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Prügel, Hundebisse und Stromschlag: Zeuge über KZ Stutthof

09.12.2019 - 74 Jahre nach seiner Gefangenschaft im KZ Stutthof hat Abraham Koryski noch ganz konkrete Bilder vor Augen. Als Zeuge im Prozess gegen einen früheren Wachmann schildert er unfassbare Grausamkeiten. Koryskis wichtigste Frage lässt das Hamburger Gericht unbeantwortet.

  • Abraham Koryski , Überlebender des KZ Stutthof, spricht vor Mikros. Foto: Christian Charisius/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Abraham Koryski , Überlebender des KZ Stutthof, spricht vor Mikros. Foto: Christian Charisius/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Hamburg (dpa/lno) - Im Hamburger Prozess gegen einen ehemaligen Wachmann im KZ Stutthof hat ein Überlebender des Lagers von schwersten Misshandlungen der Gefangenen berichtet. «Wir wurden ständig verprügelt, die ganze Zeit, auch während der Arbeit», sagte Abraham Koryski am Montag nach den Worten eines Dolmetschers. Jeder Tag habe damit angefangen, dass die Leichen der nachts Gestorbenen aus seiner Baracke gebracht wurden.

Er habe 1944/45 mehrfach erlebt, wie die SS spontane sadistische «Shows» veranstaltete, sagte Koryski. Einmal habe ein Sohn seinen Vater zu Tode prügeln müssen, vor den versammelten Häftlingen. Ein SS-Offizier haben einen Stuhl zerbrochen und gedroht, irgendeinen der Gefangenen zu erschießen, wenn nicht der Vater den Sohn oder der Sohn den Vater mit einem Stuhlbein erschlage. Daraufhin habe sich der Vater von dem Sohn zu Tode prügeln lassen, der hinterher selbst erschossen wurde.

Der 91 Jahre alte Zeuge wandte sich mit lauter, bewegter Stimme an die Anwesenden im Gerichtssaal: «Ich frage euch alle hier: An was kann man glauben, wenn Menschen so etwas Menschen antun können?» Die Vorsitzende Richterin Anne Meier-Göring antwortete: «Das ist eine Frage, die wir nicht beantworten können.»

Angeklagt in dem Prozess ist ein 93-Jähriger aus Hamburg. Ihm wird Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen vorgeworfen. Als SS-Wachmann in Stutthof soll er zwischen dem 9. August 1944 und dem 26. April 1945 «die heimtückische und grausame Tötung insbesondere jüdischer Häftlinge unterstützt» haben. Zu den Aufgaben des damals 17- bis 18-Jährigen habe es gehört, die Flucht, Revolte und Befreiung von Häftlingen zu verhindern.

Koryski war 1944 als 16-Jähriger aus Litauen in das Lager bei Danzig gebracht worden. Er sei zusammen mit anderen Juden in einer Baracke untergebracht gewesen. Anfang 1945 überlebte er einen Todesmarsch mit Tausenden Gefangenen Richtung Westen, bis ihn die Rote Armee befreite. In Israel arbeitete er später als Automechaniker.

Der Zeuge berichtete, dass auch sein Onkel und eine Tante in Stutthof inhaftiert gewesen seien. Eines Tages habe sein Onkel es gewagt, der Tante im Frauenlager eine Zwiebel über den Zaun zuzuwerfen. Beim Versuch, die Zwiebel aufzuheben, sei die Frau gegen den Elektrozaun gekommen und habe einen tödlichen Stromschlag erlitten. Sein Onkel habe sich danach erhängt.

Nicht nur die SS-Offiziere und Wachmannschaften begingen nach Angaben von Koryski Grausamkeiten. Bei einem Appell habe der Lagerälteste - ein von der SS bevollmächtigter Häftling - einmal seinem Hund zugerufen: «Lux, bring diesen Banditen her!» Der Hund habe sich auf einen Gefangenen gestürzt und ihn zu Tode gebissen.

Der Zeuge musste mehrfach das Krematorium im KZ reinigen. Die Knochen der verbrannten Leichen hätten sie auf einen Wagen geworfen und in einen Graben gekippt. Wenn der Graben heute noch existiere, müsse er voller Knochen sein. Die Überreste aus den Öfen seien sehr heiß gewesen. «Es gab noch brennende Knochen», sagte Koryski. Einmal habe er bei der Arbeit ein kleines Stück Brot gefunden, das er sogleich gegessen habe. Die weitere Befragung durch die Richterin ergab, dass es vermutlich einem vergasten Mitgefangenen gehörte.

Meier-Göring fragte den Zeugen, warum er sich zu der Aussage vor Gericht entschlossen habe. Vor genau dieser Frage habe er Angst gehabt, bekannte Koryski. Er könne sie nicht beantworten, aber es gehe ihm nicht um Rache. «Meine Rache ist, dass ich es geschafft habe (zu überleben).»

In einer Verhandlungspause unterhielt sich der Zeuge kurz mit der in Hamburg wohnenden Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano (94) und übergab ihr ein Schriftstück. Bejarano, die den Prozess als Zuschauerin verfolgte, sagte nach der Verhandlung mit Blick auf den angeklagten ehemaligen Wachmann: «Der Mann muss verurteilt werden, weil er eben dabei war. Jeder, der dabei war, war damit einverstanden, dass die Menschen umgebracht werden.»

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