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70 Zigaretten täglich: Institut hilft bei der Entwöhnung

28.05.2019 - Manche sind erst Mitte 20 und andere schon über 80. Was alle vereint, ist die Sucht nach der Zigarette. In einem Neuköllner Institut lernen Raucher, wie sie davon loskommen. Mehr als jeder zweite schafft es.

  • Reste von gerauchten Zigaretten liegen in einem Aschenbecher. Foto: Ralf Hirschberger/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Reste von gerauchten Zigaretten liegen in einem Aschenbecher. Foto: Ralf Hirschberger/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Berlin (dpa/bb) - Endlich weg von der Zigarette - viele Raucher wünschen sich das. Hilfe bekommen sie auch am Institut für Tabakentwöhnung und Raucherprävention am Vivantes-Klinikum in Berlin-Neukölln. Leiterin Karin Vitzthum wünscht sich mehr finanzielle Unterstützung für die Aufhörwilligen: «Die Entwöhnungskurse werden von den Kassen behandelt wie Rückenschulkurse, bei denen man ein bisschen was für sich tun kann».

Die Kassen zahlen für die Entwöhnungskurse Zuschüsse, übernehmen die Kosten aber nicht ganz. Dabei könnten sie langfristig viel Geld sparen, wenn ihre Versicherten mit dem Rauchen aufhören, so Vitzthum zum Weltnichtrauchertag an diesem Freitag.

Das aktuelle Berliner Nichtraucherschutzgesetz hält die Psychologin für nicht ausreichend. «Wir hoffen, dass nun die bereits vorhandene Gesetzesvorlage beschlossen wird, die weitere Bereiche wie Krankenhausgelände oder die Wohnungen von Tagesmüttern mit einschließt.»

Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD) will das Rauchverbot in der Hauptstadt verschärfen. So soll es künftig auch auf öffentlichen Spielplätzen gelten. E-Zigaretten, Tabakerhitzer und E-Wasserpfeifen sollen überall dort verboten werden, wo das für normale Zigaretten gilt. Einen Entwurf hat die rot-rot-grüne Landesregierung bereits 2018 erarbeitet.

An dem Vivantes-Institut kosten die Entwöhnungskurse 330 Euro. Die Kassen übernehmen laut Vitzthum einen Zuschuss. Andere Länder seien deutlich weiter. «Das große Vorbild ist Großbritannien. Dort werden Beratungen und Medikamente von den National Health Services (NHS) bezahlt», so Vitzthum. Es gebe dort mehr Aufhörversuche von Rauchern. Hierzulande müssen diese auch Medikamente selbst zahlen. Am Dienstag bestätigte das Bundessozialgericht in Kassel diese Praxis. Es entschied, dass die Kassen Kosten für Arzneimittel zur Raucherentwöhnung nicht tragen müssen.

In Gruppensitzungen lernen Raucher an dem Neuköllner Institut, wie sie ihre Sucht in den Griff bekommen. «Wir starten meistens mit einer Messung des Kohlenmonoxid-Gehalts der Ausatemluft», berichtet Vitzthum. Das «öffentliche Pusten» zeige sehr anschaulich und schnell erste Erfolge, die der Verzicht auf die Zigarette bringe.

Besprochen werde auch, welche Muster und Schlüsselreize hinter dem Rauchen stecken und wie Suchtverhalten abgestellt werden kann. «Jeweils nach der zweiten Sitzung stoppen alle gemeinsam mit dem Rauchen, damit sich während der Entwöhnung alle gemeinsam im jeweils selben Stadium befinden», so Vitzthum.

Das Aufhören in der Gruppe mit bis zu acht Teilnehmern sei für viele sehr hilfreich. «Es ist wie beim Erlernen einer Fremdsprache. Man kann es allein zu Hause probieren. In der Gruppe macht es aber mehr Spaß», so die Expertin. Im Schnitt seien die Teilnehmer 55 Jahre alt und rauchten 20 bis 70 oder sogar noch mehr Zigaretten täglich. «Unter ihnen sind sowohl jüngere Raucher mit Mitte 20, aber auch ältere über 80», so Vitzthum.

Dass es so schwer ist, mit dem Rauchen aufzuhören, liegt laut der Expertin auch daran, dass das Nikotin so schnell wirkt: «Bereits nach sieben Sekunden wird das Dopamin ausgeschüttet, ein Botenstoff, der weitere Hirnstoffwechselprozesse anstößt. Das schafft kein Medikament», so Vitzthum. Die Zigarette könne entspannen und anspannen, den Appetit regulieren, die Konzentration steigern, den Stuhlgang einleiten. «Da muss man schon ziemlich kreativ sein, um dies mit Alternativen zu erreichen.»

Viel Überzeugungsarbeit braucht die Psychologin aber nicht. «Die Teilnehmer kommen schon in relativ verzweifeltem Zustand, haben oft schon viel probiert und eine entsprechende Diagnose vom Arzt. Der äußere Druck ist also da und die Teilnehmer wollen wirklich aufhören.» Nach einem Jahr seien bis zu 60 Prozent der Teilnehmer rauchfrei. «Das ist eine gute Quote für eine Suchtbehandlung», so die Therapeutin, die mit ihrem Team die Ex-Raucher jeweils nach den Sitzungen noch ein Jahr lang telefonisch oder per Mail weiterbetreut.

Bundesweit gibt es eine Vielzahl von Rauchfrei-Angeboten. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bietet ein Starterpaket mit Info-Material an, außerdem eine Telefon- und eine Online-Beratung - allesamt kostenlos. Ehemalige Raucher helfen dabei als Mentoren. Darüber hinaus gibt es Gruppenkurse. Die müssen auch bei der BZgA zum Teil selbst bezahlt werden. «Zum Weltnichtrauchertag können kostenfrei bei der BZgA rauchfrei-Spardosen bestellt werden, in denen das gesparte «Zigaretten-Geld» gesammelt werden kann», sagt Pressereferentin Diana Schulz.

Dass das Thema Tabakentwöhnung in Deutschland eher stiefmütterlich behandelt werde, liegt aus Sicht Vitzthums auch an der Lobbyarbeit der Tabakindustrie. «Wenn sich eine Partei das Sommerfest von einer Zigarettenfirma sponsern lässt und die andere Partei Stände auf ihren Festen für horrende Summen an Tabakfirmen vermietet, kann man sich ganz gut erklären, warum so wenig passiert.»

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