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Familie erlebt Tod den Tochter zum zweiten Mal vor Gericht

24.06.2019 - War es Totschlag oder doch ein Mord? Das Landgericht Verden muss den Prozess gegen einen gewalttätigen Sexualstraftäter neu aufrollen. Mit im Saal: die Angehörigen der getöteten jungen Frau.

  • Die Statue der Justitia. Foto: Arne Dedert/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Die Statue der Justitia. Foto: Arne Dedert/Archivbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Verden (dpa/lni) - Mehrere Tage ist die Studentin Judith im Herbst 2015 vermisst; dann entdeckt ihr Vater sie tot im dichten Wald am Kloster Loccum bei Bad Rehburg (Kreis Nienburg). Seit Montag muss sich der 66-jährige Niederländer vor dem Landgericht Verden erneut anhören, wie seine 23 Jahre alte Tochter getötet wurde.

Die Familienangehörigen haben als Nebenkläger erreicht, dass der Bundesgerichtshof (BGH) ein erstes Verdener Urteil von 2017 kassiert hat. Zu elfeinhalb Jahren Haft wegen Totschlags mit anschließender Sicherungsverwahrung hatte die Kammer den Täter verurteilt, der schon wegen gewalttätiger Sexualdelikte vorbestraft war.

«Totschlag ist kein lebenslänglich», sagt der Vater der Deutschen Presse-Agentur zu Prozessauftakt. Irgendwann hätte der Täter freigelassen werden können. «Deswegen gehen wir diesen Weg jetzt noch einmal.» Die Verwandten bleiben auch im Raum, als der Vorsitzende Richter Lars Engelke sie zu Beginn des neuen Prozesses darauf hinweist, dass sie absehbar als Zeugen vernommen werden. Nach der erfolgreichen Revision wird der Fall von einer anderen Strafkammer verhandelt. (Az: 3Ks101/19)

Der Angeklagte, ein 51-jähriger Deutscher, verdeckt sein Gesicht mit einem Aktenordner, als er in den Gerichtssaal geführt wird. Sein Mandant werde sich nicht zu seinen Lebensumständen oder zur Sache äußern, kündigt Verteidiger Mathias Huse an. Sechsfacher Vater ist der Angeklagte. Der Prozess ist bis Oktober terminiert.

An jenem verhängnisvollen 12. September 2015 hatte der Mann unbegleiteten Ausgang aus dem Maßregelvollzug in Bad Rehburg, einer Einrichtung für süchtige oder psychisch kranke Straftäter. Wie er auf die junge Frau stieß, ist nicht bekannt. Gefunden wurde sie nackt, nur noch mit einer Socke am linken Fuß.

Der Täter habe sie auf den Waldboden geworfen, festgehalten und gewürgt, um sich sexuell zu stimulieren, sagt Staatsanwältin Annette Marquardt in ihrer Anklageschrift. «Dabei würgte er sie so heftig, dass Judith einen Zungenbruch erlitt.»

Weil sich einiges am Hergang nicht klären ließ, hatte die Kammer 2017 den Angeklagten nicht wegen Mordes, sondern wegen Totschlags verurteilt. Das ließ der Bundesgerichtshof 2018 nicht stehen. Die Kammer habe «es versäumt, das strafrechtlich relevante Vorleben des Angeklagten zu würdigen». Der Mann war wegen zwei Vergewaltigungen 2012 vom Landgericht Aurich verurteilt worden, auch ein dritter Fall ist aktenkundig. Und alle folgten einem ähnlichen Muster: Angriffe auf Frauen, Würgen, Todesdrohungen und sexuelle Übergriffe.

Seine naturverbundene Tochter sei gern im Wald gewesen, erzählt der Vater des Opfers. Als ihr leeres Auto am Rand des Klosterwaldes gefunden wurde, überließen er und die Familie die Suche nicht nur der Polizei. In Motorradstiefeln ging der Vater auf eigene Faust in den herbstfeuchten Wald. Drei Tage durchkämmte er nach eigenen Worten das Unterholz, «wie wir das bei den Pfadfindern gelernt haben». Und dann stieß er auf seine Tochter, die unter Farn und Ästen versteckt lag.

Der Tod der Frau und andere Vorfälle in Niedersachsen haben dazu geführt, dass das Land Lockerungen für Gewalt- und Sexualverbrecher stärker hinterfragt. Die Polizei im Kreis Nienburg sucht seit Mitte vergangener Woche einen weiteren Straftäter, der aus dem Maßregelvollzug in Bad Rehburg getürmt ist. Der 24-Jährige sei noch nicht gefasst, sagte Polizeisprecher Axel Bergmann am Montag. Nach Darstellung der Maßregelvollzugs-Klinik geht von ihm aber keine Gefahr aus. Er sei geflohen, als eine Reinigungskraft während der Arbeit kurz eine Tür geöffnet habe.

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