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«Befreien Sie ihn»: Gericht untersucht Erpresserstimme

24.10.2018 - Im Prozess um die Entführung von Milliardärssohn Würth spielt die aufgezeichnete Stimme des Kidnappers eine wichtige Rolle. Doch gehört sie auch dem Angeklagten? Gutachter haben eine klare Antwort.

  • Polizeifahrzeuge vor dem Hofgut Sassen, von dem aus Reinhold Würths Sohn entführt wurde. Foto: Arne Dedert/Archiv © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Polizeifahrzeuge vor dem Hofgut Sassen, von dem aus Reinhold Würths Sohn entführt wurde. Foto: Arne Dedert/Archiv © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Gießen (dpa/lhe) - Der Kidnapper spricht ruhig, mit deutlichem Akzent und klingt mitunter etwas verzweifelt. «Ich bitte um Verzeihung», sagt er durchs Telefon zur Mutter von Entführungsopfer Würth. Und fragt, ob sie die Koordinaten erreicht habe, die zu ihrem Sohn führen. «Fahren Sie bitte dahin und befreien Sie ihn», sagt der Mann. So geschieht es auch: Markus Würth wird gerettet. Um zu klären, ob die Stimme dem 48-jährigen Angeklagten gehört und er der Täter ist, hat sich das Landgericht Gießen am Mittwoch mehrere Telefon-Mitschnitte angehört.

Die Stimme des Angeklagten spielt eine zentrale Rolle in dem Prozess, denn die Ermittler stützen ihre Anklage zu großen Teilen auf die Analyse und Zuordnung der Aufnahmen. Experten der Universität Marburg gehen nach umfangreichen Untersuchungen davon aus, dass der Mitschnitt sowie Vergleichs-Aufnahmen aus der Telefonüberwachung des Angeklagten «mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit» vom selben Sprecher stammen. Das sagten die beiden Wissenschaftler am Mittwoch bei der Vorstellung ihres Gutachtens.

Für die Analyse verglichen sie verschiedene Merkmale von Stimme, Sprache und Sprechweise. Zwar hätten die Stimmproben auch Unterschiede aufgewiesen, doch sei das mit «alltäglicher sprachlicher Variation» zu erklären.

Der aus Serbien stammenden Angeklagte soll den behinderten erwachsenen Sohn des baden-württembergischen Unternehmers Reinhold Würth im Juni 2015 im osthessischen Schlitz entführt und am Telefon drei Millionen Euro Lösegeld gefordert haben. Nach einer gescheiterten Übergabe wurde das Opfer einen Tag später in einem Wald bei Würzburg unversehrt an einen Baum gekettet gefunden. Die Ermittler vermuten, dass der Erpresser Komplizen hatte.

Tonaufnahmen gibt es aber nur von dem Mann, der das Lösegeld gefordert hat. Auf den Mitschnitten ist auch die Stimme von Carmen Würth zu hören, die durchaus selbstbewusst mit dem Erpresser spricht. Sie hakt und fragt nach und stellt klar: «Ich will meinen Sohn haben.» Bei einem weiteren Telefonat, offenbar geführt mit dem Mitarbeiter eines Hotels, verrät der Kidnapper in gehetzt wirkendem Ton die Koordinaten des Verstecks. Der Mann solle mitschreiben, das sei sehr wichtig, es gehe «um Leben und Tod».

Das Gericht befragte zudem zwei Zeugen, die die Stimme des Angeklagten erkannt haben wollen. Eine 56-Jährige hatte den Mitschnitt bei einer Polizei-Hotline abgehört, ein 52-Jähriger war der Steuerberater des Angeklagten und von der Polizei mit der Aufnahme konfrontiert worden. Vor Gericht kämpften beide mit ihren Erinnerungen.

Die 56 Jahre alte Zeugin hatte den entscheidenden Hinweis auf den Angeklagten, ihren Handwerker, gegeben. Sie habe zufällig ein Fahndungsplakat gesehen und daraufhin die Hotline angerufen, sagte sie vor Gericht. Sie habe «sofort» die Stimme erkannt. Bei Detailfragen des Vorsitzenden Richters zu sprachlichen Eigenarten musste die Frau allerdings Unsicherheiten einräumen. Der 52-jährige Zeuge, der sich bei seiner Befragung bei der Polizei zu der Stimme noch «ziemlich sicher» gewesen war, sprach nun von Zweifeln.

Der Zeugin fiel nach eigenen Angaben erst später ein, dass ihr Handwerker die ungewöhnliche Wendung «Ich trenne mich» beim Beenden eines Telefonats gebraucht habe. Das macht laut Telefon-Mitschnitt auch der Erpresser. Angesichts mancher Ungenauigkeiten in ihrer Aussage oder fehlender Erinnerungen zu Details sowie nach mehrfacher Nachfrage des Gerichts schränkte die Zeugin ein: Sie gehe zwar davon aus, dass sie sich an die Formulierung korrekt erinnere, doch sei sie nicht mehr 100 Prozent sicher. Der Prozess wird fortgesetzt.