Diese Seite benötigt Javascript! Bitte aktivieren Sie Javascript für eine korrekte Darstellung.

Amtsärzte fühlen sich übergangen: Scharfe Kritik an Kalayci

13.05.2020 - Das neue Ampel-Warnsystem für die Corona-Pandemie finden Berlins Amtsärzte nicht nachvollziehbar. Der Gesundheitssenatorin werfen sie außerdem vor, vorab nicht informiert worden zu sein.

  • Dilek Kalayci (SPD), Gesundheitssenatorin von Berlin. Foto: Michael Kappeler/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Dilek Kalayci (SPD), Gesundheitssenatorin von Berlin. Foto: Michael Kappeler/dpa/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Die Berliner Amtsärzte sind sauer auf Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci. Sie werfen der SPD-Politikerin in einem offenen Brief unter anderem vor, sie in die Planungen für ausgeweitete Corona-Tests und für das neue Warnsystem für die Corona-Pandemie nicht einbezogen zu haben. Kalayci hatte das Ampelsystem am Dienstagnachmittag im Anschluss an die Sitzung des Senats vorgestellt. Darin sind die Reproduktionsrate, die Zahl der Neuinfektionen und die Belegung der Intensivbetten mit Covid-19-Patienten die entscheidenden Warnfaktoren. Die Ärzte kritisieren, sie hätten die Informationen darüber ausschließlich aus der Presse erfahren.

«Wir Berliner Amtsärzte und Amtsärztinnen machen darauf aufmerksam, dass wir fachlich-medizinisch in keiner Weise angehört wurden oder eingebunden waren», heißt es in dem Brief, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Die geplanten Maßnahmen seien den Gesundheitsämtern vorab nicht kommuniziert worden. «Bürger und Bürgerinnen wenden sich an uns mit Anfragen, die wir nicht beantworten können.» Das führe zu Irritationen und Verunsicherungen in der Bevölkerung.

«Wir Amtsärzte und Amtsärztinnen setzen auf möglichst evidenzbasierte Entscheidungen und wissenschaftliche Empfehlungen wie beispielsweise aus dem RKI und medizinischer Fachgesellschaften. Auf dieser Grundlage arbeiten die Gesundheitsämter erfolgreich», heißt es in dem Schreiben weiter. So zeige die Kontaktpersonennachverfolgung der Gesundheitsämter ihre Wirkung, ebenso die gezielte Abstrich-Strategie basierend auf den Empfehlungen des Robert Koch-Instituts. «Eine ungezielte Testung ohne medizinische Indikation lehnen wir ab. Auch das gestern öffentlich vorgestellte Ampelsystem ist medizinisch für uns nicht nachvollziehbar.»

Der offene Brief, der auch an die Stadträte für Gesundheit in den Bezirken adressiert ist, endet mit dem Angebot einer engeren Zusammenarbeit: «Gern beteiligen wir uns an der Erarbeitung einer fachlich untermauerten Gesamtstrategie, die für die Akzeptanz in der Berliner Bevölkerung notwendig ist.» Unterschrieben ist der Brief von der Sprecherin der Amtsärzte, Nicoletta Wischnewski.

Ephraim Gothe (SPD), Gesundheitsstadtrat in Mitte, hat sich in einer Mail an seine Amtskollegen überrascht über den offenen Brief gezeigt: «Die Schärfe im Ton verstehe ich nicht», heißt es darin. «Wir haben in den letzten 8 Wochen im Zusammenwirken mit den Krankenhäusern, den niedergelassenen Ärzten, dem RKI, dem Lageso und nicht zuletzt mit der Senatorin wirklich viel geleistet.» Die Kommunikation sei regelmäßig und intensiv gewesen.

«Ich schlage vor, dass wir unseren Amtsärzten empfehlen, die weiter notwendige Abstimmung auf hohem fachlichen Niveau mit dem Lageso, der Senatsgesundheitsverwaltung und gerne weiteren Expert*innen zu führen. Öffentliche Schuldzuweisungen sind kontraproduktiv. Lassen Sie uns weiter daran arbeiten, dass Berlin glimpflich davon kommt.»

Moritz Quiske, Sprecher der Senatsverwaltung für Gesundheit, teilte dazu mit: «Wir haben noch keinen Brief erhalten, wundern uns aber schon ein wenig über die Selbstkommentierungen der Absender. Wir lesen dann erst mal und bleiben auf jeden Fall beim konstruktiven Miteinander.»

Die Berliner CDU-Fraktion sieht das Verhalten der Gesundheitsverwaltung kritisch: «Es ist mir vollkommen unverständlich, warum die Senatorin nicht die Amtsärzte in Entscheidungen einbezieht. Es waren vor allem die Bezirke, die maßgeblich zum bisherigen Erfolg beigetragen haben», so CDU-Gesundheitsexperte Tim-Christopher Zeelen. «Amtsärzte haben eine große Verantwortung und müssen die Vorgaben am Ende umsetzen.»

Daher sei es unverzichtbar, ihren Rat und ihre Expertise zu berücksichtigen. «Nachdem Senatorin Kalayci wochenlang schon nicht die Krankenhausgesellschaft, die Kassenärztliche Vereinigung und die Ärztekammer eingebunden hat, wiederholt sie nun diese Fehler bei den Amtsärzten.»

Kritik an dem neuen Ampelsystem, das in Berlin die in der vergangenen Woche zwischen Bund und Ländern abgesprochene Obergrenzen-Regelung für Neuinfektionen ablösen soll, hatte zuvor bereits der Reinickendorfer Amtsarzt Patrick Larscheid geäußert. Werden bei dem Ampelsystem bei zwei der drei Indikatoren entsprechende Grenzwerte überschritten und springt die Ampel damit von Grün auf Gelb oder sogar Rot, kann das eine erneute Verschärfung von Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie zur Folge haben.

Wird beispielsweise die Marke von 20 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen erreicht, schaltet die Ampel auf Gelb, bei 30 Neuinfektionen auf Rot. Larscheid kritisiert diese Grenzwerte als willkürlich. «Die Zahl 20 und 30, für die gibt es überhaupt keine Grundlage, die ist völlig aus der Luft gegriffen», sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

«Ich muss Zahlenentwicklungen im Blick haben, das ist viel wichtiger als absolute Werte. Insofern bin ich mit diesem System nicht so richtig glücklich.» Für Larscheid gilt dieser Kritikpunkt allerdings auch für die in der vergangenen Woche zwischen Bund und Ländern getroffene Festlegung von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner: «Die alte Regel hat genau dieselbe Schwäche, dass die bloße Zahl völlig willkürlich war. Das sind beides keine guten Modelle.»

Aus seiner Sicht nicht überzeugend ist auch die Kombination der drei Faktoren: «Wenn Sie verschiedene Dinge koppeln, müssen Sie eine Idee haben, warum Sie das tun», sagte er. Dass gerade diese drei Aspekte gewählt worden seien, sei einfach so entschieden worden.

Schließen

Aus Sicherheitsgründen werden Sie nach 30 Minuten Inaktivität vom System abgemeldet.

Um das zu verhindern, werden Sie bitte vor Ende dieses Zeitraums wieder aktiv.

Nach erfolgtem Logout können Sie sich erneut anmelden.
Aus Sicherheitsgründen wurden Sie nach 30 Minuten Inaktivität vom System abgemeldet. Bitte loggen Sie sich erneut ein.

Homepage aktualisieren