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Unterricht unter Corona-Bedingungen bleibt umstritten

01.10.2020 - Seit sieben Wochen läuft in Hessen wieder der Schulunterricht unter Corona-Bedingungen. War es Chaos oder ein Erfolg angesichts der Situation? Die Bewertungen gehen weit auseinander.

  • Eine Lehrerin schreibt in einer Schule an die Tafel. Foto: Sebastian Gollnow/dpa/Symbolbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Eine Lehrerin schreibt in einer Schule an die Tafel. Foto: Sebastian Gollnow/dpa/Symbolbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Zum Start der Herbstferien (2.10.) in Hessen stellt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) der Landesregierung für die Corona-Maßnahmen in Schulen ein schlechtes Zwischenzeugnis aus. «Es sind überhaupt keine Vorkehrungen getroffen, wie wir im Herbst und Winter unter Corona-Bedingungen zurechtkommen sollen», sagte die GEW-Vorsitzende Birgit Koch auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Das Kultusministerium beurteilt die vergangenen sieben Wochen dagegen positiver.

Mitte August hatte für mehr als 760 000 hessische Schüler das Schuljahr begonnen. Ein normaler Schulbetrieb wie vor Corona sollte es nicht werden. Zwar verzichtete das Land auf eine generelle Maskenpflicht in Klassenzimmern. Doch Hygieneregeln wurden festgelegt. Zudem galt für Schüler zwar wieder eine Präsenzpflicht. Doch digitale Angebote sollten den Unterricht ergänzen.

Bei Covid-19-Infektionen ordneten die örtlichen Gesundheitsbehörden Quarantäne an: mal für Lerngruppen, mal für komplette Jahrgänge, mal wurden Schulen geschlossen. Ende September durften beispielsweise 5562 Schüler, das entspricht laut Ministerium 0,73 Prozent, wegen Corona-Maßnahmen nicht am Präsenzunterricht teilnehmen. Bei den Lehrern waren es 574 Lehrkräfte (0,92 Prozent). Seit Schuljahresbeginn seien 16 von 1795 Schulen zeitweise wegen positiver Corona-Tests geschlossen worden.

Das Fazit des Landes: «Bewährt hat sich, dass die lokalen Gesundheitsbehörden je nach Infektionslage eine Verschärfung der Maskenpflicht für das Tragen im Unterricht anordnen können», sagte ein Sprecher des Kultusministeriums. Darüber hinaus sei es sehr erfreulich, dass seit Schuljahresbeginn an jedem Tag immer mehr als 99 Prozent der Schüler in die Schule hätten gehen können. Wie viel Unterricht insgesamt ausgefallen ist, dazu hat das Land nach eigenen Angaben keine Zahlen.

Die GEW bezweifelt das. Von einer «Verschleierungstaktik» spricht die Vorsitzende Koch. Sie stellt dem Land auch in anderen Fragen schlechte Noten aus. Viele Ankündigungen seien nie erfüllt worden, sagt Koch: «Das hessische Kultusministerium hat die Sommerferien nicht genutzt, um entsprechend zielführende Dinge auf den Weg zu bringen, die einen geregelten Schulalltag unter Corona-Bedingungen ermöglichen.» Dazu gehöre die Anbindung aller Schulen an ein digitales Schulportal, ein hessenweit einheitliches Videokonferenzsystem. Mancherorts seien nicht einmal alle Klassenräume ausreichend belüftbar.

Die zentrale Kritik sei: «Wir haben viel zu viele Menschen viel zu lange Zeit und in viel zu kleinen Räumen ohne Abstand und ohne Mund-Nasen-Schutz.» Körperliche Distanz zu halten sei unter diesen Bedingungen nicht möglich, Unterricht mit Maske auch keine Lösung.

«Es gibt einige Punkte, bei denen der Schuh ganz schön heftig drückt», sagt Korhan Ekinci, Vorsitzender des Landeselternbeirats. So seien die Eltern mit den Bustransporten zu den Schulen nicht zufrieden, diese fänden unter völlig unterschiedlichen Hygienebedingungen statt. «Auch bei der Digitalisierung haben wir Bauchschmerzen.» Das Stoßlüften der Klassenräume werde angesichts des Herbstwetters zum Problem: «Seit letzter Woche bekommen wir vermehrt Meldungen, dass Kinder sich krank fühlen.»

Wie man darauf reagieren könne, dazu gebe es zwar Ideen. «Es fehlt aber ein Regisseur, der sagt: Ich habe den Überblick.» Insgesamt gehe es im Bereich Schule nicht so schnell voran, wie es die Infektionszahlen eigentlich verlangten. Das Land müsse auch den Mut haben, falsche Entscheidungen rückgängig zu machen.

«Viele Schüler sind froh, wieder zur Schule zu gehen», sagt Landesschulsprecher Paul Harder. Die Corona-Pandemie habe gezeigt, dass Unterricht zu Hause nicht funktioniere. «Die Lehrer sind dafür nicht ausgebildet, Geräte fehlen, für die Digitalisierung wurde viel zu wenig gemacht.» Harder kritisiert «leere Versprechungen» des Kultusministeriums: Das Schulportal als digitale Kommunikationsmöglichkeit für Lehrkräfte und Datenablage stehe entgegen Ankündigungen des Landes weiter nur der Hälfte der Schule zur Verfügung, Funktionen fehlten. Bei positiven Corona-Tests an ihrer Schule fühlten sich die Schüler zudem nicht ausreichend informiert. Auch wenn es nur Einzelfälle gebe, wolle man darüber in Kenntnis gesetzt werden.

Der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamtes, René Gottschalk, und seine Co-Autorin Ursel Heudorf werten im Hessischen Ärzteblatt die Entwicklung der Covid-19-Fälle bis Ende August in Frankfurt aus. Sie kommen zum dem Schluss: «Es gibt keine Hinweise, dass die schrittweise Wiedereröffnung der Schulen zu einer erkennbaren Zunahme an Infektionen bei Kindern und Schulpersonal geführt hat - obwohl wegen Ängsten und Sorgen von Schulgemeinden viele Tests vorgenommen wurden.»

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