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Kloster-Museum widmet sich 900 Jahren Verschwörungstheorien

14.05.2019 - Im Mittelalter galten Geheimbünde als Teufelswerkzeug, in Zeiten «alternativer Fakten» stehen auch Eliten unter Manipulationsverdacht: Verschwörungstheorien von früher und heute geht eine neue Ausstellung bei Paderborn auf den Grund.

  • Eine Tasche mit der Aufschrift «Fake news» in Verbindung mit der Mondlandung im LWL-Landesmuseum. Foto: Friso Gentsch © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Eine Tasche mit der Aufschrift «Fake news» in Verbindung mit der Mondlandung im LWL-Landesmuseum. Foto: Friso Gentsch © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Lichtenau (dpa/lnw) - Hinter der Französischen Revolution steckten Geheimbünde, die Mondlandung der Amerikaner wurde im Filmstudio inszeniert und der Klimawandel ist pure Erfindung. Angeblich. Für Anhänger alternativer Wahrheiten ist die Welt oft so schön simpel. Wie Verschwörungstheorien vom Mittelalter bis in die Gegenwart Macht für die einen gesichert und für andere untergraben haben, zeigt ab Samstag eine Ausstellung hinter Klostermauern von Lichtenau-Dalheim.

Das Landesmuseum für Klosterkultur in der Nähe von Paderborn präsentiert darin rund 250 Exponate zum Thema - vom sehr seltenen Erkennungsorden der Illuminaten bis zum Gegenmittelchen zum Schutz vor sogenannten «Chemtrails», angeblich krankmachender Kondensstreifen am Himmel.

Der Ritt durch 900 Jahre Geschichte teils abseitiger, meist aber brandgefährlicher Lügenkonstrukte und Verschwörungsgedanken, macht manchmal schmunzeln, lässt den Besucher aber vor allem beklommen zurück. Denn in den Filterblasen sozialer Medien gedeihen heute neue konspirative Behauptungen, die Wissenschaft oder unsere Demokratie in Frage stellen oder zum Feindbild stempeln.

Dass dies keineswegs harmlos sein muss, zeigt schon der Blick ins späte Mittelalter, wo die chronologisch aufgebaute Ausstellung einsteigt. Wem nachgesagt wurde, mit dem Teufel zu paktieren, der lebte nicht lang: Hexen und Hexer, unter Folter zum Geständnis ihrer angeblichen Teufels-Machenschaften gezwungen, landeten auf dem Scheiterhaufen. In diesen Zusammenhang passen auch weitverbreitete falsche antijudaistische Klischees und Unterstellungen, Juden würden angeblich Brunnen vergiften oder Kinder töten.

Antisemitismus als Grundlage für Verschwörungsgedanken zieht sich durch die Geschichte - und wird unter den Nationalsozialisten in Deutschland zur Staatsideologie. Ein Schlüsselexponat der Schau ist eine zerfledderte, mit handschriftlichen Notizen und eingeklebten Zeitungsausschnitten angereicherte Ausgabe der «Protokolle der Weisen von Zion» aus dem Nachlass des russischen Herausgebers Sergej Nilus. Das krude Dokument sollte die angeblich jahrhundertealten jüdisch-freimaurerischen Weltherrschaftspläne belegen. In unterschiedlichen Versionen wurde der Text zu einem internationalen Bestseller.

Indem sie Wirkweisen und Entstehungsmechanismen der «Alternativ-Wahrheiten» entlarvt, will die Ausstellung immun machen gegen allzu einfache Welterklärungsmuster, erklärt Museumsdirektor Ingo Grabowsky. «Verschwörungstheorien liefern einfache Antworten auf schwierige Fragen», sagt er. Gerade in unsicheren Zeiten seien sie beliebtes Mittel, um abzulenken von Kriegen, Krisen oder dem eigenen Versagen: «Sie benennen Sündenböcke oder schaffen Feindbilder.»

Richtete sich der Verschwörungsverdacht in der Vergangenheit meist von den Eliten auf Randgruppen, rücken seit den 1960er-Jahren Eliten selbst immer mehr in den Fokus: Das System manipuliert und hält seine Untertanen zum Narren, so das Narrativ vieler moderner Verschwörungstheorien. Impfgegner glauben, eine übermächtige Pharmalobby mache aus Profitgier vorsätzlich krank. Selbsternannte Experten konstruieren «alternative Wahrheiten» zu geschichtlichen Verläufen oder wissenschaftlichen Fakten, leugnen den Holocaust, die Existenz der Bundesregierung oder den Klimawandel. Eine Vielzahl populärer Mythen kursiert über die «wahren Hintergründe» der World-Trade-Center-Anschläge.

Gerade in diesem zeitgenössischen Kapitel der Ausstellung sei die Gegenrede besonders wichtig, betont Grabowsky: Die perversen Theorien bleiben nicht unwidersprochen, etwa indem Überlebende des Holocaust vom erlittenen Leid berichten. Ein völlig demolierter Aufzugsmotor aus einem Turm des World Trade Centers dient als Beleg die tatsächliche Zerstörungskraft der Attacken.

Ob's etwas bringt? Entstehungslogiken und historisch wiederkehrende Muster zu erkennen, kann vielleicht sensibilisieren und aufrütteln. Doch Aufklärung hat dort ihre Grenzen, wo Verschwörungstheoretiker sich längst im Gespinst der Theorien verheddert haben: «Wir haben schon viel Post und Anrufe bekommen, von Menschen, die uns freundlich oder nachdrücklich erklären wollen, wie es wirklich war», sagt Grabowksy. Widerspruch sei da dann aber meist zwecklos.

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