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40 Tonnen digital

07.09.2018 - Mit der dritten Generation des Mercedes Actros hat Daimler den marktführenden Schwerlast-Lkw in Sachen Autonomie, Vernetzung und Digitalisierung auf Pkw-Niveau gehievt. Das einzige äußerlich erkennbare Extra ist die größte Besonderheit.

  • Mercedes hat den Actros neu aufgelegt ©

    Mercedes hat den Actros neu aufgelegt © Daimler

  • Der 40-Tonner feiert auf der IAA Premiere ©

    Der 40-Tonner feiert auf der IAA Premiere © Daimler

  • Die Außenspiegel sind Kameras ©

    Die Außenspiegel sind Kameras © Daimler

  • Innen geht es digital zu ©

    Innen geht es digital zu © Daimler

  • Der Fahrer wird von zahlreichen Assistenten unterstützt ©

    Der Fahrer wird von zahlreichen Assistenten unterstützt © Daimler

  • Auch zahlreiche Varianten sind wieder geplant ©

    Auch zahlreiche Varianten sind wieder geplant © Daimler

  • Wie Mercedes E- oder S-Klasse kann der Actros teil-autonom über die Autobahn cruisen ©

    Wie Mercedes E- oder S-Klasse kann der Actros teil-autonom über die Autobahn cruisen © Daimler

