörender Blick, die silberne Kugel scheint zwischen seinen Händen zu schweben. Harold Voit folgt ihr sacht. Dann, ein kurzer Moment der Unachtsamkeit, die Kugel droht zu fallen. Doch Voit fängt sie schnell noch auf.

Für die Schüler in der Zauberakademie Deutschland, die Voit vor gut 35 Jahren gegründet hat, ist das eher ein simpler Trick. Sie lernen heute in Pullach bei München, mit einer Spielkarte in einem Geldschein zu zaubern.

Große Nachfrage bei Jugendworkshops

«Kartenzauberei ist bei Jugendlichen stark im Kommen», sagt Voit. Überhaupt ist die magische Anziehungskraft der Zauberei auch gut 20 Jahre nach Veröffentlichung des ersten «Harry Potter»-Bandes und dem damit ausgelösten Hype ungebrochen. Es seien viele Zaubertheater entstanden, zu denen Leute hingehen, sagt Michelle Spillner vom Magischen Zirkel von Deutschland. Früher sei der Zauberer zu den Menschen gekommen, zum Beispiel auf Firmenfeiern.

Zudem gebe es etwa mit den Ehrlich Brothers wieder mehr Magie im Fernsehen zu sehen. «Und unsere Jugendworkshops haben so viel Zulauf wie nie», sagt Spillner. Zum ersten Mal sei die Anfrage zum Treffen im rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein mit 60 Plätzen so groß gewesen, dass nicht alle kommen konnten. Auch für Meißen (Sachsen) sei die Nachfrage auf die 50 bis 60 Plätze enorm.

«Die Jugendworkshops sind unsere Kaderschmiede», sagt Spillner. Die Ehrlich Brothers seien hier ebenso gewesen wie Marc Weide, der im Juli bei der Weltmeisterschaft der Zauberkunst in Südkorea den ersten Platz in der Sparte Salonmagie belegte - mit einem Kartentrick. Der sagte jüngst: «Ich möchte den Menschen zeigen, warum man in manchen Dingen Kind bleiben sollte und wie man Kind bleiben kann. Die Zauberei ist ein super Medium dafür.»

Wunsch nach Imagination

Das Kindliche sei ein Grund für die Faszination an der Zauberei, erklärt auch Psychologin Amory Danek von der Uni Heidelberg. «Das Hirn ist so programmiert, dass wir Gelegenheiten suchen, wo Unerwartetes passiert.» Im Fachjargon heißt das Erwartungsverletzung. «Kindern passiert es ständig, dass das Weltbild nicht passt. Wenn wir denken, die Kugel fällt - aber sie schwebt plötzlich. Dann will man wissen warum.» Es sei ein nützlicher Mechanismus, um dazuzulernen.

Außerdem löse das Überraschungsmoment positive Emotionen aus und mache neugierig. Auch deshalb wollten selbst manche Erwachsene nicht alle Tricks wissen und gäben Geld für Zaubershows aus. Spillner sagt dazu: «Menschen haben immer noch Hoffnung auf Übernatürliches.»

Rund 3000 Mitglieder zählt der Magische Zirkel. Dass immer mehr zur Zauberzunft gehören wollen, merkt der Verband an steigenden Aufrufen der Rubrik «Zaubern lernen» auf der Internetseite. Im Netz finden Interessierte vor allem bei YouTube unzählige Erklärvideos. «Das ist ein ganz gutes Ding, um Leute mit Zauberei zu infizieren», sagt Spillner. Aber meist seien die Clips zu schlecht, um gut zaubern zu lernen. «Jugendliche verlieren schnell die Lust, weil sie merken, dass Zauberei nicht nur der Trick ist, sondern Dramaturgie dazugehört.»

Ähnlich äußert sich Zauberakademie-Leiter Voit: «Das ist ja der ganz große Unterschied, dass wir Dozenten haben, die Sie korrigieren, die Ihnen sagen: Hier nochmal, das war verkehrt. Und das geht bei YouTube eben nicht. Da macht man einfach nur nach.»

Fünf Grundformen der Zauberei

Für 750 Euro kann man bei ihm in vier Semestern à 36 Stunden Zaubern studieren. Zauberei bestehe aus fünf Grundformen, sagt Voit: erscheinen, verschwinden, zerstören und wieder ganz machen, wandeln sowie schweben. «Den Letzten finde ich am schönsten. Da sieht man über längere Zeit das Wunder der Magie.»

Neben Tricks und Kniffen geht es in den Workshops auch um die Persönlichkeit: «Man muss lernen, sich selbst zu erkennen», sagt Voit. «Es gibt unendlich viele Zauberkunststücke, die einfach nur vorgeführt werden. Aber man muss eine gewisse Persönlichkeit, seine Persönlichkeit reinhängen und dazu muss man sich selbst erkennen.» Die Schüler sollen lernen, Menschen zu unterhalten. Dafür bekommen sie auch von Profis Schauspiel- und Sprechunterricht.

Showtalent gefragt

Dass das wichtig ist, begründet Spillner unter anderem damit, dass die Menschen heute zu aufgeklärt sind, als dass sie einfach nur ein Zaubertrick verblüfft. «Zauberei soll einen Mehrwert haben», sagt sie - eine Geschichte mit rotem Faden, Comedy, Showeffekte.

Wer im Trend liegen will, bietet Mentalmagie. Vor 30 Jahren sei die noch völlig unbedeutend gewesen, sagt Voit. «Wir haben mit Federblumen und Glitzerrequisiten gezaubert, vielleicht noch ein Glitzerjäckchen angehabt.» Heute heiße es: «Ich weiß, was du denkst», sagt Voit. «Das ist Mentalmagie in ihrer schönsten Form.»

Eine von Voits Schülerinnen ist Anna-Lena Kahmann, die in der Jugendhilfe arbeitet und den Teenagern in einem betreuten Wohnheim Zauberkunststücke vorführt und beibringt. «Das ist nicht nur Ablenkung, das fasziniert auch», erzählt sie. Ein weiterer Grund, warum junge Menschen zaubern lernen wollen - da sind sich Voit und Spillner einig: zum Flirten. Geld verdienen lässt sich später dann zum Beispiel auf Weihnachts- oder Hochzeitsfeiern. Für jene, die hierfür einen Zauberkünstler suchen, hat Voit noch einen Tipp: «Die guten werden weiterempfohlen, die müssen nicht inserieren.»

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