Diese Seite benötigt Javascript! Bitte aktivieren Sie Javascript für eine korrekte Darstellung.

Bremsscheiben statt Gardinenbänder: Textilfirmen steuern um

23.10.2018 - Die Textilbranche ist im Wandel. Unternehmen müssen Strategien überdenken, um erfolgreich zu bleiben. Wachstum liegt nicht mehr in Stoffen und Garnen - sondern zum Beispiel in der Formel 1.

  • Ein Textilband mit eingewebten Heizspiralen. Foto: Thomas Warnack © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Ein Textilband mit eingewebten Heizspiralen. Foto: Thomas Warnack © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Biberach an der Riß/Bönnigheim (dpa/lsw) - Unzählige schwarzglänzende Fäden zieht die Maschine an ihrer Rückseite ein. Vorne kommt ein gewebtes Band in Spiralform heraus. Die Webmaschine des Biberacher Gardinenherstellers Gerster verarbeitet allerdings weder Polyester noch Baumwolle, sondern Carbonfaser. Und der Kunde ist kein Raumausstatter, sondern ein Zulieferer für die Rennställe der Formel 1. Flach aufeinandergelegt ergibt das Band eine Scheibe. Der Automobilzulieferer presst sie später zusammen und verklebt sie zu Bremsscheiben. 

Acht Formel-1-Teams verlassen sich nach den Worten von Firmenchef Martin Gerster auf diese Technologie. Das mittelständische Familienunternehmen mit einer über 130-jährigen Geschichte hat vor rund zehn Jahren erkannt, dass Gardinen ein stagnierender Markt sind und hat sich nach einem zweiten Standbein umgesehen. «Wir wollten weiter in Deutschland produzieren», sagte Martin Gerster (60), einer der beiden Geschäftsführer.

Die Gerster GmbH aus Biberach an der Riß macht pro Jahr etwa 30 Millionen Euro Umsatz, davon mittlerweile 15 bis 20 Prozent mit den sogenannten technischen Textilien. Der Umsatz im Bereich «Techtex» wächst den Angaben zufolge relativ konstant zweistellig. Der Markt des ursprünglichen Geschäftsbereiches schrumpft hingegen. Gerster steht damit beispielhaft für den Umbruch der baden-württembergischen Textilindustrie.

Nach Daten des Statistischen Landesamtes arbeiteten 2017 noch rund 21 000 Beschäftigte in der Textil- und Bekleidungsindustrie - deutlich weniger als vor einigen Jahrzehnten. Während der Branchenverband Südwesttextil die Stimmung in der klassischen Bekleidungsindustrie als verhalten beschreibt, sind technische Textilien seit einigen Jahren der Wachstumstreiber für die Branche in Baden-Württemberg. Laut Südwesttextil wuchs der Umsatz in diesem Bereich in den vergangenen acht Jahren um rund 64 Prozent.

Im klassischen Modebereich drücken Insolvenzen im Einzelhandel, aber auch die Fusion von Karstadt und Kaufhof aufs Geschäft. «Modeunternehmen müssen ihre Vertriebskanäle ausbauen», sagte der Hauptgeschäftsführer von Südwesttextil, Peter Haas und nennt als Positivbeispiel die Hemdenmarke Olymp, die 2013 ein 40 Millionen Euro teures Logistikzentrum am Heimatstandort Bietigheim-Bissingen eröffnet hat.

«Handtücher und Frottee sind nicht zukunftsfähig», sagt Jochen Strähle, Professor an der Fakultät Mode und Design der Hochschule in Reutlingen. «Ich muss als Unternehmen dort rein gehen, wo es eine Zahlungsbereitschaft gibt.» Dieses Potenzial gebe es vor allem bei den technischen Textilien. Insbesondere deutsche Firmen könnten sich durch komplexe Produkte und Hightech abheben.

Auch der Nähgarnhersteller Amann aus Bönnigheim (Landkreis Ludwigsburg) hat das erkannt. Amann verkauft stark dehnbare Fäden für Laufkleidung, und Garne, die ein Startup für Stickereien auf Snowboards benutzt. Die schwäbische Firma produziert seit einer Unternehmensübernahme im Jahr 2002 aber auch Garne für Automobilzulieferer. Die Fäden halten unter anderem Airbags und Autositze zusammen, das Unternehmen macht damit rund ein Viertel seines Umsatzes.

«Der Umsatz im Automotive Bereich wächst zweistellig», sagt der Geschäftsführer von Amann und Präsident des Verbandes Südwesttextil, Bodo Bölzle. Die Fäden, die die Firma für die Modeindustrie produziert - etwa zwei Drittel des Umsatzes - wachse zwar ähnlich stark. Allerdings investiert und produziert Amann hier auf der ganzen Welt - der Bereich Automotive wächst allein in Deutschland so stark.

Damit der Standort im Südwesten für die Branche attraktiv bleibt, muss sich nach Ansicht des Verbands allerdings noch etwas ändern. «Bayern und Nordrhein-Westfalen rüsten in der Textilforschung auf», sagte Bölzle. «Hier muss etwas passieren, damit Baden-Württemberg sich nicht die Butter vom Brot nehmen lässt.» Auch der Fachkräftemangel treibt die Branche um. Das sei eine der größten Herausforderungen.