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NS-Überlebende fürchten Erstarken von Extremismus

08.05.2020 - Schlägt in der Krise wieder die Stunde der Extremisten? NS-Überlebende sehen besorgt in die Zukunft - und mahnen zum 75. Jahrestag des Kriegsendes.

  • Charlotte Knobloch nimmt an einem Gedenkakt für die Opfer des Nationalsozialismus teil. Foto: Armin Weigel/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Charlotte Knobloch nimmt an einem Gedenkakt für die Opfer des Nationalsozialismus teil. Foto: Armin Weigel/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

München (dp/lbya) - NS-Überlebende warnen vor einem weiteren Erstarken der extremen Rechten in Folge der Corona-Pandemie. Die immensen Schulden zur Bewältigung der Krise werden die Kluft zwischen Arm und Reich noch weiter verschärfen; das wiederum treibe Menschen stärker den Rechtsextremisten in die Arme, sagte der Holocaust-Überlebende und Präsident der Lagergemeinschaft Dachau, Ernst Grube, der Deutschen Presse-Agentur. Grube, der mit seiner jüdischen Mutter und zwei Geschwistern als Kind früh Ausgrenzung, Entrechtung und schließlich die Deportation ins Ghetto Theresienstadt erlebte, war dort am 8. Mai 1945 von der Roten Armee befreit worden.

Auch die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, äußerte sich besorgt. «Die Krisenzeiten, das wissen wir, waren immer Zeiten von Judenhass. Man sieht die Anzeichen auch dieses Mal, es gibt Kommentare im Internet oder Schuldzuweisungen wie im Mittelalter. Wenn große Gefahr ist, wird den jüdischen Menschen die Schuld zugeschoben», sagte Knobloch. «Die Juden sind an allem schuld. Das ist ein Credo, das viele weitergeben.»

Knobloch kritisierte scharf den AfD-Fraktionschef im Bundestag, Alexander Gauland, der den Tag, an dem der Zweite Weltkrieg in Europa endete, als «Tag der absoluten Niederlage» bezeichnet hatte. «Auch die unerträglichen Vergleiche von Gauland passen ins Bild der vielen historischen Verdrehungen seitens der AfD. Sie ändern aber nichts daran, dass wir den 8. Mai in diesem Jahr erneut in Freiheit und Demokratie begehen, die ohne den 8. Mai 1945 undenkbar wären.»

Schon vor der Krise gab es tödliche Anschläge extrem Rechter, die «rechtsradikale» AfD sei in Parlamente eingezogen. «Ich habe große Sorge», sagte Grube und zitierte das Manifest des Internationalen Dachau-Komitees zum 20. Jahrestag der Befreiung des KZ, eine Art Vermächtnis der Dachau-Häftlinge: Ziel sei es «alles einzusetzen damit es nie wieder ein Dachau geben wird - indem man den Nationalsozialismus überall dort bekämpft, wo er wieder auftaucht.»

Auch an anderer Front drohe eine Gefahr für die freie Gesellschaft: Derzeit würden Freiheitsrechte eklatant beschnitten, um das Coronavirus einzudämmen - manches werde möglicherweise danach nicht wieder zurückgenommen. «Darum müssen die Menschen wachsam sein und sich weiter für den Bestand der Grundrechte einsetzen.»

Als Vize-Vorsitzender der bayerischen Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA), 1946 von Überlebenden gegründet, sah sich Grube im hohen Alter noch dem Vorwurf der Verfassungsfeindlichkeit ausgesetzt. Im bayerischen Verfassungsschutzbericht 2010 war er namentlich genannt. Die VVN-BdA wird in Bayern weiter beobachtet. «Wir werden im Verfassungsschutzbericht gleichgesetzt mit Rechtsradikalen», monierte Grube.

Ende 2019 wurde der VVN-BdA auch die Gemeinnützigkeit zunächst aberkannt. «Damit wird die VVN-BdA in ihrer engagierten Erinnerungsarbeit und in ihrem konsequenten Einsatz gegen die Rechtsentwicklung erheblich geschwächt», sagte Grube. «Eine Wut hab ich schon - aber diese Wut verdunkelt nicht mein Denken.» Als Kommunist sei er für eine friedliche und gerechte Welt. Das Wichtigste sei ihm das Gespräch, die Brücke zwischen den Menschen.

Für Grube, der auch Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung Bayerische Gedenkstätten ist, bleibt es eine Lebensaufgabe, in Schulen von den Verbrechen des Naziregimes zu berichten: Vom Beginn der Ausgrenzung und Verfolgung bis zur Zeit im Ghetto Theresienstadt. Er wolle Kindern und Jugendlichen nahe bringen, was es heißt, in einem Lager ohne Perspektive und voller Angst zu leben - das sei auch eine wichtige Aufgabe mit Blick auf die Menschen, die aktuell in Deutschland und Europa Schutz und Asyl suchten.

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