Diese Seite benötigt Javascript! Bitte aktivieren Sie Javascript für eine korrekte Darstellung.

Kontroversen um Schulöffnungen ohne Abstandsregeln

28.05.2020 - Übereilt und zu riskant - verantwortbar und wieder ein bisschen Normalität: Über die bevorstehende Öffnung von Grundschulen ohne Abstandsregeln in der Corona-Krise in Schleswig-Holstein gehen die Meinungen weit auseinander.

  • Stühle sind in einem leeren Klassenzimmer einer Grundschule auf den Tischen abgestellt. Foto: Arne Dedert/dpa/Symbolbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Stühle sind in einem leeren Klassenzimmer einer Grundschule auf den Tischen abgestellt. Foto: Arne Dedert/dpa/Symbolbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Die Entscheidung der schleswig-holsteinischen Landesregierung, in den Grundschulen alle Schüler ab 8. Juni wieder ohne Corona-Abstandsregeln zu unterrichten, hat eine kontroverse Debatte ausgelöst. Lehrer- und Fachverbände kritisierten das Vorgehen als verfrüht, als Gesundheitsgefährdung von Lehrkräften und angesichts der ohnehin nahen Sommerferien ab 29. Juni kaum sinnvoll. Dagegen begrüßte der Landeselternbeirat das Vorgehen, es kehre ein bisschen Normalität in die Schulen zurück.

Laut Staatskanzleichef Dirk Schrödter gingen bei der Landesregierung ganz überwiegend positive Reaktionen ein. «Die Reaktionen sind größtenteils sehr positiv», sagte Schrödter am Donnerstag in Kiel. Laut Regierungssprecher Peter Höver gab es auch kritische Stimmen.

Die Jamaika-Koalition von CDU, Grünen und FDP hatte am Mittwoch beschlossen, dass die Kitas Anfang Juni von der Notfallbetreuung in den eingeschränkten Regelbetrieb gehen können. Und alle Grundschüler sollen vom 8. Juni an wieder im Klassenverband unterrichtet werden - ohne Abstandsregeln. In der letzten Woche vor den Sommerferien sollen alle Schüler aller Schulen tageweise in ihrem Klassenverband zusammenkommen. Der reguläre Schulbetrieb an allen Schulen soll nach den Sommerferien am 10. August mit dem neuen Schuljahr starten.

Die Landesregierung verwies darauf, das neuartige Coronavirus zirkuliere im Land nur noch minimal. Zuletzt wurden in Schleswig-Holstein nur noch sehr wenige neue Corona-Fälle gemeldet.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sehe die Gesundheit von Erzieherinnen und Lehrkräften gefährdet, kritisierte die Landesvorsitzende Astrid Henke. Je größer die Kita-Gruppe oder die Lerngruppe in der Schule, desto größer sei die Gefahr für die Gesundheit der Pädagogen. Nach wie vor gebe es keine gesicherten medizinischen Erkenntnisse, dass Kinder nicht ansteckend seien. In Kitas und Grundschulen sei es unmöglich, Abstand zu halten.

«Bürgerinnen und Bürger sollen weiterhin untereinander 1,5 Meter Abstand halten. Für 25 Kinder in oft zu kleinen und nur schlecht zu belüftenden Grundschulklassen soll das aber nicht gelten. Was für ein Widerspruch!», sagte Henke. Für Erzieherinnen sei ein Abstandhalten wegen ihrer pädagogischen Arbeit, die Nähe zu den Kindern erfordere, sowieso unmöglich. Trotzdem würden die Gruppen nun einfach auf 15 Kinder vergrößert, kritisierte Henke.

