Diese Seite benötigt Javascript! Bitte aktivieren Sie Javascript für eine korrekte Darstellung.

Missbrauchs-Aufarbeitung in Kirche durch Unabhängige

25.06.2020 - Gut zehn Jahre nach der Aufdeckung des Missbrauchsskandals tritt die katholische Kirche in eine neue Phase der Aufarbeitung. Jetzt geht es in den Bistümern um Verantwortung und Fehlverhalten. Unabhängige Experten und auch Opfer sind mit dabei.

  • Ein Kreuz ist auf einer Kirchturmspitze zu sehen. Foto: Friso Gentsch/dpa/Symbolbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Ein Kreuz ist auf einer Kirchturmspitze zu sehen. Foto: Friso Gentsch/dpa/Symbolbild © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Bei der Aufarbeitung von hundertfachem sexuellen Missbrauch in den katholischen Bistümern in Rheinland-Pfalz und im Saarland werden nun auch Opfer und externe Fachleute mit am Tisch sitzen. Das sieht eine Erklärung vor, die die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) und der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung unterzeichnet haben - und die nun auch offiziell in den Bistümern wirksam wird. In Trier wird Bischof Stephan Ackermann am (heutigen) Donnerstag (15 Uhr) für sein Bistum die unabhängige institutionelle Aufarbeitung in Gang setzen.

In den ersten zehn Jahren nach der Aufdeckung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche Deutschlands Anfang 2010 ging es vor allem im individuelle Aufklärung. Nun soll die Kirche selbst in den Blick genommen werden: Es dreht sich um Verantwortlichkeiten, wie das jeweilige Bistum mit Tätern und Opfern umgegangen ist. Und es geht um das Aufdecken von Strukturen, die Missbrauch ermöglicht, erleichtert oder vertuscht haben. Auch wie viele Fälle in welchem Umfang es genau gab, soll ermittelt werden.

Die Aufarbeitung erfolgt nach zuvor festgelegten Kriterien und Standards: In jedem Bistum wird eine Kommission eingerichtet, die laut Empfehlung sieben Mitglieder umfassen soll. Zwei Personen sollen Betroffene sein, die anderen Experten aus Wissenschaft, Fachpraxis, Justiz, öffentlicher Verwaltung und der Diözese. Aus der Kirche oder einem Laiengremium dürfen aber nur weniger als die Hälfte stammen, wie in dem Papier steht. Der Kommission wird Akteneinsicht gewährt. In Trier muss eine solche Kommission noch gebildet werden.

Die Aufarbeitungsprozesse, die damit angestoßen würden, «gehören zu der institutionellen Verantwortung, die die Bischöfe und Diözesen für begangenes Unrecht übernehmen», sagte Ackermann als Beauftragter der DBK für Fragen des sexuellen Missbrauchs. Für ein transparentes Durchleuchten aller 27 Bistümer nach einheitlichen Kriterien hatten Betroffene lange gekämpft. Die Erklärung der Bischöfe und des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung war Ende April beschlossen und am Montag besiegelt worden.

Einige Bistümer haben mit der Aufarbeitung in eigenen Kommissionen bereits begonnen. Im Bistum Mainz beispielsweise gibt es seit 2019 eine Aufarbeitungskommission, die mit externen Fachleuten besetzt ist. Aktuell werde daran gearbeitet, die beschlossenen Standards für die Aufarbeitungskommission umzusetzen, teilte Sprecher Tobias Blum mit. Dazu gehöre auch die Einbindung von Betroffenen. Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf habe die Erklärung bereits unterschrieben.

Im Herbst 2018 hatte die katholische Kirche die sogenannte MHG-Studie und damit Zahlen zu sexuellem Missbrauch öffentlich gemacht. Demnach sind bundesweit in den Personalakten von 1946 bis 2014 insgesamt 1670 Kleriker wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger beschuldigt worden. Es gab 3677 Opfer. In Rheinland-Pfalz und im Saarland wurden Hunderte Kinder und Jugendliche missbraucht. Die Studie wurde unter anderem kritisiert, weil die Wissenschaftler keinen direkten Zugang zu den Personalakten hatten.

Bischof Kohlgraf habe mehrere Gespräche mit Menschen geführt, die von sexuellem Missbrauch betroffen seien, sagte der Sprecher. Daraus sei deutlich geworden, «dass die Perspektive der Betroffenen nicht nur Voraussetzung für eine Aufarbeitung ist, sondern leitend für die Wege der Aufarbeitung sein muss. Eine allein juristische Herangehensweise, wie sie auch im Bistum Mainz bisher vorherrschend war, wird es nicht mehr geben.»

Das Bistum habe zudem im Juni 2019 den Regensburger Rechtsanwalt Ulrich Weber beauftragt, ein unabhängiges Projekt zur Aufklärung der Missbrauchstaten im Bistum Mainz zu machen. Das Projekt nehme Taten seit 1945 in den Blick und frage danach, wie im Bistum damit umgegangen wurde. Ein großes Anliegen sei auch, bislang verborgenes Wissen über Fälle sexueller Gewalt im Bistum ans Licht zu bringen.

Das Bistum Speyer plant derzeit die Einsetzung einer Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs. Aktuell liefen die Beratungen über die personelle Zusammensetzung, sagte Sprecher Markus Herr. Das Bistum werde die Landesregierungen in Mainz und in Saarbrücken für die Besetzung von Kommissionsmitgliedern aus externen Bereichen um Benennung geeigneter Personen bitten. Zudem soll ein unabhängiges wissenschaftliches Forschungsinstituts beauftragt werden.

Mit der Kommission und der Studie sollte die Frage in den Mittelpunkt rücken, welche «systemischen Faktoren» den Missbrauch in der Kirche begünstigt haben und ob die Handelnden auf der Führungsebene ihrer Verantwortung hinreichend gerecht geworden sind. Die Erkenntnisse sollten helfen, auf dem Weg der Prävention die Risikofaktoren für sexuellen Missbrauch frühzeitig zu erkennen und Maßnahmen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen zu ergreifen, sagte der Sprecher.

Im Bistum Limburg ist man mit der institutionellen Aufarbeitung nach eigenen Angaben «schon sehr weit». In einem gerade beendeten Projekt mit Wissenschaftlern, Kirchenvertretern und Betroffenen seien rund 60 Maßnahmen erarbeitet worden, wie künftig Übergriffe verhindert werden sollen, sagt der Sprecher des Bistums, das in Hessen und in Rheinland-Pfalz liegt. Zu dem Projekt «Betroffene hören - Missbrauch verhindern» gehöre auch die Sichtung aller Personalakten von Klerikern.

Limburgs Bischof Georg Bätzing will die Ergebnisse umsetzen. Zeitnah sollen eine unabhängige diözesane Kommission und ein bischöflicher Beauftragter eingesetzt werden. Dem unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauch, Johannes-Wilhelm Rörig, habe Bätzing bereits den Abschlussbericht übergeben und ihn um eine Äquivalenzbescheinigung gebeten.

Schließen

Aus Sicherheitsgründen werden Sie nach 30 Minuten Inaktivität vom System abgemeldet.

Um das zu verhindern, werden Sie bitte vor Ende dieses Zeitraums wieder aktiv.

Nach erfolgtem Logout können Sie sich erneut anmelden.
Aus Sicherheitsgründen wurden Sie nach 30 Minuten Inaktivität vom System abgemeldet. Bitte loggen Sie sich erneut ein.

Homepage aktualisieren