Diese Seite benötigt Javascript! Bitte aktivieren Sie Javascript für eine korrekte Darstellung.

Verkehrswende im Zeitraffer: Streit um «Corona-Radwege»

23.04.2020 - In der Autostadt Berlin ist jeder Parkplatz umkämpft, der einem Radweg weichen soll. Nun ist die Autolobby entsetzt, das ausgerechnet die Corona-Krise eine ungeahnte Entwicklung in Gang setzt.

  • Die Fahrradampel zeigt grün an. Foto: Annette Riedl/dpa/Symbolbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Die Fahrradampel zeigt grün an. Foto: Annette Riedl/dpa/Symbolbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Einen neuen Radweg anzulegen, kann in Berlin schon mal zehn Jahre dauern. Doch in der Corona-Krise geht es plötzlich ganz schnell: Mehrere Bezirke schaffen auf oft weniger vollen Straßen Fakten, um die vom rot-rot-grünen Senat propagierte ökologische Verkehrswende zu beschleunigen. Geschützte Radfahrstreifen werden in drei bis zehn Tagen statt Jahren eingerichtet und etwa mit Baken provisorisch von den Autostreifen getrennt. Die meisten dürften auf Dauer bleiben.

Der ADAC Berlin-Brandenburg kritisierte dieses Vorgehen am Donnerstag heftig. «Der Senat nutzt eine Notsituation aus, um Partikularinteressen zu verfolgen», erklärte Verkehrsvorstand Volker Krane. «Der temporäre Rückgang des Pkw- und übrigens auch des Radverkehrs darf nicht dazu genutzt werden, dauerhafte Umverteilungen des Verkehrsraumes durchzusetzen», mahnte er. Dafür werde es keine Akzeptanz in der Bevölkerung geben. Auch ein Plus an Sicherheit für Radfahrer sei durch die neuen Radwege nicht festzustellen.

Verkehrs- und Umweltsenatorin Regine Günther (Grüne) spricht von «Unterstellungen». «In der Corona-Krise kommt es darauf an, die Mobilität in der Stadt bestmöglich zu verteilen, damit das Abstandsgebot eingehalten werden kann», sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. «Daher ziehen wir längst geplante Verbesserungen der Radinfrastruktur an den Straßen vor, die dafür geeignet sind.» Radfahren brauche Platz. Gerade in der Pandemiesituation könne mehr Abstand Leben retten. «Unser Ziel ist es, aus den vorgezogenen Maßnahmen möglichst überall dauerhafte Anordnungen zu machen.»

Das 2018 beschlossene Mobilitätsgesetz, für das sich Berlin bundesweit feiern ließ, sieht unter anderem einen massiven Ausbau der Radinfrastruktur vor. Allerdings verläuft die Umsetzung schleppend. Das liegt nicht zuletzt an der Berliner Verwaltungsstruktur, in der die Bezirke am Ende stemmen müssen, was der Senat beschließt. Und in manchen Amtsstuben genießt das Fahrrad keine Priorität. Hinzu kommt ein Wust von Vorschriften, der Radverkehrsanlagen ausbremst.

Nun sind viele Hauptstraßen wegen der Pandemie leerer, was Bezirke wie Pankow, Mitte, Tempelhof-Schöneberg oder Charlottenburg- Wilmersdorf nutzen, um in Rekordzeit neue Radwege auszuweisen. Berlinweit sind diese auf einer Gesamtlänge von 22 Kilometern fertig, in Arbeit oder Planung, so die Umweltverwaltung.

Allein in Friedrichshain-Kreuzberg, dem Vorreiter, entstanden in den Corona-Wochen bislang zehn Radstreifen mit einer Gesamtlänge von gut 12 Kilometern. Zum Vergleich: In den vergangenen Jahren waren es hier vielleicht 2 Kilometer, wie der Leiter des Straßen- und Grünflächenamtes, Felix Weisbrich, der dpa sagte.

«Das Mobilitätsgesetz schreibt vor, das Hauptstraßennetz mit Radverkehrsanlagen auszustatten. Und das setzen wir um», betonte er. «Das hat nichts mit ideologischer oder Klientel-Politik zu tun.» 43 Prozent der Berliner Haushalte hätten kein Auto, mehr Radwege könnten auch den ÖPNV entlasten. Und: «Auch Radfahrer haben wie alle anderen das Recht, ohne Risiken für Leib und Leben am Verkehr teilzunehmen.»

Kritiker verfolgen die Vorgänge mit Argusaugen. Die CDU spricht von «selbstherrlichen» Alleingängen mancher, vor allem grüner Politiker. Die AfD sieht einen neuen Höhepunkt «linksgrüner Autohasserpolitik» und verweist auf einen Rückgang der Zahl der Fahrradfahrer. «Der Bau von überbreiten Radwegen ist also unsinnig», sagte ihr Verkehrsfachmann im Abgeordnetenhaus, Frank Scholtysek.

Er rechnete unter Berufung auf offizielle Daten von 16 Zählstellen vor, dass die Zahl der Radfahrer in Berlin 2019 im Vergleich zum Vorjahr gesunken sei. 2019 wurden an den Berliner Messstellen demnach 16,7 Millionen Radfahrer gezählt, ein Jahr zuvor noch eine Million mehr. An einigen Zählstellen betrage das Minus über 30 Prozent.

Laut Umweltverwaltung zeigt eine Auswertung der Jahre 2013 bis 2018, dass der Anteil der Wege, die in Berlin mit dem Rad zurückgelegt werden, von 13 auf 18 Prozent gestiegen sei. Eine genaue Auswertung der Zahlen von 2019 liege noch nicht vor. Baustellen, Wetter und Streckenverlegungen hätten Einfluss auf Ergebnisse der Zählstellen.

In den ersten Monaten 2020 wiederum zeigte sich an den automatischen Zählstellen eine steigende Tendenz im Vergleich zu 2019. Jedoch wurde die Entwicklung zuletzt von der Corona-Pandemie gebremst. «Die Anzahl der zurückgelegten Wege geht in der Corona-Krise insgesamt zurück», sagte Lisa Feitsch vom ADFC Berlin. Auswertungen der Verkehrsinformationszentrale und des ÖPNV zeigten aber auch, dass das bei Autoverkehr, Bussen und Bahnen weit drastischer der Fall sei als beim Radverkehr. Fahrrad-Lobbyistin Feitsch: «Wenn Corona-Maßnahmen gelockert werden, ist ein Anstieg des Radverkehrs zu erwarten.»

Schließen

Aus Sicherheitsgründen werden Sie nach 30 Minuten Inaktivität vom System abgemeldet.

Um das zu verhindern, werden Sie bitte vor Ende dieses Zeitraums wieder aktiv.

Nach erfolgtem Logout können Sie sich erneut anmelden.
Aus Sicherheitsgründen wurden Sie nach 30 Minuten Inaktivität vom System abgemeldet. Bitte loggen Sie sich erneut ein.

Homepage aktualisieren