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Klagen über zu wenige Masken zum Schutz vor dem Coronavirus

04.03.2020 - Die Zahl der Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus in Baden-Württemberg nimmt zu, die Probleme mit dem Schutz scheinen das ebenfalls zu tun. Hausärzte klagen über einen Mangel an Schutzmasken. Die Opposition sieht Schwächen im Gesundheitssystem.

  • Eine Frau zeigt einen Test für das neue Virus 2019-nCov. Foto: Sebastian Gollnow/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Eine Frau zeigt einen Test für das neue Virus 2019-nCov. Foto: Sebastian Gollnow/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Die dünnen Overalls aus weißem Plastik erinnern ein wenig an übergroße Tüten, der Mundschutz bedeckt das halbe Gesicht. Mit den blauen Handschuhen greifen die Medizinerinnen in der Corona-Ambulanz des Klinikums Stuttgart nach den Stäbchen für den Abstrich, wenn sie ihre Patienten auf eine mutmaßliche Infektion hin testen. Bislang wurden nach Angaben der Klinik mehr als 300 Menschen in der separierten Anlaufstelle untersucht. Insgesamt hat die Zahl der Infektionen in Baden-Württemberg mit dem neuartigen Coronavirus am Mittwoch auf 65 zugenommen, darunter sind mindestens zwei Kinder.

Bei den jüngsten Infektionen handelt es sich unter anderem um einen 56-jährigen Mann und seinen 19 Jahre alten Sohn im Alb-Donau-Kreis, die von einer Reise aus Südtirol zurückgekommen sind. Im Landkreis Heilbronn wurden zwei Frauen und zwei Männer positiv getestet, die Bewohner des Pflegeheims sind, das schon vom Coronavirus betroffen ist. Bei einem Fall in Stuttgart handelt es sich um einen männlichen Reiserückkehrer (Jahrgang 1976) ebenfalls aus Südtirol, bei einem Fall in Mannheim um eine 1987 geborene Reiserückkehrerin aus Teheran. Auch die 14 Jahre alte Tochter eines bereits vermeldeten Infizierten im Rems-Murr-Kreis wurde positiv auf Sars-CoV-2 getestet.

Im Südwesten war die erste Infektion mit dem Virus am 25. Februar bestätigt worden. Nach den Worten von Sozialminister Manne Lucha (Grüne) zeigen die Patienten bislang milde Krankheitsverläufe.

Mit der schnell steigenden Zahl müssen sich Landesregierung und Gesundheitsbehörden auch gegen zunehmende Kritik zur Wehr setzen. Nach Ansicht der Opposition legt der Umgang mit dem Virus Schwächen des Gesundheitssystems offen. Lucha mahnte im Landtag noch einmal zur Besonnenheit. «Unsere Strategie lautet grundsätzlich: höchste Aufmerksamkeit, höchste Achtsamkeit, aber kein Alarmismus.»

Das Land will die rund 84 Notfallpraxen für den Umgang mit dem Coronavirus ausrüsten. Sie sollen rund um die Uhr als Anlaufstelle für erkrankte Menschen und Verdachtsfälle dienen. In mehreren Landkreisen ist dies bereits der Fall, andere sollen folgen. Um die medizinische Betreuung zu gewährleisten, will die Landesärztekammer pensionierte Ärzte anschreiben. Ziel ist es, möglichst viele Mediziner zu reaktivieren, wie Lucha sagte. Ein Sprecher der Ärztekammer teilte mit, die Schreiben würden seit Mittwoch an rund 6000 Ärzte außerhalb der Regelversorgung geschickt. Dabei gehe es nicht nur um Pensionäre, sondern auch um andere Ärzte, die derzeit nicht tätig seien, wie zum Beispiel solche in Elternzeit.

Der Landeshausärzteverband zeigte sich skeptisch: «Das wird sicher der eine oder andere machen», sagte Verbandssprecher Manfred King. «Aber das Land muss auch die logistischen Fragen klären. Wo zum Beispiel werden diese ehemaligen Ärzte eingesetzt? Sie haben ja ihre Praxen verkauft oder an den Nachfolger vergeben.» Verbandsmitglieder hätten sich zudem beklagt, sie hätten keine Schutzmasken mehr zur Hand, es seien auch auf eigene Kosten keine mehr zu erhalten.

«Wir merken, an manchen Stellen ist unser Gesundheitssystem nicht optimal aufgestellt», kritisierte auch der SPD-Fraktionschef Andreas Stoch im Landtag. Zu denken geben solle etwa, wenn Arztpraxen schon jetzt fragten, was sie tun sollten, wenn ihnen die Schutzkleidung ausgehe. Manche europäische Nachbarländer hätten auch ein leistungsfähigeres Netz an Infektionsstationen in Kliniken.

Auch die Hotline des Landesgesundheitsamtes sowie vieler örtlicher Gesundheitsämter sind angesichts der Anrufe besorgter möglicher Patienten überlastet.

Die Eisenbahnunternehmen im Südwesten verschärfen nach Angaben des Landesverkehrsministeriums die Desinfektionsmaßnahmen in den Nahverkehrszügen. So würden Handgriffe und Toiletten jetzt mit speziellen Desinfektionsmitteln gereinigt. Man bereite sich auch darauf vor, dass vermehrt Mitarbeiter von Zugunternehmen wegen Krankheit zu Hause blieben. Im Krisenfall sollen zuerst die Fahrpläne ausgedünnt werden, bevor ganze Strecken nicht mehr befahren werden.

Zum Schutz vor Ansteckungen hat das Justizministerium die Besuchszeiten in den Gefängnissen eingeschränkt. Nach einem jetzt fertiggestellten Erlass dürften Häftlinge ab sofort im Monat nur noch eine Stunde im Monat Besuch haben, berichteten «Mannheimer Morgen» und «Heilbronner Stimme» (Donnerstag).

Auf den Zeitplan der milliardenschweren Opernsanierung könnte sich das Virus ebenfalls auswirken. Zumindest wird das für diesen Freitag geplante Bürgerforum zur milliardenteuren Sanierung des Stuttgarter Opernhauses auf unbestimmte Zeit verschoben. Zahlreiche Teilnehmer haben Angst vor dem Coronavirus und meiden Gruppenversammlungen. «Es hat sich fast die Hälfte der 40 zufällig ausgewählten Bürger für das Forum wegen Krankheit oder aus Sorge vor einer Ansteckung mit dem Virus abgemeldet», sagte ein Sprecher der Landesregierung.

Nach den Plänen von Stadt und Land könnten die Sanierung der Oper und der Bau eines Übergangsgebäudes mehr als eine Milliarde Euro kosten. Ziel des nun verlegten Forums war es eigentlich, der Politik eine Empfehlung zur Sanierung ohne bindende Wirkung zu übergeben.

Eine Entscheidung über das Mitte April angesetzte traditionelle Frühlingsfest auf dem Cannstatter Wasen ist nach Angaben der Stadt Stuttgart noch nicht gefallen. Weltweit sind viele Veranstaltungen wegen des Risikos von Ansteckungen abgesagt oder verlegt worden.

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