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Mutter bricht nach Freispruch im Missbrauchsprozess zusammen

18.10.2018 - Von der Mama zum Sex gezwungen? Ein junger Mann erhebt solche Vorwürfe. Glaubwürdig finden Richter sie nicht. Experten verweisen aber darauf, dass manchmal auch Mütter Sextäterinnen sein können.

  • Eine Statue der Justitia hält eine Waage in ihrer Hand. Foto: David Ebener/Archiv © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Eine Statue der Justitia hält eine Waage in ihrer Hand. Foto: David Ebener/Archiv © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Aalen (dpa/lsw) - Dramatisches Finale eines außergewöhnlichen Gerichtsprozesses: Als eine Mutter, die wegen Vergewaltigung ihres eigenen Sohns angeklagt ist, den Richter am Donnerstag «Freispruch» sagen hört, bricht sie neben ihrem Verteidiger zusammen. Die Sitzung im Saal des Amtsgerichts Aalen (Ostalbkreis) wird unterbrochen. Doch die Frau erholt sich rasch: Ihr Blutzucker sei wohl plötzlich gefallen, sagt sie. Für die 42-jährige, geistig leicht behinderte Frau sei dieser Prozess «nur die Hölle», sagt ihr Rechtsanwalt Peter Hubel.

Den Freispruch begründet Richter Martin Reuff unter anderem mit Zweifeln an der Glaubwürdigkeit des Sohnes. Als 16-Jähriger hatte er 2016 bei einer Video-Vernehmung schwere Vorwürfe erhoben. Mindestens zehn Mal habe die Mutter ihn missbraucht und dabei mehrfach auch vergewaltigt, bevor er - aus anderen Gründen - der Frau durch das Jugendamt entzogen und zu Pflegeeltern gegeben wurde.

Schon als er drei Jahre alt gewesen sei, habe sie sich an ihm vergangen, angeblich sogar Geschlechtsverkehr mit ihm gehabt, hat der Junge ausgesagt. Ein Gutachter hält dem entgegen, dass er sich unmöglich daran erinnern könne, zumal er erst spät Sprechen gelernt habe. Dann, als knapp Zwölfjähriger will der Sohn von ihr gefesselt und zum Sex gezwungen worden sein. Seine Aussagen will der laut seinem Psychiater ebenfalls geistig leicht behinderte Jugendliche gemacht haben, weil er befürchtet habe, der Vater seines 2013 geborenen Bruders zu sein.

Doch vor Gericht will der heute 18-Jährige seine Anschuldigungen nicht wiederholen. Bei der Eröffnung der Hauptverhandlung Ende September macht er von seinem Recht auf Zeugnisverweigerung Gebrauch. So bleiben dem Richter und seinen beiden Schöffen fast nur die Video-Aufzeichnung von 2016, Angaben des Jugendamtes, von Lehrern und eines Psychiaters sowie die Einschätzung von zwei Gutachten zu dessen Glaubwürdigkeit. In einem wurde sie bestätigt, im anderen in Abrede gestellt. «Wir haben so viele Zweifel, dass wir nicht sicher sagen können, was passiert ist», sagt Richter Reuff. Nicht nur die Verteidigung, sondern selbst die Anklagevertretung plädierten zuvor auf Freispruch. Staatsanwalt Ulrich Karst räumte ein, die Vorwürfe seien unter den gegebenen Umständen nicht beweisbar.

Zu diesen «Umständen» gehören Pannen bei den Ermittlungen. Sie waren nach einer Anzeige des Jugendamtes gegen die Mutter eingeleitet worden. Als Riesenpleite erweist sich die Video-Vernehmung. Deren technische Qualität ist so mies, dass fast nur der Ermittlungsrichter zu hören ist, nicht aber der Sohn. Obendrein kann die Verteidigung geltend machen, der Ermittler habe suggestiv gefragt und dem Jungen Vorgänge wie das Anlegen von Fesseln, Oralsex und andere Praktiken quasi in den Mund gelegt.

Dabei haben Ermittler nach Einschätzung von Experten sonst eher Vorbehalte, wenn mutmaßliche Opfer über Sex mit der eigenen Mutter berichten. In der Gesellschaft ebenso wie bei Kinder- und Jugendämtern, der Polizei und der Justiz sei eine «friendly mother illusion» weit verbreitet, sagt der Ulmer Kinderschutz-Experte Professor Jörg Fegert. So bezeichnen Fachleute die Annahme, dass Mütter sich nie am eigenen Nachwuchs vergehen würden.

Zuletzt zeigte sich das im Staufener Missbrauchsfall. Ein Paar aus dem badischen Staufen hatte einen heute Zehnjährigen mehr als zwei Jahre lang vielfach vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen. Die 48 Jahre alten Mutter wurde im August zu zwölfeinhalb Jahren Haft, ihr 39-jähriger Lebensgefährte zu zwölf Jahren Haft verurteilt.

«Missbrauchsfälle durch Mütter sind zwar relativ selten, dennoch dürfen sie nicht ignoriert werden», sagt der Ärztliche Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik Ulm. Fegert stützt sich unter anderem auf Studien, wonach Kindesmissbrauch innerhalb von Familien «in relevantem Umfang» auch von Müttern begangen wird. So wies der Abschlussbericht der Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Christine Bergmann, im Jahr 2011 Väter mit fast 60 Prozent als Täter aus - gefolgt von Müttern mit fast elf Prozent.

Im Aalener Prozess hat die Beschuldigte allerdings von Anfang an alle Vorwürfe vehement zurückgewiesen. Vor Gericht erschien sie mit einer türkisfarbenen Kette mit einem Kreuz. Sie sei eine gute Katholikin, erklärte sie. Zudem sei sie lesbisch. Als Richter Reuff ihr vor der Urteilsverkündigung die Möglichkeit des letzten Wortes gibt, legt sie eine Hand auf ihre eigens mitgebrachte Bibel: «Ich schwöre bei Gott, ich habe das nicht getan. Ich stehe nicht auf Kinder, ich stehe auf Frauen.»