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Alternativen zur Alternative: Görlitz vor der Wahl

21.05.2019 - Görlitz gilt als Hochburg der AfD. Mit Sebastian Wippel will die Partei dort erstmals in Deutschland einen Oberbürgermeister stellen. Andere wollen das verhindern.

  • Franziska Schubert (Bündnis 90/Die Grünen) steht in der Görlitzer Altstadt. Foto: Miriam Schönbach/Archiv © dpa - Deutsche Presse-Agentur

    Franziska Schubert (Bündnis 90/Die Grünen) steht in der Görlitzer Altstadt. Foto: Miriam Schönbach/Archiv © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Görlitz (dpa/sn) - Eilig gehen die meisten Görlitzer am CDU-Stand in der Berliner Straße vorbei. Dort machen drei Frauen Wahlkampf für ihren Oberbürgermeisterkandidaten Octavian Ursu (51). Mit ihm gehen am 26. Mai drei Bewerber um das Amt ins Rennen. Nach dem bundesweit zweitbesten Ergebnis der AfD bei der Bundestagswahl 2017 rechnen viele mit einem Paukenschlag. Damals nahm Tino Chrupalla (AfD) Sachsens CDU-Generalsekretär und heutigem Regierungschef Michael Kretschmer (CDU) nach 15 Jahren sein Direktmandat ab. Nun soll nach dem Willen der AfD Sebastian Wippel als erster Rechtspopulist den Chefsessel im Rathaus der 56 000 Einwohner zählenden Stadt einnehmen.

Stadtoberhaupt will auch Franziska Schubert werden. Ein Kreis aus Kreativen, Kultur- und Wirtschaftsmachern, aus alten und neuen Görlitzern hat die 37 Jahre alte Grünen-Politikerin gefragt, ob sie für ein breites Bürgerbündnis um den ersten Posten in der Stadt kämpfen möchte. «Ich bin Lokalpatriotin. Görlitz ist für mich das Zentrum dieser Region, von der Größe, der Geschichte und den Potenzialen her», sagt die Frau, die aus dem nahen Neugersdorf stammt.

Mitte Mai ist Schubert mit ihren politischen Kontrahenten in der Hochschule Görlitz-Zittau zu Gast. Schubert, Wippel und Ursu bringen Erfahrung aus dem Sächsischen Landtag mit. Die vierte Kandidatin, Jana Lübeck von der Linken, Jahrgang 1984, kann ein solches Pfund nicht vorweisen. Vier Fragen bekommen alle OB-Kandidaten, eine Minute Zeit bleibt ihnen für die Antwort. Zuletzt darf auch noch das Publikum nachhaken.

Die erste Runde ist zum Warmwerden. «Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Superheld», heißt die Vorlage. Ursu - geboren in Bukarest, kam 1990 als Solotrompeter zur Neuen Lausitzer Philharmonie - möchte gern die Kraft haben, die Zukunft zu verändern. Kulturmanagerin Lübeck wünscht sich manchmal unsichtbar zu sein. Der 37-jährige Wippel dagegen erhofft sich die Superkraft der Gedankenkontrolle. «Damit könnte man den Unsinn in den Köpfen der Menschen abstellen», sagt der Polizeioberkommissar.

Ein Raunen geht durch die Reihen. Dann malt er das Bild von einer Technischen Universität Dreiländereck, die «internationale Gäste im Bereich Hochschule und Kultur willkommen heiße». Fragen aus dem Publikum nach Öffnung der Hochschule für Studenten aus Ländern außerhalb Europas pariert er mit den Worten, dass er für eine «Willkommenskultur für Leistungsträger» sei. Es könne jedoch nicht sein, Studenten aus Afrika und Asien anzuwerben. Der Beifall bleibt aus.

Auch im Stadtteil Königshufen lächelt sein Gesicht auf Plakaten mit dem Slogan «Ein Görlitzer für Görlitzer». Seit Jahren geht in diesem Stadtteil die Bevölkerungszahl zurück. Viele der Einwohner fühlen sich als Wendeverlierer. Dort macht Wippel mit seinem «Wippel-Mobil» im Wahlkampf Halt, kocht im Mehrgenerationenhaus, gibt sich stadtväterlich.

Die Wahlwerbung von Octavian Ursus zeigt den Christdemokraten auf großen Plakatwänden mit riesigen Videoüberwachungskameras. Laut Polizei gehört Görlitz durch die Grenzlage zu den Städten mit der höchsten Einbruchs- und Diebstahlsrate in Sachsen. Mit der Installation von vier Videokameras will die Polizei das Problem ab August in einem Pilotprojekt in den Griff bekommen. Das Thema eignet sich auch für Wippel. Er wirbt mit dem Slogan «Mit Grenzen lebt sich's besser».

Zur Bundestagswahl holte die AfD im Görlitzer Wahlkreis bei den Zweitstimmen 32,9 Prozent und lag damit 6 Punkte vor der Union. Die Linke bekam 14 Prozent, die Grünen knapp 3 Prozent. Für die meisten Görlitzer scheint indes die Oberbürgermeisterwahl noch offen. Fragt man Menschen auf der Straße, zucken viele unentschieden mit den Schultern. Ein zweiter Wahlgang am 16. Juni scheint sicher.

«Um eine Chance zu haben, war meine Bedingung ein breites Bürgerbündnis», sagt Franziska Schubert. Zu ihren Unterstützern gehören die «Bürger für Görlitz» und eine Bewegung namens «Motor Görlitz». Schubert blickt über die Neiße. Auf der anderen Seite des Flusses liegt der polnische Teil der Europastadt. «Ich würde mir wünschen, dass wir als Nachbarn mehr zusammenmachen», sagt sie und schließt Städte wie Weißwasser und Zittau ein. In Görlitz will sie Platz für Mobilität, Zukunftsbranchen und mehr Bürgerbeteiligung schaffen. Trotz ihres grünen Parteibuchs sieht sich die Katholikin in der bürgerlichen, wertkonservativen Ecke - und in der politischen Tradition von Bündnis 90.

Schubert meint, dass am 26. Mai ganz Deutschland auf Görlitz blicken werde. Zu «Was-Wäre-Wenn-Spekulationen» hält sie sich zurück. «Das muss man diejenigen fragen, die hier aktiv sind, die Studierenden oder die Konzerne, die mit internationalen Fachkräften kommen wollen.» Vielleicht zeigt schon der Wahlabend am Sonntag, welche Richtung die Stadt einschlägt.

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