Kritik kam auch vom Grundschulverband. «Ich habe das aus den Medien erfahren und konnte es erst einmal nicht glauben - ich halte das für zu früh», sagte die Landesvorsitzende, Professorin Beate Blaseio, am Donnerstag. Es sei auch kaum vermittelbar, dass die Abstandsregeln weiter in der Gesellschaft gelten, aber nicht in der Schule. An der Europa-Universität Flensburg, an der Blaseio lehrt, werde - zum Vergleich - noch das gesamte Wintersemester, das Mitte Oktober beginnt, mit Online-Lehre gestaltet. «Und es macht mir Probleme, dass bei Klassengrößen von bis zu 28 Kindern quasi 28 Familien miteinander in Verbindung gebracht werden in der Corona-Krise.»

Der Grundschulverband habe am 26. April dem Bildungsministerium in Kiel Beratung und Unterstützung in der Corona-Krise angeboten, aber auf sein Schreiben keine inhaltliche Antwort bekommen, sagte Blaseio.

Auch der Landeselternbeirat der Grundschulen und Förderzentren war in die Entscheidung nicht eingebunden. Man sei aber am Mittwoch vor der Pressekonferenz der Landesregierung informiert worden, sagte der Vorsitzende im Landeselternbeirat, Volker Nötzold, am Donnerstag.

«Für die Grundschüler ist es sehr wichtig, in ihre Klasse als ihren Sozialverband wieder zurückkehren zu können nach diesem Ausnahmezustand», sagte Nötzold. Bedeutend sei dies besonders für die 4. Klassen, die sich als Abschlussklassen nach den Sommerferien nicht mehr wiedersehen. Die Gesundheitsrisiken könne er als Nicht-Experte nicht einschätzen, «aber ich bin sicher, dass die Landesregierung fachlich gut beraten war».

Der Deutsche Philologenverband forderte regelmäßige Tests für Schüler und Lehrer. «Was für die Fußballer recht und billig ist, muss für Lehrer und Schüler erst recht richtig und gerecht sein», sagte die Verbandsvorsitzende Susanne Lin-Klitzing der Deutschen Presse-Agentur. «Vor jedem nächsten Schritt und bevor wieder mehr Unterricht stattfinden kann, müssen die Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Dazu gehören auch verfügbare Corona-Tests für Lehrer und Schüler, wenn die 1,50-Abstandsregel in den Klassenzimmern nicht mehr eingehalten werden kann.»

Lin-Klitzing warnte vor «übereilten Schritten bei weiteren Schulöffnungen», wenn der Hygiene- und Gesundheitsschutz nicht gewährleistet werden könne.

Ab Mitte Juni peilt auch Sachsen-Anhalt für Grundschüler wieder einen Betrieb in gesamter Klassenstärke an. Vertreter anderer Bundesländer hatten zuletzt nicht mehr ausgeschlossen, dass zumindest nach den Sommerferien an den Schulen wieder ein Regelbetrieb stattfinden kann.

Bei den politischen Parteien im Norden stieß die Öffnung von Schulen und Kitas parteiübergreifend auf Zustimmung. Gerade für die Familien bedeute dies eine große Entlastung, betonte die FDP. «Viele Eltern werden aufatmen, dass die Doppelbelastung aus Homeoffice und Home- schooling abgemildert werde, ergänzten die Grünen. Zudem bräuchten Kinder andere Kinder. Die CDU sprach von einem richtigen und wichtigen Schritt in Richtung Normalität. Auch die SPD lobte die Öffnung der Kitas als richtig, regte aber eine regelmäßige Testung der Erzieher an, um einer Ausbreitung des Coronavirus vorzubeugen. Die Landesregierung muss nach Auffassung der SPD die Kitas, die Schulen und ihre Träger bei der Umsetzung der Hygienekonzepte unterstützen.

Schließen

Aus Sicherheitsgründen werden Sie nach 30 Minuten Inaktivität vom System abgemeldet.

Um das zu verhindern, werden Sie bitte vor Ende dieses Zeitraums wieder aktiv.

Nach erfolgtem Logout können Sie sich erneut anmelden.
Aus Sicherheitsgründen wurden Sie nach 30 Minuten Inaktivität vom System abgemeldet. Bitte loggen Sie sich erneut ein.

Homepage aktualisieren