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Schwimmlehrer wegen Missbrauchs vor Gericht

19.09.2018 - Statt in ihrem Kurs beschützt zu sein und unbeschwert schwimmen zu lernen, erleben kleine Mädchen perfide sexuelle Gewalt. Ein Schwimmlehrer soll ihr Vertrauen ausgenutzt und die Kinder missbraucht haben. Der erste Prozesstag ist rasch zu Ende.

  • Der angeklagte Schwimmlehrer im Landgericht Baden-Baden. Foto: Uli Deck © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Der angeklagte Schwimmlehrer im Landgericht Baden-Baden. Foto: Uli Deck © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Baden-Baden (dpa/lsw) - Es geschah vor aller Augen. Arglose Kinder sollen während Schwimmkursen Opfer sexueller Übergriffe durch einen Schwimmlehrer geworden sein. Der Mann steht seit Mittwoch wegen zum Teil schweren Kindesmissbrauchs in rund 200 Fällen vor dem Landgericht Baden-Baden. Er soll fast 40 kleine Mädchen missbraucht, verletzt und zwei sogar mit dem Tod bedroht haben, damit sie ihren Eltern nichts erzählen. Vor der Jugendschutzkammer kündigte der aus der Ukraine stammende, nicht vorbestrafte Deutsche über seinen Anwalt überraschend eine Aussage an - aber erst für diesen Donnerstag.

Im weinroten Pullover und hängender Jeanshose war der etwas dickliche und älter wirkende Mann in den Verhandlungssaal des Landgerichts gekommen, sein Gesicht hinter einem Aktenordner verborgen. Dann folgte er der Verlesung der Anklage aufmerksam, machte sich gelegentlich Notizen, reichte kleine Zettel an seinen Verteidiger weiter. Mit hörbarem Akzent berichtete er kurz von seiner Kindheit, dem Umzug nach Deutschland in den ersten Lebensjahren, von abgebrochenen Ausbildungen. Verheiratet sei er, habe keine Kinder.

«Schwein» murmelt eine Zuschauerin, als Staatsanwältin Stephanie Bauer zuvor die Anklageschrift verliest. Die betroffenen Kinder waren demnach Opfer besonders perfider Übergriffe: Unter dem Vorwand, Hilfestellung zu leisten, fasste er den Mädchen zwischen die Beine, griff unter den Badeanzug und berührte sie im Intimbereich - zum Teil so grob, dass die Kinder Schmerzen erlitten. Manche der kleinen Mädchen begleitete er zu Toilette, befingerte sie dort, zeigte ihnen sein Geschlechtsteil und drohte mindestens zweimal, sie «totzumachen», sollten sie darüber nicht schweigen.

Ein Mädchen brach den Kurs nach einer Stunde ab. Andere machten den Kurs zu Ende. Von ihrer Scham, all ihrer Verstörung und dem erlittenen Trauma ist vorerst nicht die Rede. Die drei Anwälte, die 20 der 37 betroffenen Kinder vertreten, wollen sich aus Opferschutzgründen nicht zur Verfassung der Mädchen äußern.

Zahlreiche Eltern sollen im Verlauf der neun bisher geplanten Verhandlungstage gehört werden. Das jüngste Opfer war erst vier. «Die Eltern sind tief erschüttert», sagte Gerhard Bräuer, einer der Nebenklägervertreter. Die meisten Taten verübte der Mann unter Wasser - mitunter dreist in Gegenwart der Eltern, die ihre Mädchen sicher glaubten - während der 34-Jährige vor aller Augen und doch verborgen sie missbrauchte. Die Taten geschahen in sechs verschiedenen Städten.

Filmaufnahmen wurden bei Durchsuchungen seiner Wohnung im vergangenen Jahr sichergestellt, angefertigt mit einer Unterwasserkamera: Demnach zog er den Mädchen unter Wasser dem Badeanzug am Intimbereich weg und filmte. Wie das in den öffentlichen Bädern, in denen die Kurse abgehalten wurden, möglich war? Unklar. Die Rede ist von «Einzelstunden», die manche Mädchen bei ihm absolvierten.

«Die Vorwürfe gehen definitiv nicht spurlos an ihm vorüber», sagte der Verteidiger Christian Süß. Im Gefängnis, in dem sein Mandant derzeit einsitze, werde er bedroht. Süß deutete die Möglichkeit von «Verständigungsgesprächen» mit Gericht und Verfahrensbeteiligten an. Was daraus wird, ist nach Worten von Staatsanwältin Bauer völlig offen. Die Aussage des Mannes müsse abgewartet werden.

Am Schluss der Anklageverlesung hatte sie bereits die Sicherungsverwahrung verlangt. Der 34-Jährige habe einen Hang zu erheblichen Straftaten und sei gefährlich für die Allgemeinheit. Ein Sachverständiger soll im Verlaufe des Prozesses gehört werden.

Der Bundesmissbrauchsbeauftragte Johannes-Wilhelm Rörig hatte nach Bekanntwerden des Falles Schwimmschulen dringend Risikoanalysen ans Herz gelegt. Luisa Hafner von der Fachstelle «Kein Missbrauch» beim Stadtjugendausschuss Karlsruhe, plädierte mit Blick auf den Fall vehement für Präventionskonzepte: «Jede Schwimmschule sollte ein solches Regelwerk haben.»

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