SP-X/Berlin. Man sieht ihn wirklich erst im letzten Moment. Der Radfahrer taucht im unteren Teil des rechten Außenspiegels auf, und der Mann am Steuer des 40-Tonners zieht das Lenkrad nach links und tritt auf die Bremse. Natürlich hat der Radler bemerkt, dass er fast übersehen wurde und droht dem Trucker empört mit der Faust. Dann lacht er. Beide Verkehrsteilnehmer haben die Szene nur gestellt, sind Daimler-Mitarbeiter und wollten demonstrieren, welchen Segen eine der Neuheiten bringen kann, die die jetzt vorgestellte dritte Generation des Mercedes Actros auszeichnet. Wer die riesige Zugmaschine vor sich aufragen sieht, wird schnell bemerken, dass die Rückspiegel fehlen. Stattdessen schauen ganz oben aus dem Fahrerhaus zwei schmale Streben heraus – die MirrorCams, Spiegelkameras. Die beiden riesigen Außenspiegel, im Trucker-Sprech auch Elefantenohren genannt, entfallen, das gibt dem Fahrer ein völlig neues Gefühl der Rundumsicht. Will er sehen, was hinten los ist, schaut er auf zwei hochformatige 15-Zoll-Displays an den A-Säulen, die jeweils ein großes und ein kleineres, dafür weitwinkligeres Bild anzeigen. Hier ist nun auch das Warnsignal des Abbiege-Assistenten zu erkennen, den es seit 2016 beim Actros gibt. Das System ist bislang Bestandteil eines Safety-Paketes, das 4.400 bis 6.200 Euro Aufpreis kostet – auch im neuen Actros, der ab April 2019 in Serie geht, wird man den Abbiege-Assistenten nicht serienmäßig erhalten. Die Frage danach allerdings nervt Daimlers Lkw-Chef Stefan Buchner ein bisschen. „Wir sind die einzigen, die seit 2016 den Abbiegeassistenten anbieten und bekommen die Frage gestellt, warum wir das nicht serienmäßig machen. Man könnte doch die Frage auch in die andere Richtung stellen: Wann wird diese Technologie gesetzlich vorgeschrieben?“ Die Frage ist nicht unberechtigt, zumal nicht nur die Radfahrer rechts neben 40-Tonnern gefährlich leben, sondern die Unfälle beim Rechtsabbiegen auch zu den Schreckensvisionen jedes aufrechten Truckers zählen. „Unsere Kunden haben in den letzten Jahren deutlich mehr Sicherheitssysteme bestellt. Die Spediteure sehen die Verantwortung für ihre Fahrer und schützen so auch andere Verkehrsteilnehmer“, sagt Buchner. Die Sicherheit zählt denn auch zu den wichtigsten Argumenten für die Renovierung des in Deutschland und Europa meistverkauften Schwerlast-Lkw. Vor vier Jahren hatte Daimler den „Future Truck 2025“ vorgestellt, einen Prototyp mit allerlei digitaler Technik an Bord, und nun gehe viel von der damals gezeigten Technik schon 2019 in Serie. Neben den MirrorCams fällt ein neu gestaltetes Cockpit auf, dem fast alle Schalter und Tasten fehlen. Der Truck wird nun bedient wie ein Oberklasse-Pkw, mit Lenkradtasten und zwei großen Displays. Während der Bildschirm vor dem Lenkrad die wichtigen Fahrinformationen anzeigt und auch fahrrelevante Befehle über die Lenkradtasten entgegennimmt (z.B. für den Tempomat), ist das Display über der Mittelkonsole als Touchscreen ausgeführt und bedient sich nach Herstellerangaben genau so leicht wie ein Smartphone. Natürlich lässt sich das wirkliche Smartphone auch ins Infotainmentsystem des Actros integrieren, entweder mit Apple Carplay oder Android Auto – auch das ist aus dem Pkw-Markt schon bekannt. Dem Trucker hilft, dass er zwei Handys gleichzeitig verwalten kann, also das für den Chef und das für private Gespräche. Und über speziell programmierte Apps, die drahtlos übers Internet aufgespielt werden können, soll sich in Zukunft der Alltag mit dem Lkw weiter vereinfachen. Daimler will unbedingt vermeiden, dass neue Fernbedienungen für zusätzliches Lkw-Zubehör rundherum im Cockpit angebracht werden müssen, wie es bislang der Fall war. Die Zukunfts-, nein, Gegenwartsvision ist, dass Funktionen etwa vom Kühl-Auflieger oder anderen Anhängern über den Touchscreen und seine Apps bedient werden. Nachdem der beinahe-Unfall mit dem Radfahrer aufgeklärt ist, macht sich der teilweise beladene 40-Tonner auf einen Dreieckskurs, der ihn für etwa eine Stunde über eine dreispurige Autobahn und über kleine Landstraßen führt. Auf der Autobahn nimmt der Fahrer plötzlich die Hände vom Steuer und sagt: „Schauen Sie, wie sich das Lenkrad immer wieder anpasst.“ Der Automatic Drive Assist ist in Aktion getreten, ein elektronisches System, das den Actros als ersten Lkw auf das Autonomie-Level zwei (von fünf) hebt. Weiter sind auch die Pkw noch nicht – Level drei ist zwar technisch möglich, aber noch nirgends erlaubt. Wie Mercedes E- oder S-Klasse kann jedenfalls der Actros teil-autonom über die Autobahn cruisen, ganz egal ob im Stop-and-Go eines Staus oder bei Vollgas (90 km/h, erlaubt sind 80 km/h). Außerdem sind aktiv in diesem Modus: Spurhalte-Assistent nebst Spurverlassenswarnung, adaptiver Tempomat, Verkehrszeichenerkennung und automatischer Bremsassistent. Der Fahrer muss dennoch aufmerksam bleiben und immer mindestens eine Hand am Lenkrad haben, ansonsten gibt es nach 15 Sekunden die erste Warnung und wenig später schaltet sich das System einfach ab. Das ist Level-2-Autonomie, ganz wie im Pkw: Der Fahrer trägt die volle Verantwortung, er wird nur entlastet. Wer das unbedeutend findet, der möge einmal die Strecke Hamburg – München mit Tempo 80 fahren. Weiterhin drängt die Elektronik auch in Sachen Gasgeben voran. Schon vorher gab es im Actros die Predictive Powertrain Control, was den Lkw in die Lage versetzte, zwecks Kraftstoffeinsparung die Gänge und das Gaspedal an die vom Navigationssystem errechnete Strecke anzupassen. Nun greift die bordeigene Navigation auf neue, viel genauere digitale Karten zu und kann nicht nur auf Autobahnen, sondern auch auf Landstraßen die Topographie vorausempfinden. Gefälle, Steigungen, Kurven, sogar Kreisverkehre und Kreuzungen können vom Antriebsstrang berücksichtigt werden , was eine Verbrauchsreduzierung von bis zu fünf Prozent ergeben soll. Verkehrsinseln ignoriert das System übrigens, weil sie auch im Kartenmaterial nicht erfasst werden. Wenn der Lkw also einer Verkehrsinsel ausweichen soll, muss der Fahrer selbst die richtige Geschwindigkeit wählen. Ansonsten sieht er im Display, welches Tempo der Actros für die jeweils nächste Kurve vorschlägt, und in welcher Entfernung diese Kurve sich befindet. „Sehen Sie“, sagt unser Fahrer, „in 350 Metern kommt eine Kurve, für die das System Tempo 21 errechnet hat.“ Kaum ausgesprochen, da nimmt der Actros schon Gas weg, schaltet zurück und bringt den schweren Lastzug in sicherer Langsamfahrt durch eine sehr enge Rechtskurve, der eine ebensolche Linkskurve folgt (mit Tempo 19), worauf die Zugmaschine selbsttätig wieder auf 60 km/h beschleunigt. Das ist das gültige Landstraßenlimit für Lkw (was viele Pkw-Fahrer nicht wissen), und wenn der Fahrer etwas schneller fahren will, kann er das tun, muss diese Abweichung aber selbst vorwählen – ein elektronisches System verstößt nicht gegen die Verkehrsregeln. Bis auf die neuen Rückspiegel geht der Mercedes Actros äußerlich nahezu unverändert in seine dritte Amtszeit, den Entwicklern hat es genügt, das Auto von innen heraus zu reformieren. Wenn man nicht gut zwei Meter über der Straße thronte, könnte man das Cockpit fast für das eines Pkw halten, und die Digitalisierung nimmt nun auch vergleichbare Ausmaße an. Bei der starken Konkurrenz im Transportgeschäft wird es möglicherweise nicht lange anhalten, aber vorerst steht der größte Mercedes mit Neuheiten wie Mirrorcams, Multimedia-Cockpit oder autonomen Fahrfunktionen tatsächlich ziemlich alleine da. Nun ist es an der Vertriebsabteilung, damit auch gute Gewinne zu erzielen. Mit den Listenpreisen zwischen rund 80.000 und über 200.000 Euro, je nach Maschine, Zahl der Achsen und Ausstattung, kommt man als Anbieter in diesem Geschäft oft nicht weit. Denn das neue Fahrzeug ruft hier keinen Besitzerstolz hervor wie oft beim Pkw, sondern es ist schlicht ein Kostenfaktor – ein Werkzeug, das Geld verdienen muss. Aber immerhin: Für die harten Preisverhandlungen haben die Techniker den Actros-Verkäufern ein paar neue Argumente an die Hand gegeben.