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Wirbel um das „Sommermärchen“: Bitte keine geheuchelte Empörung!

18.10.2015 - Ein Fußballfest unter Verdacht – für umgerechnet 6,7 Millionen Euro soll bei der WM-Vergabe 2006 an Deutschland „Stimmenfang“ betrieben worden sein. Den Kultstatus der Weltmeisterschaft vor neun Jahren wird die Affäre im Nachgang nicht zerstören. Aber vom „sauberen Fußball“ muss sich auch der letzte Tagträumer verabschieden…

  • Es war die ganz große Party in Deutschland, doch die Bezeichnung "Sommermärchen" für die WM 2006 hat nun eine zweite Bedeutung bekommen © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Es war die ganz große Party in Deutschland, doch die Bezeichnung "Sommermärchen" für die WM 2006 hat nun eine zweite Bedeutung bekommen © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Im Zentrum des Skandals steht auch Franz Beckenbauer © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Im Zentrum des Skandals steht auch Franz Beckenbauer © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

  • Mögliche Tatbestände sind Betrug, Untreue oder Korruption: Die Staatsanwaltschaft prüft möglichen Stimmenkauf für WM 2006 © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Mögliche Tatbestände sind Betrug, Untreue oder Korruption: Die Staatsanwaltschaft prüft möglichen Stimmenkauf für WM 2006 © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Manipulation, Korruption, Wirtschaftskriminalität rund um die Vergabe der WM 2006 an Deutschland – die Titelstory des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL klingt wie eine Räuberpistole, die optimal in diese tristen Herbstwochen passt. Aber sie kommt für meinen Geschmack um Jahre zu spät. Allerdings dürfte sie ausreichen, um die bei solchen Themen zu erwartende „Empörungslawine“ ins Rollen zu bringen…

Man stelle sich vor: Das deutsche Bewerbungskomitee für die WM 2006 soll eine „schwarze Kasse“ mit umgerechnet 6,7 Millionen Euro für die Zustimmung von vier FIFA-Exekutivkomitee-Mitglieder aus Asien unterhalten haben. Die Stimmen aus Katar, Saudi-Arabien, Südkorea und Thailand sollen (immer alles schön im Konjunktiv) am 6. Juni 2000 bei der Vergabe in Zürich („And the winner is… Deutschland“) den Ausschlag für die DFB-Bewerbung und gegen den Konkurrenten Südafrika gegeben haben.

Niersbach: „Die WM war nicht gekauft“

Weitere Details ersparen wir uns. Wirklich überrascht ist man von den „Enthüllungen in neuer Qualität“ (SPIEGEL-Autor Jens Weinreich) über das „Sommermärchen“, die legendäre WM vor neun Jahren, längst nicht mehr. 

Warum? Erstens: Weil im Zuge der seit Mai laufenden Ermittlungsoffensive der US-Behörden gegen den Fußball-Weltverband FIFA derzeit jeder Stein umgedreht wird und u. a. die Weltmeisterschaften 2016 in Russland und 2022 in Katar unter Manipulationsverdacht stehen. Zweitens, weil Meldungen über Ungereimtheiten, Vetternwirtschaft und Manipulationsvorwürfe bei der Vergabe von WM-Turnieren durch die FIFA seit 1998 immer wieder aufpoppten - siehe Frankreich '98 oder Südafrika 2010. Ein offenes Geheimnis. Anders gesagt: Wer an den „sauberen Fußball“ glaubt, lebt auf dem Disco-Planeten! Drittens – und das ist entscheidend – die Faktenlage ist mehr als dünn. „Die SPIEGEL-Autoren liefern keinerlei Beweise“, stellte der Medienrechtler und DFB-Anwalt Prof. Dr. Christian Schertz in einer Live-Schaltung der Sendung SKY90 am Sonntagabend klar. Auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) wies die Vorwürfe am Wochenende mit Vehemenz zurück, „Die WM war nicht gekauft“, so DFB-Präsident Wolfgang Niersbach (64) auf der Homepage des Verbandes. Die nächsten Tage und Wochen werden zeigen, was von diesen „abenteuerlichen Verdächtigungen“ (Bundesinnenminister a. D. Otto Schily), die die WM-Macher von 2006, Niersbach, Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer (70, damals OK-Chef) und Ex-DFB-Boss Dr. Theo Zwanziger (70) treffen, haltbar ist und was nicht.

Der DFB ist gefordert, die schwerwiegenden Vorwürfe schnellstens und rückhaltlos aus der Welt zu schaffen. Ansonsten riskiert man in Frankfurt einen unglaublichen Imageschaden. Auch und gerade, weil die Verbandsoberen des deutschen Fußballs gern als Saubermänner auftraten und immer wieder die umstrittene Vergabe der WM an den Wüstenstaat Katar kritisiert haben.

Den „sauberen Fußball“ gibt es nicht

Aber fragen wir mal anders: Wäre diese riesige, wunderbare Fußball-Party im Sommer 2006 anders gelaufen, wenn diese Vorwürfe vorab bekannt gewesen wären? Hat der 2006 erst ein Jahr zurückliegende Schiedsrichter-Bestechungsskandal („Hoyzergate“) die Begeisterung für die WM getrübt? Hätte die damals von Jürgen Klinsmann (heute Nationaltrainer USA) betreute deutsche Mannschaft mit weniger Leidenschaft gespielt? Wären die Fans, die zu Hunderttausenden auf die Eventmeilen in den zwölf Austragungsstädten strömten, deshalb zu Hause geblieben? Nein!

Korruption hin oder her: Der Mythos vom „Sommermärchen“ bleibt

Alle hatten Spaß. Für Spieler, Fans und Journalisten aus aller Welt wird der Fußball-Sommer 2006 für immer unvergessen bleiben. Fußball ist Geschäft. Dass die Schattenseiten dieser Mechanismen nun am „Sommermärchen“ rütteln, wird an der historischen Bedeutung dieser WM nichts mehr ändern. 

Und überspitzt gesagt: Wenn sich Katar, wie die britische Zeitung Mail on Sunday im April berichtete, durch eine Zahlung von 23,8 Milliarden Euro an FIFA-Mitgliedsländer die Wüsten-WM 2022 erkauft hat, dann wären 6,7 Millionen für das „Sommermärchen“ im Rückblick ja ein echter Schnäppchenpreis…