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Tempo, Standards, Teamwork, Gier: WM-Unterricht für Löw

15.07.2018 - Der deutsche Fußball scheint sich in der Debatte um Mesut Özil zu verlieren. Diese muss im DFB, in der Gesellschaft und endlich auch vom Spieler selbst und dem Bundestrainer geführt werden. Die WM aber hat auch aufgezeigt, was Joachim Löw beim Nationalteam ändern muss.

  • Joachim Löw erholt sich derzeit vom kürzesten Turniereinsatz in seiner Amtszeit als Bundestrainer. Foto: Andreas Gebert © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Joachim Löw erholt sich derzeit vom kürzesten Turniereinsatz in seiner Amtszeit als Bundestrainer. Foto: Andreas Gebert © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Joachim Löw weilt im Urlaub und erholt sich vom kürzesten Turniereinsatz in seiner zwölf Jahre währenden Amtszeit als Bundestrainer.

Aber natürlich besteht die Hoffnung, dass der in Russland entzauberte Weltmeistercoach die Weltmeisterschaft auch in den 18 Tagen nach dem historischen Vorrunden-K.o. der deutschen Mannschaft pflichtgemäß als Anschauungsunterricht genutzt hat.

Denn in einem Punkt besteht beim DFB, den enttäuschten Fans und in der Fußball-Bundesliga Einigkeit, auf den Punkt gebracht von Philipp Lahm: «So, wie es jetzt passiert ist, kann es nicht weitergehen», sagte der Weltmeister-Kapitän von 2014 am Wochenende in der ARD.

Weiter so, Jogi? Nein! Nicht nur Löws langjähriger Wegbegleiter Lahm, der sich als DFB-Botschafter für die EM 2024 in der Krise plötzlich auffällig zum Sprachrohr des Verbandes aufschwingt und nicht nur eine bemerkenswerte «Führungsdebatte» um den Chefcoach losgetreten hat, erwartet einschneidende Veränderungen rund ums Eliteteam. «Wenn Deutschland in der Vorrunde ausscheidet, wird es nicht nur einen Grund gegeben haben. Wir müssen überall Lösungen finden», mahnte der 34 Jahre alte Lahm am Samstag. Strebt er womöglich eine Funktion an?

Die Aufarbeitung des WM-Desasters sollte sich nicht in der wichtigen und notwendigen Debatte um den langjährigen Leistungsträger Mesut Özil verlieren, der wegen der Erdogan-Fotos als Sündenbock dasteht.

Lösungsansätze haben in Russland vor allem die starken Teams von den Finalisten Frankreich und Kroatien bis zu den frischen Belgiern und den wiedererstarten Engländern zuhauf geliefert. 72 Prozent Ballbesitz hatte Löws Team in den drei Spielen gegen Mexiko (0:1), Schweden (2:1) und Südkorea (0:2). Aber andere Faktoren sind viel wichtiger gewesen: Tempo, Standards, Leidenschaft, Teamwork, Gier sowie taktische Finesse und Flexibilität. Die Dreierkette, defensive Grundlage bei Löws Überraschungssieg mit einem Perspektivteam beim Confed Cup 2017, kam als WM-Option und Defensiv-Alternative zur jahrelang eingeschliffenen 4-2-3-1-Formation nicht zum Zuge.

Erst zwei Wochen vor dem brisanten Neustart in der neuen Nationenliga am 6. September in München gegen Frankreich erwartet die DFB-Spitze um Präsident Reinhard Grindel von Löw und Teammanager Oliver Bierhoff eine detaillierte Turnieranalyse und erste konkrete Maßnahmen.

Löw ahnte aber schon vor dem kläglichen Ende in Russland, auf was es bei der WM eigentlich angekommen wäre. «Das spielerische Niveau ist nicht unbedingt bei jedem Spiel auf einem Top-Level. Es ist eine WM der absoluten Hingabe, der absoluten Leidenschaft. Die Mannschaften verteidigen mit allem, was sie haben», sagte Löw bereits am 22. Juni in Sotschi - fünf Tage vor dem Untergang in Kasan gegen Südkorea.

Auch Bierhoff benannte in einer ersten Schnellanalyse mehrere Aspekte: «Man sieht bei der WM Mannschaften, die sehr tief stehen, verteidigen und in Kontern arbeiten. Oder Mannschaften, die einen Abwehrblock haben und vorne mit individuell unglaublich starken Spielern agieren, die aus dem Nichts ein Tor kreieren.» Deutschland hatte weder individuelle Extraklasse noch kollektive Stärke. «Wir waren zu keiner Zeit eine homogene Mannschaft auf dem Platz», lautete das vernichtende Urteil von Teilzeitstürmer Mario Gomez.

Löw wird nicht nur seinen Führungs- und Arbeitsstil anpassen müssen, auch seine Philosophie sollte er überdenken. Standardtore etwa, die am WM-Triumph 2014 in Brasilien noch einen erheblichen Anteil hatten (dank Co-Trainer Hansi Flick), stellen in Löws Fußball-Kosmos ein offenbar zu profanes Mittel dar. Neun ihrer zwölf Treffer erzielten die Engländer jedoch aus Ecken, Freistößen und vom Elfmeterpunkt!

«Wir hatten Standards als Schlüssel für dieses Turnier identifiziert», sagte Englands Nationaltrainer Gareth Southgate. Sportdirektor Ralf Rangnick, der beim Bundesligisten RB Leipzig in der kommenden Saison auch wieder das Traineramt ausübt, will daraus eine Konsequenz für die tägliche Arbeit ziehen. Rangnick sagte der «Bild am Sonntag», er wolle künftig 30 Prozent der Trainingszeit für Standards verwenden. «Davon sind wir und vermutlich alle anderen Bundesligaclubs weit entfernt», meinte der 60-Jährige.

Vordenker Rangnick hat als WM-Beobachter Grundsätzliches erkannt: «Ohne Tempo, ohne Tiefgang, ohne Hochschalten in den fünften, sechsten, siebten Gang und ohne in den Rücken der Abwehr zu kommen, gewinnst du heutzutage nicht einmal mehr gegen Panama oder Südkorea.» Wie hieß der letzte Gegner der deutschen Elf in Russland noch mal?

England-Coach Southgate handelte auch in einem anderen Punkt konträr zu Löw: Southgate stellte seinen WM-Kader nach Perspektive zusammen. Er bevorzugte im Zweifelsfall Jung gegenüber Alt. Löw orientierte sich an Verdiensten. Es gab einen Weltmeister-Bonus. Er verzichtete auf ein «riesiges Talent» wie Leroy Sané (22), den besten jungen Spieler der vergangenen Saison in der englischen Premier League.

Löw wusste um den Angriffspunkt, dem er sich aussetzte, als er Sané im Trainingslager in Südtirol überraschend aussortierte. Schon damals kündigte er an: «Wir werden in Zukunft, ab September, verstärkt mit Leroy arbeiten.» Löw will den verpassten Umbruch nun nachholen.

Zur personellen Erneuerung müssen aber taktische Neuerungen kommen, die Rückkehr zum Leistungsprinzip, eine Öffnung nach außen, mehr Fleiß und eine neue Gier. WM-Analytiker Rangnick traut Löw eine Neuerfindung zu: «Jogi Löw hat nach Turnieren die Sachlage immer richtig analysiert und die richtigen Schritte ergriffen. Darauf setze ich auch diesmal.» Es ist das Prinzip Hoffnung - mehr nicht.

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