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Ein Wattwanderer muss wissen, wann die Flut kommt

07.08.2019 - Millionen Menschen genießen das Wattenmeer an der Nordsee. Aber immer wieder bringen sich einzelne Wanderer in Gefahr. Retter sagen: Mit einfachen Grundregeln lassen sich die meisten Notfälle vermeiden.

  • Eine Gruppe von Wattwanderern geht zwischen Dagebüll und der Hallig Langeneß durch das Watt. Foto: Christian Charisius/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Eine Gruppe von Wattwanderern geht zwischen Dagebüll und der Hallig Langeneß durch das Watt. Foto: Christian Charisius/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Bremen/Cuxhaven (dpa/lni) - Das Watt an der deutschen Nordseeküste ist faszinierend: Zweimal am Tag lockt eine schier endlose Weite. Doch der freie Blick bis zum Horizont trügt - das Wattenmeer birgt auch Risiken. Jeden Sommer müssen Einsatzkräfte Wanderer, aber auch Schwimmer, Surfer oder Segler aus Notlagen retten. Vor Schillig im Wangerland hievte am vergangenen Sonntag ein Hubschrauber einen Vater mit zwei Töchtern in Sicherheit. Sie hatten auf ihrer Wattwanderung zur kleinen Insel Minsener Oog die kommende Flut unterschätzt. Am Montag steckten Urlauber aus Rheinland-Pfalz, eine 48 Jahre alte Frau und ihre 12-jährige Tochter, in Hooksiel plötzlich bis zur Hüfte im Watt und mussten gerettet werden.

Eine «klassische Situation», sagt Tim Schriemer, Rettungsschwimmer und Einsatzleiter der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) im Kreis Friesland: «Die Menschen sind zu weit draußen im Watt und werden vom auflaufenden Wasser überrascht.» Dabei seien viele Notfälle bei Umsicht und richtiger Vorbereitung vermeidbar.

Deshalb sagen Schriemer und seine Kollegen, der erste Blick vor einer Wattwanderung müsse dem Gezeitenkalender gelten: Wann zieht sich das Wasser zurück, ab wann steigt es wieder? Die Stadt Cuxhaven mit ihrem großen Watt bis zur Insel Neuwerk nennt als Wattwanderzeiten jeweils die letzten zweieinhalb Stunden vor Niedrigwasser. Auch den Wetterbericht sollte man kennen und nur bei Tageslicht gehen.

Dabei ist gegen einen Spaziergang auf dem Meeresboden dicht vor dem Strand nichts einzuwenden. «Aber wir raten grundsätzlich dazu, nur so weit ins Watt zu gehen, dass man in zehn Minuten bei normalen Tempo wieder ans Ufer kommen kann», sagt Schriemer.

Für längere Strecken, für Wege durch Priele, zu vorgelagerten Inseln sollte man sich einem Wattführer anvertrauen. «Die Gefahren sind zu schwer einzuschätzen», sagt Christoph Plaisier von der DLRG in Cuxhaven. Priele können zu reißenden Flüssen werden, Schlickfelder den Weg versperren. «Seenebel ist eine Gefahr», sagt Plaisier.

«Gewitter ist im Watt lebensgefährlich, weil der Mensch der höchste Punkt ist», ergänzt Wattführer Ohle thor Straten vom Fachverband Wattenlöpers in Schleswig-Holstein. Seiner Erfahrung nach passieren die meisten Notfälle, wenn mehrere Probleme zusammenkommen. Ähnlich sieht es die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) in Bremen. «Ein kleines Problem kann sich auf See rasch auswachsen», sagt Sprecher Christian Stipeldey. Das könne auch erfahrene oder gut vorbereitete Sportler im Watt treffen.

Richtige Ausstattung ist wichtig: Sonnenschutz, warme Kleidung, ausreichend Essen und Trinken. Um im Notfall Hilfe rufen zu können, haben die meisten Menschen heutzutage ihr Handy dabei - mit den üblichen Notrufnummern. Aber nicht überall im weitläufigen Wattenmeer gebe es Empfang, gibt Schriemer zu bedenken. Er rät dazu, auch eine Trillerpfeife parat zu haben oder notfalls das T-Shirt zu schwenken.

Ein weiterer Tipp: vor der Wanderung genau Bescheid sagen, welche Route man gehen will. Dann kann der Kontakt an Land Alarm auslösen, wenn die Wanderer überfällig sind. «Das ist der letzte Rettungsstrohhalm», sagt Plaisier.

Die Freude am Wattwandern will keiner der Experten den Gästen vermiesen. Eine «Lebenswelt auf den zweiten Blick» nennt Wattführer Thor-Straten die scheinbar leere Weite: «Vieles findet unter der Oberfläche statt.» Das Wattenmeer sei ein Ort, «den wir mit allen Sinnen genießen können».

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